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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

163. Freitagsbrief (vom 15. Juli 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Rostow
Nowotscherkassk
Aleksandr Prokopjewitsch Fomin.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“!

Als Erstes möchte ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank aussprechen für Ihr Interesse an meinem Schicksal und für die materielle Unterstützung, die Sie mir haben zukommen lassen. Das Geld habe ich schon bekommen und möchte es für meine Gesundheit ausgeben.

Ich schicke Ihnen einige früher publizierte Artikel mit meiner Biographie.

Während des Krieges sind mir unter den Deutschen viele sowohl schlechte als auch gute Menschen begegnet. Ich kann mich fast an alles aus meiner Kriegszeit erinnern, natürlich kann ich hier nicht alles aufschreiben, ich werde Ihnen nur zwei Beispiele anführen.

Ich bin bei der Verteidigung Sewastopols in Gefangenschaft geraten. Ende Februar 1943 wurden wir in Lubny [Dulag 171] im Gebiet Poltawa in Güterwaggons geladen und nach Deutschland verladen, da sich die Front nach der Schlacht um Stalingrad schnell Richtung Westen bewegte. Wir, die Kriegsgefangenen, wussten, dass wir uns diese Chance nicht entgehen lassen durften und bereiteten uns auf die Flucht vor. Wir besorgten uns ein Messer, schärften es und versteckten es im Stiefel unter der Sohle – nur so konnte man es in den Waggon schmuggeln. Kaum war unser Transport abgefahren, machten wir uns ans Werk – die Tür musste aufgesägt werden. Hinter Kiew (Bahnhof Fastow) hielt unser Transport, wir hörten Hundegebell und Gespräche auf Deutsch, und als unsere Waggontür von außen mit einer Taschenlampe angeleuchtet wurde, da sahen wir, dass wir die Tür bereits ganz aufgesägt hatten, nur noch ein bisschen – und wir wären frei. Die Wache öffnete die Tür und zog uns (etwa zehn Personen) aus dem Waggon und stellte uns in einer Reihe davor auf. Unter Androhung von Erschießen verlangten sie zu erfahren, wer die Tür zersägt hatte. Dann erschossen sie jeden Zweiten: jeder mit einer ungeraden Zahl war zum Tode verdammt. Ich war der Zweite in der Reihe. Wir kamen in einen anderen Waggon und der Transport setzte sich weiter Richtung Westen in Bewegung.

Noch ein Beispiel. Es war schon das Jahr 1944. Unser Lager befand sich im Norden von Norwegen. Zwei Einheimische, zwei Bewohner Lapplands (Lappen) schleppten einen mit Seilen gefesselten russischen Kriegsgefangenen an, den sie in der Tundra geschnappt hatten, übergaben ihn dem deutschen Kommandanten und bekamen zur Belohnung zwei Päckchen Tabak. Der Kommandant befahl, den Gefangenen nackt auszuziehen und an einen Pfahl zu binden. Sofort stürzte sich eine ganze Wolke von Mücken auf ihn, die er nicht vertreiben konnte. Wir alle mussten uns hinter dem Zaun aufstellen und dieses grausame Schauspiel mit ansehen. Nach Mitternacht erst wurden wir zurück in unsere Baracken getrieben, der Mann aber starb in dieser Nacht.

Mitte April 1943 kamen wir nach Deutschland, wir wurden in Kasernen untergebracht, die noch aus dem Ersten imperialistischen Krieg stammten. Wir fanden dort die Gräber von russischen Soldaten von 1914–1915, sie waren in einem sehr gutem Zustand, anscheinend kümmerte sich jemand die ganze Zeit um sie. Das verdient höchste Anerkennung, wir Russen können das nicht, wir schaffen es nicht, unsere Leute zu solcher Ordnung und Sauberkeit zu erziehen. Das Städtchen, in dem wir waren, hieß Mühlberg [Stalag IVB], wenn ich mich richtig erinnere. Wir wurden einer sanitären Behandlung unterzogen, unsere ganze Kleidung kam in die Gaskammer zur Desinfektion. Ich hatte ein kleines Päckchen mit den Fotos meiner Familie, das ich in den wasserundurchlässigen Stoff eingenäht hatte. Auf meine Frage, ob ich die Fotos herausnehmen könnte, da sie für mich sehr wichtig seien (bis dahin war es mir gelungen, sie unbemerkt bei mir zu tragen), sagte der Soldat: „Geben Sie her, ich helfe Ihnen.“ Ich hatte keine Wahl, ich musste ihm das Päckchen mit den Fotos geben. Als die Prozedur mit der Desinfektion abgeschlossen war, trat ein Unteroffizier zu mir und befahl mir, mit ihm zu gehen. Wir gingen in den Raum der Wachleute, in dem viele Soldaten waren. Der Unteroffizier sagte zu ihnen: „Das ist ein russischer Marinesoldat, der Sewastopol verteidigt hat. Wir verneigen uns vor diesen Männern für ihren Mut und ihre Tapferkeit.“ Dabei überreichte er mir ein Laib Brot, ein Päckchen Butter und Honig und gab mir auch die Fotos zurück mit den Worten: „Passen Sie gut darauf auf, niemand hat das Recht, sie Ihnen wegzunehmen.“ Für mich kam das alles gänzlich unerwartet, ich war einfach überwältigt.

Solch unterschiedliche Deutsche habe ich getroffen und nun, Dank Ihres Briefes und Ihrer Anteilnahme an meinem Schicksal, weiß ich endgültig, dass das deutsche Volk großherzig ist. Sie brauchen sich nicht für etwas zu schämen, an dem Sie keine Schuld haben. Das Volk sollte nicht bezahlen für die Fehler seiner Regenten.

Nach Kriegsende merkte ich, wie schlecht es war, dass ich keine zivile Ausbildung hatte. Ich wollte unbedingt an eine Fachhochschule und ein Studium in Bereich Technik absolvieren. Zu der Zeit wurde bei uns im Ural in Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) am Politechnischen Institut des Ural eine neue Fakultät gegründet, „Elektrifizierung der Eisenbahn“ – die Dampfloks hatten ausgedient. Ich schloss das Institut mit Erfolg ab und wurde zur Arbeit in einer Elektrolok-Fabrik nach Nowotscherkassk im Gebiet Rostow geschickt. Ich begann meine Karriere als Schichtmeister der Montageabteilung und wurde ein Jahr später zweiter Abteilungsleiter. Alles über mein weiteres Schicksal können Sie im Zeitungsartikel „Die besten Leute“ nachlesen.

Zum Abschluss meines Briefes möchte ich sagen, das ich mit meiner Arbeit zufrieden bin. In den Jahren haben wir es geschafft, die wichtigsten Bahnstrecken auf Elektroloks umzustellen, darunter auch die Linie Wladiwostok-Brest mit einer Länge von über 10 000 Kilometern.

Mit achtzig Jahren hatte ich endgültig aufgehört zu arbeiten und erhole mich nun, widme mich meinen Wehwehchen.

Ich lege meinem Brief zwei Zeitungsartikel bei.

Mit aufrichtiger Hochachtung,

A. P. Fomin.

(Auf der Rückseite des Briefs stand:) PS: Wir, die Kinder von A. P. Fomin, möchten Ihnen, liebe Mitarbeiter des Vereins „Kontakte“, unsere tiefe und aufrichtige Dankbarkeit ausdrücken, und in Ihrem Namen auch den deutschen Bürgern! Wir sind sehr gerührt von der Unterstützung, die Sie unserem Vater haben zukommen lassen, und noch mehr von Ihrem Interesse an ihm – das ist für ihn nicht weniger wichtig, vielleicht sogar wichtiger. Wir möchten Ihnen allen Wohlergehen wünschen und dem deutschen Volk einen friedlichen Himmel, möge es blühen und gedeihen.

Mit aufrichtiger Hochachtung,

Sergej Aleksandrowitsch Fomin,
Jelena Aleksandrowna Fomina.

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