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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

161. Freitagsbrief (vom 4. Juli 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

W. M. Sintschenko
Russland
Batajsk/ Rostow.

Sehr geehrte Vorsitzende und Mitglieder des Vereins Kontakte-KOHTAKTbI,

Ich habe Ihren Brief vom 16.06.2009 bekommen. Ich habe Ihnen auch schon einen Brief geschickt, in dem ich mich wiederholt habe, entschuldigen Sie bitte, ich hatte gedacht, dass Sie den ersten nicht bekommen haben. (…) Sie gratulieren mir in Ihrem Brief zum Tag des Sieges und bitten um Entschuldigung, vielen Dank dafür. 1947 habe ich als Vorarbeiter bei einer Organisation gearbeitet, die eine Schnellstraße von Moskau nach Baku gebaut hat. Batajsk ist das Tor zum Kaukausus. Es befand sich etwa zehn Kilometer von Rostow am Don entfernt. Rostow liegt am Fluss Don. Ich bekam deutsche Kriegsgefangene zur Arbeit zugewiesen. Ich verstand mich mit ihnen gut. Unter ihnen war ein Offizier, ein Hauptmann. Sie gaben zu, dass sie auch eine Teilschuld hatten an dem Unglück, dass durch den Krieg über unser Volk gekommen war. Sie sagten, dass die Russen ein gutes Volk seien, dass sie aber in Armut leben würden. Das war vor sechzig Jahren. Auch heute leben wir noch in Armut (ich meine das Volk). Und das trotz der Reichtümer unseres Landes: es gibt viel fruchtbares Land, die Energiereserven Baikalsee und die Wälder der Taiga. Das sind Reichtümer nicht nur unseres Landes, sondern des ganzen Planeten. Ich teile die Besorgnis, die im zweiten Bulletin[1] geäußert wird. Ich danke Ihnen für die Bulletins. Ich selbst habe auch kein reiches Leben gelebt, aber ich bin kein Pessimist. Ja, die Kriegsgefangenen haben mir ein Nassesor [Necessaire] geschenkt (ein Instrument zur Nagelpflege), das ich lange aufgehoben habe. Und meinen Löffel habe ich heute noch. Wir bekamen fürs Essen Blechlöffel. Vor jedem Essen mussten wir sie abreiben, weil sie rostig waren. Ein Deutscher erfuhr davon und schenkte mir einen schönen Löffel. Bis heute sieht er genauso aus wie damals. Ihn also habe ich bis heute aufgehoben. Der 22. Juni ist bei uns ein Trauertag. An diesem Tag habe ich an vieles gedacht, was ich durchgemacht habe. Wahrscheinlich hatte ich deshalb diesen Traum: Wir werden zur Arbeit getrieben (gebracht), wir werden von Aufsehern mit Hunden begleitet und von Rufen „Los, los, Schweine“ (auf Deutsch geschrieben, d.Ü.). Ich höre nicht nur diese verfluchten Schreie, ich sehe auch die kleinen Häuser, die von ordentlich geschnittenen Hecken umgeben sind und eine Frau mit einem kleinen Mädchen, das ein weißes Kleidchen trägt und schön geflochtene Haare. So etwas habe ich in der Realität nicht nur einmal gesehen. Ich bin ganz in Schweiß gebadet aufgewacht und wollte ungeachtet meines Alters einfach nur weinen.

Ich schreibe Ihnen ein wenig davon, wie ich in Gefangenschaft geraten bin: Nachdem unsere Verteidigungslinien durchbrochen waren, wurden unsere Soldaten mit Gewalt gezwungen, Schützengräben auszuheben und die Verteidigung zu halten. Die Verteidigungslinien wurden noch mehr als einmal durchbrochen. Als wir eine solche Verteidigungslinie aufgebaut haben, kam ein Feldwebel, ein Flakschütze (ich war auch bei der Artillerie) zu mir gerannt und sagte mir, dass da eine verlassene Fliegerabwehrkanone steht. Auf seine Initiative hin öffneten wir das Feuer. Er als Richt-, ich als Ladeschütze. Das Letzte, was ich sah, waren einige Junkers, die im Sturzflug unser Geschütz angriffen. Ich kam an der vier Kilometer breiten Meerenge zwischen dem Asowschen und dem Schwarzen Meer wieder zu mir. Auf der Krim war in der Nähe die Stadt Kertsch, auf der anderen Seite die Halbinsel Taman. Später erfuhr ich, dass man mich zusammen mit anderen Verletzten mit dem Auto hierher gebracht hatte. Ich hatte starke Kopfschmerzen, zitterte am ganzen Körper, an beiden Beinen war vorne die Haut zerrissen. Viele versuchten, zu den Steinbrüchen zu kommen. Wegen meiner Verletzung schaffte ich es nicht dorthin. Das Wasser war rot vom Blut. Die Meerenge wurde ununterbrochen beschossen und bombardiert. An diesem Ort wurde ich gefangen genommen.

Ich hatte einen Sohn Jahrgang 1951 und habe eine Tochter Jahrgang 1956. Mein Sohn hat seinen Armeedienst in Dresden abgeleistet. Jetzt lebt mein Sohn nicht mehr, er ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ein Jahr danach sind meine Frau, meine Tochter und ich mit einem Zaporoschetz-Auto die ganze Krim abgefahren. Ich habe mir selbst alles angesehen und meiner Familie gezeigt, wo ich gekämpft habe. Ich war auch in den Steinbrüchen, zu denen ich damals wollte. Ein schrecklicher Anblick. Von denen, die es dorthin geschafft haben, sind fast alle verhungert oder an den Gasen gestorben, die die deutschen Truppen hinein geleitet haben. Nur die, die versuchten, dort wieder herauszukommen, haben überlebt. Diese Steinbrüche heißen Adschimuschkaj.

Noch ein paar Worte zu mir. Ich lebe in meinem eigenen kleinen Haus, ich habe es selbst gebaut, ich lebe mit meiner Frau zusammen. Unsere Tochter lebt und arbeitet in Rostow. Sie muss noch zwei Jahre arbeiten bis zur Rente. Sie besucht uns oft. Meine Frau ist ans Bett gefesselt.

Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht, ich hasse Plünderer. Ich war selbst nie einer.

Ich kam aus Deutschland nach Russland bekleidet mit einem polnischen Mantel und einem schönen deutschen Hemd. Die Engländer (ich war in der von den Engländern besetzten Zone) hatten angeordnet, dass die Deutschen den russischen Kriegsgefangenen mit Kleidung aushelfen sollten. So erreichte ich Russland also in einem Hemd aus schönem Material, es war von heller Farbe und an den Ellbogen auf deutsche Art ordentlich gestopft.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich so viel schreibe. Und dass ich manchmal Überflüssiges schreibe. Da habe ich Sie mit allem, was sich im Herzen angestaut hat, zugeschüttet. Aber von Leuten in meinem Alter muss man eben auf Vieles gefasst sein.

Mit freundlichen Grüßen,

Sintschenko

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[1] „Bulletin“: Wir schicken vierteljährlich Rundbriefe auf Russisch an die Spendenempfänger, in denen u.a. deutschsprachige Spenderinnen und Spender zu Wort kommen.

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