Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

164. Freitagsbrief (vom 24. Juli 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Rostow
Bezirk Tschertkowskij
Ilja Michajlowitsch Lyttschenko.

Guten Tag, sehr geehrte Mitarbeiter des Vereins "Kontakte" und alle Bewohner Deutschlands!

Es schreibt Ihnen der ehemalige Kriegsgefangene Nazi-Deutschlands Ilja Michajlowitsch Lyttschenko. Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht sofort auf Ihren Brief geantwortet habe. Ich danke Ihnen sehr für die humanitäre Hilfe. Deutschland hat also die Kriegsgefangenen nicht vergessen. Ich habe am 24. April Ihre Unterstützung bekommen, die Summe betrug 12 458,46 russische Rubel. (…)

Nun möchte ich von meinem Leben in der Gefangenschaft schreiben. Ich wurde im Oktober 1940 als Junge von 18 Jahren zum Grundwehrdienst in die Sowjetische Armee eingezogen. Ich diente an der Westgrenze (Ustrzyki Dolne, Przemysl). Am 22. Juni 1941 begann dann der Krieg. Und die Armee, in der ich diente, verteidigte sich um fünf Uhr morgens gegen den ersten Angriff. Im August 1941 wurden zwei unserer Armeen dann eingekesselt und man nahm uns gefangen. Das war im Gebiet Kirowograd, im Dorf Podwysokoe. Sie trieben uns alle in die Grube von Uman (eine Ziegelgrube). Nun begannen die Schikanen. Wir standen bei jedem Wetter unter freiem Himmel in dieser Grube. Wir waren so viele, dass wir uns kaum hinlegen konnten. Wir bekamen entweder gar kein Essen oder sie warfen uns beispielsweise ein schon faulendes totes Pferd in die Grube. Wir haben sogar die Hufe gegessen.

Dann brachte man uns nach Winniza. Dort war es noch schlimmer, zum Essen bekamen wir gekochte Rüben mit Rübenkraut und Brot aus Hirseschalen. Sie stellten die russischen Soldaten hinsichtlich ihrer Überlebensfähigkeit auf die Probe. Auf jede Ungehorsamkeit stand die "Exekution". Es herrschte entsetzlicher Hunger, überall Unmengen an Läusen. Jeden Tag starben hunderte gefangene Soldaten.

Ich habe dreimal versucht, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Ich wurde aufgegriffen, sie hetzten die Hunde auf mich, schlugen mich mit Peitschen, und als ich das Bewusstsein verlor, übergossen sie mich mit Wasser und schlugen weiter. Später kam ich ins Ruhrgebiet nach Dortmund ins Kohlebergwerk und arbeitete im Schacht. Um drei Uhr morgens wurden wir geweckt und mussten in den Schacht. Der Stollen war nur 90 cm hoch (und ich bin 1,90 m groß). Unsere Arbeitsnorm pro Tag – 2,5 Meter abtragen. Solange man die Norm nicht erfüllt hatte, durfte man nicht nach oben. Wir bekamen als Tagesration Rübensuppe, Kaffee-Ersatz und ein Stück Brot. Einmal im Monat hatten wir einen Tag frei. An diesem freien Tag mussten wir uns auf Befehl des Lagerkommandanten im Lagerhof aufstellen, ohne Oberbekleidung und das bei jedem Wetter. Der Kommandant schritt dann die Reihe ab, und wenn ihm jemand nicht gefiel, dann schlug er ihm mit der Faust ins Gesicht. Wenn derjenige sich auf den Beinen halten konnte, ließ er es gut sein, wenn nicht, schlug er ihn noch mit dem Stock. Alles war auf die Vernichtung der russischen Rasse ausgerichtet. Wir aber hielten durch, obwohl nicht viele von uns übriggeblieben sind. Als ich zur Armee ging, wog ich 70 Kilo, als ich aus der Gefangenschaft befreit wurde, wog ich nur noch 45 Kilo, und das bei einer Größe von 1,90 m.

Seit dieser schrecklichen Zeit sind schon viele Jahre vergangen, aber ich erinnere mich noch ganz genau an alles. Bis heute träume ich manchmal davon: Von den Hunden, den Peitschen, dem Schacht usw., ich wache schweißgebadet auf und ohne Tränen kann ich an diesen Alptraum nicht zurückdenken. Nach dem Sieg habe ich noch zwei Jahre in Deutschland gedient. Es gab dort einfache, gute Deutsche, die uns russischen Soldaten geholfen haben.

Jetzt bin ich schon 89 Jahre alt. Ich lebe in einem Dorf in der Nähe der Kreishauptstadt.

Ich habe drei Ehefrauen beerdigt. Meine jetzige Frau ist viel jünger als ich. Wir haben einen Garten von 10 Ar Größe, in dem wir Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Gurken, Zucchini, Mais, Kohl, Kürbisse und Bohnen ziehen. Wir haben auch einige Kleintiere: Hühner, Gänse, Enten und Kaninchen. Natürlich macht meine Frau alles, ich kann ihr nur wenig helfen. Ich habe keine eigenen Kinder. Meine Frau hat zwei Kinder und auch schon Enkel. Sie helfen uns.

Natürlich haben wir einfachen Leute, ob Deutsche oder Russen, keine Schuld und wir konnten nichts machen. Ich würde sehr gerne jetzt mal nach Deutschland fahren. Zur Sowjetzeit hat man mich nicht ins Ausland gelassen, weil ich in der Gefangenschaft war. Jetzt aber ist das Reisen sehr teuer und wir können es uns nicht leisten. So war und ist also mein Leben. Natürlich kann man es nicht auf zwei Seiten ganz erzählen. Ich danke Ihnen und dem ganzen deutschen Volk sehr dafür, dass Sie uns nicht vergessen haben. Vielen Dank für die humanitäre Hilfe. Möge Gott Ihnen Gesundheit schenken und Erfolg und möge unseren Völkern nie wieder eine solche Tragödie zustoßen. Der Himmel über unseren Köpfen soll immer wolkenlos sein.

Mit Hochachtung vor Ihnen und dem ganzen deutschen Volk,

Ilja Michajlowitsch Lyttschenko.

P.S. Entschuldigen Sie! Aus irgendeinem Grund kam der Brief nach langer Zeit zu mir zurück und ich sende ihn jetzt noch einmal. Ich hoffe, dass er diesmal ankommt.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.