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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

155. Freitagsbrief (zuletzt vom 2. Juni 2009, Übersetzung: Valerie Engler).

Russland
Region Krasnodar
Arwarmir
Andrej Wassiljewitsch Kitaschow.

Ich, Andrej Wassiljewitsch Kitaschew, bin sehr gerührt von Ihrem Interesse an mir und Ihrem Mitgefühl mit all denen, die in Kriegsgefangenschaft waren. DANKE. Sie möchten etwas über mein Leben erfahren?

Mein ganzes Leben bestand aus Ruinen und Schlaglöchern. Ich wurde 1921 geboren. Es herrschte Hunger, meine Mutter war mit Rippenfellentzündung im Krankenhaus, ich war unterernährt und krank. Meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, starb. Sie wurde lange nicht beerdigt, alle dachten, dass sie mich ins gleiche Grab legen würden. Aber, o weh, ich überlebte. Ich wuchs kränklich und schwächlich auf. 1930 wurden dann vier Brüder meines Vaters als Kulaken enteignet und nach Sibirien deportiert. Wir – Verwandte von Kulaken – mussten alles stehen und liegen lassen und flohen mit der ganzen Familie aus Nowopokrowskaja in den Kreis Apscheron. Dort erwischte uns das Jahr 1933 mit seiner schrecklichen Hungersnot. Wir überlebten mit Hilfe der Beeren im Wald. Bis 1940 waren wir einigermaßen wieder auf die Füße gekommen. Das Leben schien sich zu normalisieren. Im gleichen Jahr wurde ich nach der zehnten Klasse in die Armee eingezogen. Ich diente in der Regimentschule, bei den Maschinengewehrschützen, in Schutscheno im Gebiet Bialystok an der Grenze zu Ostpreußen. Hier überraschte mich der Krieg. Ich wurde leicht am Kopf verwundet.

(…)

(Nach der Gefangennahme, in einem Stalag-Außenlager bei Langendorf, Ostpreußen:) Wir wurden alle in einem Häuschen mit drei Räumen untergebracht. In zwei Räumen waren wir, im dritten waren zwei Wachleute. Das Haus war von Stacheldraht umzäunt, im Hof war die Toilette. In den Zimmern hingen Plakate an den Wänden: auf jeden Kontakt mit Deutschen stand Tod durch Erschießen. Jeder von uns hatte am Hals eine Marke mit einer Nummer.(…) Einmal kamen am Sonntag ein Offizier und ein Angehöriger der Wlassow-Armee [1] zu uns ins Lager. Sie setzten sich im Hof an den Tisch und alle Gefangenen mussten sich dort aufstellen. Der „Wlassower“ erzählte uns von der Wlassow-Armee und bot uns an, freiwillig einzutreten. Alle schwiegen aus irgendeinem Grund, ich aber konnte dummerweise nicht an mich halten und sagte: „Wie, wir sollen kämpfen gehen, aber gegen wen denn? Sollen wir an der Front auf unsere Brüder, Schwestern, Väter schießen?“ Der „Wlassower“ antwortete: „Schießt auf die Kommissare.“ Ich sagte: „Vielleicht ist mein Bruder Kommissar oder mein Vater.“ Der Offizier, der gut Russisch konnte – er kam ursprünglich aus Russland – schwieg. Ich aber hatte Feuer gefangen, fragte weiter: „Nun gut, nehmen wir an, wir gehen alle, vertreiben die Bolschewiken, was dann – wer kommt dann an die Macht?“ Der „Wlassower“ antwortete: „Unsere Demokratie.“ Ich sagte ihm: „Hör mal, was hast du eigentlich für eine Uniform, eine deutsche? Deutsche Ausrüstung, deutsche Verköstigung, und euch geben die Deutschen Demokratie.“ Der Offizier konnte sich nicht mehr zurückhalten, er zeigte auf mich und rief: „Kommissar!“ Er befahl dem Aufseher, meine Unterlagen zu holen. (…) Ich wurde in die Stadt Hohenstein [Stalag IB] abtransportiert – dort sollte ich wohl eines langsamen qualvollen Todes sterben. Der Lager stammte offensichtlich noch aus dem Ersten Weltkrieg. Riesige Baracken mit schwarzen Dächern aus Teerpappe, die aussahen wie geheimnisvolle Särge. Am hintersten Rand stand quer zu ihnen eine moderne lange Baracke, dass war anscheinend die Aufnahmebaracke, denn der Wachmann brachte mich dorthin. Ein deutscher Arzt nahm mich in Empfang. Er befahl mir, in einem kleinen Zimmer eine Dusche zu nehmen. Nach der Dusche zog ich mich wieder an. Mein Bewacher stand neben mir. (…) Nachdem ich mich angezogen hatte, stießen sie mich in die rechte Tür des Flurs. Vor der Tür stand ein Gefangener, dem ein Arm fehlte. Er begrüßte mich: „Ich gratuliere, Genosse, du bist jetzt in der Todesbaracke.“ Es war wohl ein „Lazarett“ für die hoffnungslos Kranken und die politischen Häftlinge. Die Baracken waren voll mit Tuberkulose-Kranken, jede Nacht starben Dutzende. (…) Hier in der Todesbaracke gab es Ärzte, aber sie hatten keine Medikamente. (…) Es ist nicht möglich, hier über alles zu schreiben, aber Tatsache ist, dass die Gefangenen überall schikaniert wurden, sowohl im Lager als auch bei der Arbeit, und zwar auf das Grausamste. Das Einzige, was mir an Gutem im Gedächtnis geblieben ist, das ist das Brot, das mir der Soldat gegeben hat und das Mitgefühl, das mir von der Gutsbesitzerin und allen Bewohnern von Langendorf entgegengebracht wurde. Ihnen und nur ihnen gilt meine Dankbarkeit.

(…)

Mir ist noch eine Sache eingefallen. Es war in dem Vorort von Bremen, im Lager, in das sie uns gebracht hatten. Die Baracken waren leer, nur in einer Baracke hinter Stacheldraht waren zehn Gefangene in gestreifter Kleidung. Sie wurden „so richtig“ schikaniert. Sie mussten unter Bewachung einen riesigen Karren mit Sand zwei Kilometer weit in eine Richtung ziehen. Dort mussten sie den Sand auskippen. Dann schaufelten sie den Sand wieder in den Karren und schleppten ihn zum Lager zurück, wo sie ihn wieder auskippen mussten. Danach schaufelten sie den Sand wieder in den Karren und zogen ihn wieder dorthin… und so ging das den ganzen Tag. In der Mittagspause wurden sie gezwungen, bäuchlings um die Baracke zu kriechen und man schlug sie dabei mit Peitschen. Das war wie Urlaub. Danach wieder der Karren. Es handelte sich um ehemalige Spione und Partisanen, die in Gefangenschaft geraten waren. Jetzt waren sie also im Lager, ich glaube in Sandpost [Stalag X B Sandbostel], 15-20 Kilometer von Bremen entfernt. Die Baracken waren leer. Nur in einer Baracke waren etwa zehn französische Kriegsgefangene. Neben unserer Baracke war ein Ziegelsteinbau, das war der Karzer. Davor standen zwei hohe Galgen, an denen Galgenstricke baumelten. Der Lagerkommandant war ein Offizier mit einer Prothese, der ein Mausergewehr trug. Ein entsetzlich bösartiger Mensch. Einmal machten sich zwei Gefangene in der Ecke des Toilettenraums auf Ziegelsteinen Essen warm. Ich kam rein und stellte auch beim Eingang meinen Essnapf auf die Steine, machte mir etwas Holz klein, hatte aber noch nicht angezündet. Der Kommandant ging, ohne dass ich es merkte, an mir vorbei und entdeckte dann die beiden Kochenden am Ende des Toilettenraums. Er ging zu ihnen und schoss sie einfach tot. Ich haute sofort ab. Warum er mich nicht erschossen hat, als er an mir vorbeiging, weiß ich nicht. Einmal brachten sie aus Hamburg Gefangene in gestreifter Kleidung in dieses Lager, schrecklich ausgezehrte Leute, die sich gegenseitig stützten, man konnte nicht unterscheiden, wer von ihnen eigentlich ging. In einem regelrechten Klumpen bewegten sie sich langsam zur hintersten Baracke. Gegenüber von dieser Baracke befand sich eine Küche für die Gefangenen. In der Nacht fielen diese armen hungrigen Gestalten über die Küche her, nicht in böser Absicht natürlich, sondern aus Hunger. Wir hörten Schüsse. Sie haben alle 400 Mann erschossen. Aus der Mitte des Lagers führten Schienen einer Schmalspurbahn zur Torfverarbeitungsstelle, die etwa drei Kilometer vom Lager entfernt war. Anscheinend hatten die Gefangenen dieses Lagers früher bei der Torfgewinnung gearbeitet. Es gab kleine Loren zum Transport des Torfes. Nachdem die armen Geschöpfe erschossen worden waren, warfen die Deutschen die Leichen auf diese Loren und transportierten sie zur Torfstecherei. Zwei oder drei Tage später kamen die Engländer und unser Lagerkommandant floh. Französische Kriegsgefangene entdeckten diesen Kommandanten irgendwo, er war schon in Zivil, sie brachten ihn ins Lager zurück, wo die Engländer ihn in den Karzer steckten, vor dem die zwei Galgen standen. Am nächsten Morgen wurde uns mitgeteilt, dass alle ehemaligen Gefangenen zum Platz beim Karzer kommen sollten, um dabei zu sein, wenn der Kommandant gehängt würde. Wir kamen alle zum Platz und warteten darauf, dass sie den Kommandanten aus dem Karzer führen würden. Aber wir warteten umsonst. Er hatte sich selbst mit einem Streifen seiner Kleidung am Fenstergitter erhängt. (…) Entschuldigen Sie bitte meine unleserliche Handschrift – ich bin auf einem Auge blind und auf dem anderen Auge sehe ich nur 20%. So kommt eben ein Gekritzel heraus, ich verschreibe mich oft und mache Fehler.

Mit Hochachtung,

Ihr A. W. Kitaschow.

****

[1] Wlassow-Armee = „Russische Befreiungs-Armee“ In dem russischen Freiwilligenverband waren ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Emigranten unter dem Befehl des ehemaligen sowjetischen Offiziers Andrej A. Wlassow.

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