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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

152. Freitagsbrief (Übersetzung Ilse Tschörtner).

Goljadkin Pjotr Nikiforowitsch
Kreis Stawropol
Russland.

Verehrte deutsche Freunde! Hiermit wendet sich an Sie und grüßt Sie die Tochter des ehemaligen Kriegsgefangenen Goljadkin Pjotr Nikiforowitsch. Wir haben Ihren Brief und die humanitäre Hilfe erhalten und sind von Ihrer Aufmerksamkeit tief gerührt. Mein Vater, P.N. Goljadkin, ist inzwischen über neunzig Jahre alt (90 Jahre und 7 Monate). Sein klares Bewusstsein und sein gesunder Verstand sind ihm bis heute erhalten geblieben. Freilich lässt die Gesundheit zu wünschen übrig. Seine ersten Erwachsenenjahre fielen in die Zeit des Krieges, so dass er viel Leid und Pein durchmachen musste; dennoch hat er den Glauben an die Güte und Barmherzigkeit der Menschen nicht verloren. Heute lebt er in der fürsorglichen Obhut seiner Angehörigen – seiner Tochter und seiner Enkel.

Im Laufe der Jahrzehnte ist meinem Vater natürlich manches in Vergessenheit geraten, vor allem Daten und Namen, doch an vieles kann er sich noch gut erinnern, ebenso wie auch ich – schon als Kind habe ich ihn immer wieder über den Krieg ausgefragt. So will ich hier versuchen, Ihnen seine Erinnerungen zu übermitteln.

In den Krieg geriet er 1941; er wurde eingezogen und kam an die Ukrainische Front. Im Krieg war er Kraftfahrer. Schon kurz darauf wurde er zusammen mit anderen Armeeangehöri-gen gefangen genommen und in das Konzentrationslager „Neue Game“ [Stalag VIII E (308) Neuhammer am Quais/Schlesien] gebracht. Wie lange er in dem Lager war, weiß er nicht mehr, doch er erinnert sich, dass er, ein gesunder kräftiger junger Mann, sich dort in ein lebendes Skelett verwandelte. Das Lager wurde oft bombardiert. Bei einem dieser Bombenangriffe gelang meinem Vater die Flucht. Einfache deutsche Menschen versorgten ihn mit Zivilkleidung, und so konnte er sich Zivilpersonen anschließen, die zum Arbeiten nach Deutschland geholt worden waren. Ihr Leiter oder derjenige, der ihnen die Arbeiten zuteilte, war ein Mann namens Bückner . Er blickte meinen Vater an, sah, dass er einen einfachen Bauernburschen, der mit der landwirtschaftlichen Arbeit vertraut war, vor sich hatte, und schickte ihn zu seinem Bruder. Anfangs pflegte man die Arbeiter am Ende des Arbeitstages zusammenzuholen und dorthin zu fahren, wo es eine Bewachung gab. Nach einer Weile, darauf bauend, dass er nicht fliehen würde, ließ man meinen Vater bei den ihm zugewiesenen Leuten auch wohnen. Diese Zeit hat mein Vater in sehr freundlicher Erinnerung. Die Leute, bei denen er arbeitete, waren sehr gut zu ihm – eine arbeitsame große Bauernfamilie, vier Söhne und drei Töchter. Die Bäuerin hieß Emma, wie er sich dunkel erinnert. Auch hatten sie eine Lohnarbeiterin aus dem Ort, ein junges Mädchen namens Lisbeth. Meinen Vater nannten sie „Peter“. Zu Mittag aß er immer zusammen mit der Familie. Wenn er durch eine Arbeit aufgehalten wurde, zögerte die ganze Familie die Mahlzeit hinaus und wartete auf ihn. Auch erinnert er sich an die Arbeitsliebe der Familie und die Ordnung in allen Dingen. Der eine Sohn, Paul, brachte ihm die verschiedenen Arbeiten mit dem Trecker bei. Und die Bäuerin, die sah, wie mager und elend er war, bemühte sich ständig, ihn wieder aufzufüttern; bald gab sie ihm zusätzlich einen übrig gebliebenen Eierkuchen, bald ein Ei oder ein Brötchen. An ihrer freundlichen Einstellung hat sich auch dann nicht das geringste geändert, als ihr Sohn Paul zum Kriegsdienst eingezogen wurde und an der Belorussischen Front fiel. Die einfachen Menschen auf der ganzen Welt haben den Krieg stets verabscheut.

Als die russischen Truppen kamen, wurde mein Vater wieder in der Armee eingesetzt. Er blieb bis 1946 in Deutschland. Nun in der Uniform des russischen Soldaten, besuchte er seine deutschen Freunde, und unvergessen ist ihm dabei geblieben, wie die Bäuerin sagte: „Unser Peter ist gekommen.“ Zeit seines ganzen langen Lebens hat Pjotr Nikiforowitsch Goljadkin Hochachtung für jene einfachen deutschen Menschen empfunden, die ihm praktisch das Leben retteten und damit uns, seinen Nachkommen, die Möglichkeit bewahrten, auf die Welt zu kommen. Nach dem Krieg hat er es dann sehr schwer gehabt. Doch das ist ein Kapitel für sich, ein Thema, das schon zu einer anderen Erzählung gehört. Lange Zeit hat keine Verbindung zwischen unseren Staaten bestanden. Als sich jedoch die erste Gelegenheit dafür bot, versuchte mein Vater, Kontakt mit jener deutschen Familie aufzunehmen, von der er soviel Wärme und Menschlichkeit empfangen hat. Mit Hilfe einer Deutschlehrerin aus der Schule schrieb er Briefe in deutscher Sprache. Er sandte mehrere nacheinander ab, hat aber leider keine Antwort erhalten. Von Ihrem Brief war mein Vater tief gerührt, ihm sind sogar die Tränen gekommen.

Heute, da sein Leben zur Neige geht, 90 Jahre sind in dieser Hinsicht ja leider Ernst zu nehmen, dankt P.N. Goljadkin seinen deutschen Freunden noch mal für ihre Anteilnahme und bittet hervorzuheben, dass er in der ganzen langen Geschichte dieses Krieges und überhaupt in seinem ganzen Leben *niemals jemanden* getötet hat Damit erlaube ich mir, unseren Brief zu schließen Auf Wiedersehen. Wir wünschen Ihrer Organisation und all den guten Menschen, die uns mit ihrer Aufmerksamkeit bedachten, viel Glück und Erfolg.

Im Namen P.N. Goljadkins dessen Tochter Valentina Petrowna Karapetljan (geborene Goljadkina).

15. März 2009.

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