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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

157. Freitagsbrief (geschrieben am 20. August 2007).

Ukraine
Gebiet Donezk
Mariupol
Wladimir Nikolajewitsch Makarow.

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm, sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Es schreibt Ihnen der ehemalige Kriegsgefangener und Häftling im faschistischen Konzentrationslager Wladimir Nikolajewitsch Makarow. Zu allererst möchte ich mich bei Ihnen und damit bei allen Mitgliedern der Gesellschaft „Kontakty“ für die Aufmerksamkeit bedanken, die Sie mir und wahrscheinlich allen anderen ehemaligen Kriegsgefangenen, die noch am Leben sind, zukommen lassen. (…)

Das war natürlich für meine Familie eine große Unterstützung. Es ist erfreulich, dass die Deutschen (darunter sicher auch die Jugend) nach all der Zeit ein Gefühl der Schuld und der Scham für diese furchtbaren Jahre des Krieges und des faschistischen Regimes empfinden. Aber wir wussten schon damals, dass nicht alle Deutschen Faschisten waren, es gab auch Gegner dieses Regimes. Deshalb glauben Sie mir: Es geht nicht um das Geld, es geht darum, dass Sie den Mut hatten, Verantwortung für die Verbrechen Hitlerdeutschlands in unserem Land zu übernehmen. Ich erinnere mich heute noch mit Schrecken daran, wie wir bei Kertsch auf der Krim in Gefangenschaft gerieten.

Der Krieg begann, als ich gerade die Schule abschloss. Wir waren 17- oder 18-jährige Burschen, die sich freiwillig bei der Wehrdienststelle meldeten und unbedingt an die Front wollten. Zu Beginn wurden wir nach Grosny in die Militärschule geschickt, danach kamen wir als Unterleutnants nach Michajlowskaja im Kreis Krasnodar, wo die Truppe zusammengestellt wurde. Ich war zum Kommandeur eines Granatwerferzugs bestimmt worden. Ich hatte Leute aller Nationalitäten und verschiedensten Alters unter mir. Und ich junger Bengel musste mit allen einen gemeinsamen Nenner finden. (…) Als unsere Einheit zusammengestellt war, wurden wir an die Front auf der Krim geschickt, wo ich von März bis Mai 1942 kämpfte. Und hier gerieten wir auch in Gefangenschaft. Es ist schwer mit Worten auszudrücken, wie es uns in der Gefangenschaft ergangen ist. Hunger, Kälte, Schläge, Erniedrigung, täglich, stündliche Erwartung des Todes. Man musste alles aushalten und durfte nicht daran zerbrechen, Mensch bleiben, wie sehr auch die Faschisten versuchten, uns zu Vieh zu machen. Vielleicht kennen Sie die Erzählung „Ein Menschenschicksal“ von Michail Scholochow. Darin ist all das sehr gut beschrieben. Ich war sehr beunruhigt, dass meine Familie kein Lebenszeichen von mir hatte. Später habe ich erfahren, dass sie sogar eine Todesnachricht bekommen hatten. Während der Gefangenschaft war ich größtenteils in Österreich. Der ganze Alptraum dauerte bis zum April 1945. Nachdem die Alliierten den Transport bombardiert hatten, in dem wir in einen Tunnel zur Vernichtung gebracht werden sollten, trafen wir auf die Engländer. Sie schlugen uns vor, in irgend einem Land zu bleiben und nicht nach Hause zu gehen, weil uns dort wieder ein Lager drohte. Aber wir schlugen uns in die Heimat durch. Nach der Überprüfung durch die Kommission „SMERSCH“ wurde ich demobilisiert und behielt meinen Dienstgrad als Leutnant. Und endlich konnte ich nach Hause zurückkehren, in das kleine Städtchen Urjupinsk im Gebiet Stalingrad (heute Wolgograd). Man kann nicht beschreiben, wie froh meine Familie war. Nach einer gewissen Zeit zog ich nach Mariupol im Gebiet Stalingrad (heute Donezk), wo ich Arbeit in der Fabrik „Asowstal“ fand, dem Metallurgie-Giganten, den das ganze Land gemeinsam schuf. Und hier habe ich bis zum Jahr 2002 gearbeitet. Im Alter von knapp 79 Jahren bin ich endlich in Rente gegangen, nach zwei leichten Schlaganfällen hatten mir die Ärzte verboten, weiter zu arbeiten. Ich lebe seit 50 Jahren mit meiner Frau zusammen, wir haben drei Kinder, Enkel und Urenkel. Leider geht das Alter nicht spurlos an einem vorüber, die Gesundheit ist nicht die beste, aber so ist das Leben.

Ich danke Ihnen noch einmal für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche dem gesamten deutschen Volk Wohlergehen und alles Gute. Ganz herzlich, Makarow.

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