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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

151. Freitagsbrief (vom 27. Juni 2009, Übersetzung: Dr. habil. Aschot Hayruni).

Guten Tag, (…) Ich bin im Jahr 1917 in Sisian geboren. Ich war noch ein Student im pädagogischen Institut Jerewans, als der Krieg ausbrach und ich in die Armee einberufen wurde.

Es war Mitte Oktober 1941, als ich mit meinen Kameraden unseres Regiments in der Nähe von Moskau gefangen genommen wurde. Man befahl uns, zu Fuß nach Smolensk zu gehen. Von dort wurden wir zusammen mit vielen Gefangenen in Güterwaggons verladen und nach Minsk gebracht. Wir waren in den Waggons so dicht gepfercht, dass es keinen Platz zum Sitzen gab. Unter uns gab es Verwundete, von denen viele die Fahrt nicht überleben konnten. Manchmal machte man Zwischenstation, um die Leichen zu entfernen. Ich glaube, man warf sie einfach weg, denn wir mussten dann eilends weiterfahren. Bei Minsk wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt und in verschiedene Richtungen verschickt. Das Lager, wohin ich kam, spottet jeder Beschreibung. Es waren dort keine Menschen, sondern menschliche Skelette. Wegen der Unterernährung sowie der täglichen Schläge und Prügel, die unsere Wächter in der Regel zu ihrer Genugtuung machten, kamen täglich viele ums Leben. Einmal hatte einer unserer Wächter nahe vom Wachposten ein Säckchen Brot und etwas Gemüse hingelegt. Erstaunlicherweise schien an diesem Tag abends dort niemand auf Posten zu sein. Es war uns klar, dass hier etwas provoziert wurde. Als es schon später Abend war, begann im Lager ein Durcheinander. Man schrie und befahl allen, sich in Reihe zu stellen. Es zeigte sich, dass drei von unseren Kameraden sich dorthin geschlichen hatten, um das Brot zu holen. Sie waren dort aber festgenommen, stark geprügelt worden und nachdem wir uns eingereiht hatten, ließ man sie vor uns allen erhängen. Wir waren verlaust. Wegen der Unterernährung, der Epidemien und der grausamen Behandlung starben die Gefangenen wie Fliegen. Täglich wurden zahlreiche Leichen hinausgebracht und in die von uns selbst hergestellten Gruben geworfen. Das Leben dort war ein wahrer Todesgang, dem wir alle entgegen sahen. Selbst die strenge Überwachung konnte den Kannibalismus nicht verhindern. Einmal wurden 8 Gefangene erschossen, die zwei Leichen unter der Erde versteckt, und davon sich ernährt hatten …

Von dort bin ich in zwei andere Lager und dann nach Polen (Suwalki) gebracht worden. Dort blieben wir unter dem freien Himmel, auf einem breiten Feld, das von Stacheldraht umgeben war. Es müsste dort über 50 000 Menschen gegeben haben, die in verschiedenen Gruppen durch Stacheldraht umzäunt waren. Wir befanden uns in einer wahren Hölle, dem Regen, der Hitze und der Kälte, den täglichen Erschießungen und dem Hunger ausgesetzt. Man konnte von der wenigen Balanda, die man uns gab, unmöglich leben und viele (besonders bei regnerischen Tagen) versuchten, aus der Erde Würmer herauszuholen, um sich damit zu ernähren. Täglich starben dort Hunderte unserer Kameraden.

Eines Tages wurde ein Teil der relativ lebensfähigen Gefangenen, unter ihnen auch ich, ausgesondert, und wir wurden in Güterwaggons in ein anderes, aus Baracken zusammengesetztes Lager gebracht, wo man uns täglich nebst Balanda 200 Gramm Brot gab. Wir mussten dort im Wald Bäume sägen und daraus Balken machen, die dann mit der Eisenbahn abtransportiert wurden. Nach einiger Zeit brachte man mich und mehrere andere meiner Kameraden nach Deutschland, wo ich in einer Fabrik bei Hamburg arbeiten musste. Ich blieb dort bis Kriegsende. Nach der Befreiung diente ich bis zum Herbst 1945 in der Armee weiter, dann wurde ich demobilisiert und konnte wieder in die Heimat zurückkommen.

Ich danke Ihnen sehr herzlich für die Begünstigung, die ich von Ihnen über unseren Verein bekommen habe. (…) Es war eine unsagbare Leidensgeschichte, die ich und mit mir zahllose Andere in der Kriegsgefangenschaft haben durchmachen müssen. Ich habe dabei immer befürchtet, dass diese Geschichte zusammen mit uns vergessen würde, ohne gut genug ans Licht zu kommen. Erst in letzter Zeit, nachdem ich von Ihrem Werk informiert wurde, konnte ich wieder zur Ruhe kommen, denn ich bin schon sicher, dass diese Geschichte nie und nimmer vergessen und verloren werden könnte.

Mit herzlichsten Grüssen

Nikolaj Gharagjosjan.

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