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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

160. Freitagsbrief (vom 24. Juni 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

W. M. Sintschenko
Russland, Batajsk/Rostow.

Sehr geehrter Vorsitzender Dr. Gottfried Eberle, sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte-KOHTAKTbI“,

Ich habe Ihre humanitäre Hilfe erhalten und etwas später Ihren Brief mit den Glückwünschen und der Bitte um Entschuldigung. Vielen Dank. Dass Sie an mich gedacht haben, hat mich sehr berührt, ich habe es nicht erwartet. (…) Ich habe Ihnen schon einen Brief geschrieben, aber ich schreibe noch einmal. 1941 schloss ich die Mittelschule (zehnte Klasse) ab und wollte dann an der Universität studieren. Am 17. Juni war mein Abschlussabend in der Schule und am 22. begann der Krieg. Alles stürzte in sich zusammen. Ich kämpfte bei der Verteidigung Rostows am Don, dann war ich an der Front auf der Krim, dort wurde ich verletzt und geriet am 16.5.1942 in Gefangenschaft, in der Nähe der Meerenge bei der Stadt Kertsch. Wir wurden über die ganze Halbinsel getrieben wie die Schafe bis Dschankoj. Wer zurückblieb, wurde erschossen. Essen bekamen wir nur jeden dritten Tag, sie gaben uns jedem eine Dose Sonnenblumenkerne. In Deutschland habe ich im Kohlebergbau in der Grube Anna II mit der Nummer 930 im Städtchen Alsdorf in der Nähe der Stadt Aachen gearbeitet. Später dann im Bergwerk Gojte Zagatz [???] in der Nähe von Dortmund. Wir wurden sehr schlecht versorgt, im Brot gab es mehr Rüben als Mehl, außerdem bekamen wir eine Suppe, die nur aus Kohl bestand. Wir schliefen auf Strohmatten, überall waren Unmengen von Wanzen, Flöhen und Läusen. In der Grube Anna II arbeite Matthias Tiederes als Steiger. Er war etwa vierzig Jahre alt, mittelgroß und gut aussehend. Alle deutschen Grubenarbeiter hatten Angst vor ihm. Ich weigerte mich, mit dem Presslufthammer zu arbeiten, weshalb ich schrecklich verprügelt wurde. Am nächsten Tag wurde ich zur Arbeit über Tage beordert, in eine Sieberei, in der die Kohle sortiert wurde. Dort arbeiteten Kriegsgefangene, die im Schacht verletzt worden waren. Nach einigen Tagen tauchte der Steiger Tiederes dort auf. Er fragte die Kriegsgefangenen etwas. Sein Vorarbeiter schickte ihn zu mir. Er ließ mich die Kriegsgefangenen fragen, in welchem Schacht und unter welchen Umständen sie verletzt worden waren. Dann fragte er mich, wie ich mir meine Verletzung zugezogen hatte. Ich erzählte es ihm, zeigte ihm meine Muskeln. Ich war sehr mager. Er fragte, ob mein Vater reich sei. Mein Vater hatte außer mir noch meine zwei jüngeren Brüder und meine fünf Schwestern. Als er ging, sagte er: „Du immer hier bleiben“. Ich verstand, dass ich immer hier arbeiten würde. Und wirklich arbeitete ich lange in dieser Sieberei. Ich konnte dort Spielsachen herstellen und Ringe aus Münzen, wofür ich von den Deutschen Brot bekam. Ich kam wieder zu Kräften.

Ich war damals der Meinung und bin es bis heute, dass ich dank seiner Hilfe überlebt habe und ich bin ihm sehr dankbar. Kranke Kriegsgefangene durften nicht im Lager bleiben, sie wurden irgendwohin verschickt. Viele Kriegsgefangene haben Spielsachen angefertigt. Ich glaube, dass sie den Kindern wenig Freude bereitet haben (sie waren sehr primitiv). Die Deutschen wollten ganz einfach den Leuten helfen, die in Not geraten waren.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht sofort geantwortet habe. Bei mir haben sich zu meinem Lebensende viele Probleme angehäuft. Am 17. Juni 2008 habe ich meinen 57jährigen Sohn beerdigt (er ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen). Und meine Frau ist verwirrt (sie hat Sklerose) und hat sich zu allem Unglück auch noch das Bein gebrochen, sie ist jetzt ans Bett gefesselt. Nun muss ich die Aufgabe der Pflegerin, der Köchin und der Wäscherin übernehmen. Selbst bin ich auch nicht ganz gesund, ich kann schlecht laufen und höre schlecht.

Mit vielen Grüßen,

Sintschenko

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Mehrere Begriffe schrieb Herr Sintschenko auf Deutsch (z.B. Steiger, Sieberei, Vorarbeiter). Im nächsten Freitagsbrief schildert er weitere Details aus der Kriegs- und Nachkriegszeit.

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