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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

153. Freitagsbrief (Übersetzung Valerie Engler).

Tanskij Stepan Fedorowitsch
Russland
Gebiet Rostow
7. Juni 2009.

Ich sende Ihnen meine allerherzlichsten Grüße. Ich, Stepan Fedorowitsch Tanskij, wurde am 14.10.1923 in der Ukraine, in Wasjumenzy im Gebiet Tscherklesk geboren. Als es mit den Kolchosen anfing, brachte unser Papa 1929 uns alle mit Kindern, fünf Personen, nach Nowoschachtinsk, als Kinder haben wir schon viel durchgemacht usw. In die Armee haben sie mich 1941 eingezogen. Ich kam nach Stalingrad in die Regimentsschule für jüngere Kommandeure, wurde Kommandeur einer Einheit von 12 Mann, und als die Deutschen nach Stalingrad vorrückten, haben sie uns an die Front geschickt und ich musste das alles erleben. Dann wurde ich verletzt, die Deutschen ließen mich liegen, und ich lag da und konnte nichts sehen, dann ist irgendein Deutscher zu mir gekommen und hat mir geholfen, vor allem mit den Augen hatte ich Probleme, der Deutsche hat mir geholfen, er war schon etwas älter schon zu der Zeit, hatte einen Hund, und sie haben uns nach Millerowo [Dulag 126?] gebracht, wo wir 70 000 Leute in einer Schlucht waren. Wir bekamen einen Laib Brot für zehn Leute und ein Glas angebranntes Getreide.

In der Mitte floss ein Bach durch. Schrecklich, wie viele Menschen gestorben sind, überall Stacheldraht, kein Weg raus, nur von der Arbeit konnte man fliehen, aber es war sehr schwer, an eine Arbeit zu kommen, von dort wurden wir in Transporten rausgebracht, aber da kam man auch sehr schwer raus, aber ich habe es geschafft, kam nach Ostrogorsk. Als wir ankamen, war ich körperlich am Ende. In diesem Lager waren weniger Leute und alle kamen zur Arbeit, es war dort ein bisschen besser. Dann kam eine deutsche Fliegereinheit und nahm von dort 800 Leute mit. Es gab Waggons mit Stroh drin, in denen wurden wir transportiert, nach Urasowo, das war damals im er Gebiet Kursk. Hier bauten die Deutschen einen Flugplatz und wir mussten alles machen, auf dem Flugplatz und anderes, je nachdem, bei welcher Arbeit man landete. Wir mussten auch Sand antransportieren aus Waluki, das war ein Eisenbahn-Knotenpunkt 18 km von Urasowo entfernt, wir bauten die Flugzeughallen, die Landebahn usw. Es gab dort schon ein Lager für uns, es waren alte Pferdeställe, alles mit Stacheldraht drum herum. Hier in der Fliegereinheit bekamen wir besseres Essen. Trotzdem sind sehr viele Gefangene gestorben, von 800 sind 300 übriggeblieben. Wir luden Bomben aus den Waggons und transportierten sie ins Munitionslager. Es gab 50 kg, 100 kg, 250 km, 500 kg und 1000 kg Bomben. Dann kamen die Flieger, „Henkel“ und „Junkers“, wir mussten die Bomben anhängen usw. Entschuldigen Sie bitte, dass ich das alles so schreibe. Hier rekrutierten die Deutschen auch Leute für ihre Armee, sie gingen mit, um zu überleben, nicht weil sie auf der Seite der Deutschen kämpfen wollten. Entweder weg von dieser Arbeit oder der Tod. Wir schliefen auf Stroh, überall Läuse usw. Gott sei Dank gab es gute Leute, die dort in der Gegend wohnten. Meine Lagernummer war 181. Sie stand auf dem Rücken wie bei Fußballern. Als der Winter kam, begannen unsere Truppen schon vorzurücken und die deutschen Flugzeuge flogen ab, und wir wurden noch zu irgendwelchen Arbeiten geschickt. Eine Zeit lang war ich mit einem befreundet, der älter und kräftiger als ich war, er hieß Schora [Kurzform für Georgij]. Er sagte mir, komm, lass uns abhauen, sonst ist es aus, die überlassen uns doch nicht unseren Truppen. An einem Tag mussten wir in einem Arbeitstrupp von 40 Leuten den Schnee auf der Straße räumen, es war sehr viel Schnee und die Autos kamen nicht durch, die Deutschen traten aber schon den Rückzug an. Es gab einen starken Schneesturm, die deutschen Bewacher standen am Anfang und am Ende der Kolonne, seitlich konnte man aber nichts sehen, jetzt mussten wir abhauen, zur Seite raus, das haben wir dann auch gemacht. Der Schneesturm, viel Schnee usw. Stiefel hatten wir, die waren von den Deutschen, mit Holzsohle, angezogen waren wir schlecht, ich war sehr schwach, „Schora“, mein Freund, war aber älter, gesünder usw. Seitlich war, vielleicht einen Kilometer entfernt, ein kleines Dorf, und Schora hat mich da hingeschleppt, ich war schon fast weggetreten, dachte, mit mir ist`s aus, aber da hatte Schora mich in das Dorf geschleift, dort war ein Haufen mit Heu oder Stroh für den Bauern, Schora legte mich in diesen Haufen, und selbst ging er in die Hütte, eine sehr kleine Bauernkate mit Strohdach. Wir mussten uns unbedingt umziehen, also die Lagerkleidung loswerden, Schora fand heraus, dass dort keine Deutschen waren, dafür aber, so sagte uns der Bauer, unsere russische „Polizai“, die würden mich erschießen. Er gab mir irgendwas zum Anziehen, unsere Lagerkleidung verbuddelte ich im Schnee. Der Bauer gab uns auch etwas zu Essen und dann gingen wir in den Wald, der Bauer sagte uns, wohin wir gehen sollten, dort hatten sich unsere Leute vor den Deutschen versteckt, sie hatten Erdhütten und wir blieben dort bis unsere Truppen kamen. Schora kam aus Taganrog im Rostower Gebiet, bis heute tut es mir Leid, dass ich mir damals seine Adresse nicht aufgeschrieben habe, ich weiß nur, dass er aus Taganrog stammte. Wir gingen weiter, bis zu den Unsrigen, dort mussten wir uns verabschieden, er ging weiter nach Tanganrog, ich nach Nowoschachtinsk. Nachher befreiten wir Nowoschachtinsk, ich kam zur Militärkommandatur, und weil ich in Gefangenschaft gewesen war, drohten mir zehn Jahre Gefängnis oder die Strafkompanie. Ich musste also in die Strafkompanie an die Front und dort drei Monate überleben oder verwundet werden. Der Kommandeur der Strafkompanie war selbst strafversetzt. Dann wurde ich verwundet an beiden Beinen, kam ins Lazarett, etc. Dann an die Front usw., wieder verwundet, wieder Lazarett, dann Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Jugoslawien, Österreich, Tschecheslowakei. Wir haben das Lager Mauthausen befreit, in dem Karbyschew, unser General, ermordet worden war. Dort haben wir die Krematorien gesehen usw. Und als der Krieg zu Ende war, haben wir selbst in dem Lager Mauthausen gewohnt bis November 1945, haben auf den gleichen zweistöckigen Pritschen geschlafen, es war einfach entsetzlich, zu sehen, wie viele Leute dort umgekommen waren, wie sie Karbyschew im Frost zu Tode gequält haben. Ende November wurden wir dann nach Ungarn verlagert, dort in Sambatel habe ich bis März 1947 gedient. Ich habe einige Auszeichnungen bekommen und Medaillen für die Einnahme von Bukarest, Budapest und Wien. In Wien wohnten wir nach dem Krieg im Prinzip mit den Amerikanern zusammen, sie halfen uns aus mit Sachen und Lebensmitteln. Ich bitte Sie sehr, nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich so viel hier schreibe, ich bin sehr froh, dass Sie mir eine Unterstützung geschickt haben, ich habe alles bekommen, in Rubel. Herr Vorsitzender Gottfried Eberle, entschuldigen Sie bitte, dass ich so spät antworte, ich war im Krankenhaus in der Neurologie, ich hab's mit den Nerven. Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben, am 31. Mai war ihr Todestag, wir haben sechs Kinder großgezogen, vier Söhne und zwei Töchter. Ein Sohn ist gestorben, der Jüngste, Wolodja. Er war in der Armee bei den Landetruppen. Drei Jungs waren in Deutschland beim Militär als Fahrer. Jetzt lebe ich allein, bin sehr einsam, meine Tochter wohnt in der Nähe, sie kümmert sich um mich. Als Kriegsversehrter bekomme ich 15 000 Rubel, aber bei uns ist alles sehr teuer usw. Sie wissen wahrscheinlich, dass vor allem die Medikamente sehr teuer sind. Ich schätze sehr die Medikamente aus Deutschland und aus Ungarn. Ich bekommen eine Rente, unterstütze meine Kinder, Enkel und Urenkel. Früher als noch die Sowjetunion war, hatte ich viele Vergünstigungen, alles war umsonst, die Verkehrsmittel, Ferienplätze, Sanatorium usw. All das gibt es jetzt nicht mehr. Ich möchte mich noch einmal sehr für Ihre Hilfe bedanken, bitte helfen Sie mir weiter, wenn Sie können, oder schreiben Sie mir zumindest, ob Sie meinen Brief bekommen haben, darüber würde ich mich sehr freuen. Es fällt mir schon sehr schwer, zu schreiben und ich sehe schlecht, morgens habe ich sehr hohen Blutdruck, ich habe irgendeine Zyste im Kopf, mir ist oft schwindlig.

Also man kann ja sagen, dass wir haben Sie besiegt haben. Auf unserer Seite sind 30 000 Gefangene umgekommen oder von den Deutschen erschossen worden. Ich bekomme die Zeitung „Kriegsveteran“, ich sehe schlecht, aber ein bisschen kann ich doch lesen, aber die Zyste plagt mich trotzdem und noch einiges anderes. Jedenfalls ich habe da gelesen, dass ein durchschnittlicher Rentner in Deutschland 900–1000 Euro bekommt, stimmt das? Das ist sehr gut, wir aber hier haben solche Reichtümer und leben so schlecht. Mein jüngster Bruder (1938 geboren) hat eine Deutsche geheiratet, sie heißt Emma, sie ist von den Wolgadeutschen, und von ihren Verwandten sind elf Personen nach Deutschland ausgewandert und alle leben sie dort gut. Nur sind alle in verschiedenen Städten und Wohnungen. Bei uns bekommen Rentner 3000–4000 Rubel, und das bei den hohen Preisen. Ich habe im November ein Auto bekommen, einen Lada 2107, aber jetzt ist es schon zu spät, wie gerne würde ich losfahren und mir Stalingrad und Millerowo und Urasowo ansehen, und noch einige andere Plätze hätte ich mir angesehen, wenn ich früher das Auto gehabt hätte. Ich habe nämlich gelesen, dass zum Tag des Sieges Deutsche nach Stalingrad gekommen sind, ihre Verwandte sind dort gefallen, oder vielleicht gibt es auch noch Überlebende. Bei uns gibt es das alles nicht und wenn man in die Militärkommandantur geht, dann interessiert sich keiner für einen. Lieber Herr Gottfried, bitte entschuldigen Sie nochmals, dass ich in meinem Brief so, wie man sagt, ausgeschweift bin und ich möchte Sie nochmals bitten, wenn Sie meinen Brief bekommen haben, schicken Sie mir bitte eine Antwort, damit ich weiß, dass Sie ihn bekommen haben und wie lange er unterwegs war. Ich schätze das deutsche Volk sehr, weder Sie noch wir haben Schuld daran, dass es so ein schrecklicher Krieg war. Bei uns in Nowoschachtinsk haben die Deutschen 5000 Bewohner, friedliche Bürger, erschossen, das war natürlich schrecklich. Dass Soldaten umgekommen sind auf unserer und auf Ihrer Seite, das gehörte eben zum Krieg, obwohl ja auch die Soldaten keine Schuld hatten. Ich schätze die Deutschen sehr, vor allem den Deutschen, der mir damals bei Stalingrad geholfen hat. Auch die Italiener schätze ich sehr, die mir geholfen haben, aus der Millerowo-Grube herauszukommen. Nur die Polen mag ich nicht, sie waren aus irgendeinem Grund auch in Urasowo und sie haben uns schikaniert, geschlagen usw. Nochmals Entschuldigung, dass ich so viel geschrieben habe. Ich warte ungeduldig auf Ihre Antwort. Auf Wiedersehen.

Tanskij Stepan Fedorowitsch.

Wenn Sie meinen Brief bekommen, schreiben Sie mir bitte, ob Sie zufrieden sind mit dem, was ich geschrieben habe und was Sie noch interessiert, dann schreibe ich Ihnen davon.

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