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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

154. Freitagsbrief (vom 10. Februar 2006).

Michail Pawlowitsch Dmitriew
Russland
Brjansk.

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit,

Ich habe am 27. Januar Ihren Brief vom 14.01.2006 dankend erhalten. Ihr Brief hat so viel Gefühle und Erinnerungen hervorgerufen, dass es nicht so leicht war, sie wieder unter Kontrolle zu bringen. (…)

Es war schrecklich, sich in Kriegsgefangenschaft zu befinden. In dieser Hölle traf ich jedoch bei den deutschen Bürgern Menschlichkeit. Es gab eine Episode, die mein Leben rettete. Ich werde erzählen, worum es geht. Infolge eines misslungenen Fluchtversuches während der Zugfahrt von Kalwari [Kalwarija Litauen] nach Westen wurde ich am linken Schenkelgelenk verletzt. Das führte zur Beschädigung eines Nervs. Ich musste in der Stadt Gumbinnen [Ostpreußen] aussteigen und wurde ins kleine Kriegsgefangenenlager bei einer Schuhfabrik gebracht. Der Vorgesetzte in diesem Lager war ein Arzt (oder Feldscher), der verstand, dass eine Operation unvermeidlich ist. Im deutschen Krankenhaus (oder Spital) wurde heimlich eine Operation gemacht (Resektion eines Gelenkes und Zusammennähen eines Nervs). Wer dieser deutsche Chirurg war, der diese menschliche, aber für sein Leben so gefährliche Tat beging, weiß ich nicht. Seinen Mut konnte ich erst später einschätzen. In meiner Seele bewahre ich einen tiefen Dank für diesen unbekannten Chirurgen. Dass war im Jahre 1943.

Jetzt verstehen Sie, welche Gefühle und Erinnerungen Ihr Brief in Gang gebracht hat. Ich werde mich bemühen, Ihre Fragen zu beantworten.

Ich wurde als Verletzter gefangen genommen, deshalb konnte ich nicht arbeiten. Nachdem ich mich wieder bewegen konnte, versuchte ich zu fliehen. Die Flucht misslang. Darüber habe ich oben geschrieben. Infolgedessen wurde ich Invalide mit Gelenkankelose und Lähmung des linken Beins. Zudem wurde ich bestraft. Als ich mich schon auf Krücken bewegte, wurde ich von Gumbinnen ins Lager Suwalki [Stalag IE Sudauen] in Polen überwiesen. Nach einigen Lageraufenthalten gelangte ich ins Behindertenlager in Altengrabow [Stalag XI (341) Sachsen-Anhalt]. Natürlich musste ich verschiedene Lagerarbeiten leisten.

Ich habe keine Kompensation von der deutschen Regierung für meine Aufenthalte in den Lagern wie in Suwalki in Polen erhalten, die den KZs gleichgestellt werden. Genauso wie Sie finde ich es ungerecht. Ich habe noch kein Geld vom Verein „Kontakte“ erhalten. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden muss, und wo das Geld geblieben ist. Ich hoffe, dass ich irgendwann das Geld bekomme. Ich werde natürlich allen Spendern und dem Verein, der die Spenden sammelt und verteilt, sehr dankbar sein. Ich bin solidarisch mit dem Verein „Kontakte“ im Bereich der Aufklärungsarbeit über den verbrecherischen Krieg des faschistischen Deutschlands gegen die UdSSR. Jeder Krieg ist eine Tragödie für die daran beteiligten Völker. Der Krieg, der die Vernichtung ganzer Völker und Nationen als Ziel hat, ist einfach ein Verbrechen. Ich bin in der Politik nicht kompetent. Trotzdem war für mich immer merkwürdig, warum die Vertreter der Staaten nicht auf der Anklagebank in Nürnberg saßen, die Deutschland nach Osten angestoßen haben und zugunsten Europas Deutschland gestärkt haben (München 1938).

Meine ich, dass ich NS-Opfer bin? Ja. In der Kriegsgefangenschaft gab es keine Behandlungsmöglichkeit. Es bestand die große Wahrscheinlichkeit, an Hunger oder Krankheit zu sterben oder durch einen Maschinengewehrschuss von einem Wachturm oder vor Willkür oder Sadismus der Lagerwächter ums Leben zu kommen. Letzten Endes begann bei mir eine langsame Nekrose des Fußes. Nach der Rückkehr in die UdSSR wurde das ganze Bein amputiert. Die Wunden verheilten die ganze Kriegsgefangenschaftszeit vom September 1942 bis Mai 1945 nicht.

Über meine Person. Kindheit und Jugend verliefen in der schweren Vorkriegszeit. Der Staat hat doch alles Beste den Kinder gegeben. In der Stadt Beshiza (heute Stadtteil Beshiza der Stadt Brjansk) wurde ein wunderbarer Pionierpalast gebaut. Ein paar hundert Kinder konnten verschiedene Zirkel besuchen. Ich habe zum Beispiel ein Streichorchester besucht und spielte Mandoline, Domra [russisches Zupfinstrument] und Gitarre. Zudem habe ich im Sporthaus in einer Turnerriege geturnt. Als Mitglied der Sportgenossenschaft „Dsershinez“ durfte ich kostenlos Ski und Schlittschuh laufen sowie Kajak fahren. Ich besuchte die Schule. Der Schulbesuch war Pflicht und kostenfrei. Nach dem Abschluss der 10. Klasse 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Ein Jahr besuchte ich eine Regimentsschule. Es begann der Krieg. Im Februar 1942 wurde ich bei Moskau verletzt. Ich wurde in einem Spital in der Stadt Pugatschew im Gebiet Saratow behandelt. Nach der Entlassung wurde ich als Sergeant an die Leningrader Front überwiesen. Ich sah mit eigenen Augen die Leningrader Blockade. Bei einem Versuch, die Blockade zu durchbrechen, wurde ich im September 1942 verletzt und gefangen genommen. Trotz aller Schrecken der Kriegsgefangenschaft habe ich überlebt. Nach der Befreiung im Mai 1945 war mein Gewicht 34 Kilo bei der Größe 165 cm.

In der Heimat wurde ich keinen Repressalien ausgesetzt. Ich wurde im Leningrader Institut für Neurochirurgie, in einer der besten Kliniken des Landes, behandelt. Es wurden viele Operationen gemacht. Erst 1948 kehrte ich ins aktive Leben zurück, allerdings ohne Bein. Ich kam nach Beshiza (Brjansk) und heiratete. Die Nachkriegszeit war schwer. Wir waren aber jung. 1949 kam mein Sohn zur Welt. 1951 – der zweite Sohn. Die Ehefrau arbeitete als Ärztin. Ich studierte am Institut für Maschinenbau und studierte gleichzeitig an der Pädagogischen Hochschule von Orjol. Ich arbeitete in der Abendschule als Mathematik- und Physiklehrer. Nach dem Abschluss des Studiums war ich Ingenieur und Konstrukteur in der Gießerei. Weiter folgte meine Beschäftigung als Dozent in einem Institut und seit 1978 im Autowerk von Brjansk. 1988 ging ich im Alter von 66 Jahre in Rente. Zur Zeit sind meine Frau und ich beide Rentner. Wir haben vier Enkeltöchter, zwei Enkelsöhne, vier Urenkelinnen und zwei Urenkel. Die Söhne leben mit ihren Familien in unterschiedlichen Städten. Wir sind allein.

Ich interessiere mich für ausführliche Information über Ihren Verein. Dem Ende des Schreibens habe ich entnommen, dass Ihre Leitung oder Ihre Aktivisten solide Menschen sind. (…)

Hochachtungsvoll

M.P. Dmitriew.

(Unterschrift).

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Herr Dmitriew hat die Spende von 300 € erhalten.

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