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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

159. Freitagsbrief (vom 25. Juni 2009, Übersetzung: Peter Tichauer).

Ljudmila Valentinowna Ilushechkina
25. Juni 2009.

Guten Tag, sehr geehrter Herr Dmitrij Stratievskij!

Hiermit beantworte ich den Brief, den die Vereinigung Kontakte-KOHTAKTbI im Mai 2009 meinem Vater, dem ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Sawtschenko, Walentin Michailowitsch geschickt hatte. Er kann jetzt nicht gehen, sieht und hört schlecht – deswegen antworte ich für ihn.

Wir danken für die Hilfe, die Ihre Vereinigung meinem Vater geschickt hat. Entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt antworte. Die humanitäre Hilfe konnten wir erst gestern erhalten, das war nicht einfach. Ich musste 3 mal in das Kreiszentrum, die Stadt Solnetschnogorsk, 25 km von unserer kleinen Siedlung im Gebiet Moskau, fahren.

Leider kann mein Vater jetzt krankheitsbedingt schlecht sprechen, aber ich erinnere mich genau, dass er immer, wenn er von den Kriegsjahren erzählte, sehr gut vom Volk Deutschlands sprach. Das deutsche Volk war bemüht, den Kriegsgefangenen zu helfen; allerdings waren die Deutschen, nach Erinnerungen meines Vaters, sehr ängstlich. So hat ein alter Mann, wenn er in einem Versteck ein Stück Brot für die Gefangenen hinterlegte, immer gesagt: ‚dass aber bitte meine Frau nichts davon erfährt‘. Und seine Frau, wenn sie das gleiche machte, sagte: ‚bitte nicht meinem Mann sagen‘.

Nach dem Krieg, da Vater in Gefangenschaft war, durfte er nicht weiter studieren. Er hatte sich vom 1. Semester des medizinischen Instituts in Wolgograd 1941 (als Freiwilliger) zum Kriegsdienst gemeldet. Gefangenschaft wurde dem Verrat gleichgestellt. Deswegen musste er sein Leben lang als Autobusfahrer arbeiten.

Vor zwei Monaten ist Vater im Zimmer gefallen und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Jetzt ist er zur Unbeweglichkeit verdammt, da bei uns alte Menschen praktisch nicht in Krankenhäusern aufgenommen werden, sie werden nicht operiert, ja praktisch gar nicht gepflegt. Sogar die ‚Schnelle Hilfe‘ war nicht sofort bereit, den Vater nach seinem Knochenbruch ins Kreiskrankenhaus zu bringen. Leider hat man im Krankenhaus auch nur die erste Hilfe geleistet – einen Gipsverband angelegt, und ihn sofort wieder nach Hause abgeschoben mit den Worten ‚ob mit Gips oder ohne, das Bein wird sowieso nicht zusammenwachsen‘. Obwohl Vater berechtigt ist, Medizin kostenlos zu bekommen, erhält er sie schon lange nicht, da man sie ja 25 km entfernt in Solnetschnogorsk abholen muss, und auch da ist sie nicht immer vorrätig.

Ich kann mich erinnern, als Vater noch fernsehen konnte und in Nachrichtensendungen gleichaltrige Rentner aus Deutschland gezeigt wurden, hatte er sich immer aufgeregt und darüber gesprochen, wie doch das Verhältnis zu Veteranen in Deutschland sich von dem in Russland unterscheidet. Und dass in Russland die Fürsorge für Veteranen nur verbal besteht.

Noch mal besten Dank für Ihre Hilfe und nehmen Sie es mir nicht übel, das der Brief etwas traurig geworden ist.

Hochachtungsvoll, Ljudmila Valentinowna Iljuschetschkina.

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