Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

149. Freitagsbrief (vom 28. März 2009 Übersetzung: Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Gebiet Rjasan
Wassilij Pawlowitsch Kostikow.

Guten Tag,

Es schreibt Ihnen Kostikow Wassilij Pawlowitsch. Ich bin sehr froh, dass Sie an meine Adresse einen Brief geschickt haben und darum baten, auf ihn zu antworten. In meinem Kopf ordnet sich bis heute nicht, was die Faschisten mit uns in der Gefangenschaft gemacht haben. Unter uns gab es die Propaganda, dass die Deutschen unsere Gefangenen verhöhnen, ich glaubte das und glaubte es nicht, bis ich es an mir erlebte. Ich glaubte es nicht, weil wir die deutschen Gefangenen niemals, nicht mal mit einem Finger berührten. Ich bringe ein Beispiel: Es war bei Stalingrad, als ich dorthin kam. Meine Feuertaufe Anfang September 1942 an der Stalingrader Front. Am 21. September wurde ich am Arm und am Bein verwundet, nach der Genesung im Krankenhaus kam ich wieder nach Stalingrad, aber zu dieser Zeit war die gesamte Sechste Deutsche Armee eingeschlossen, so dass ich die Ehre hatte, sie endgültig zu zerschlagen. Damals diente ich als Artillerist an einer 45 mm Kanone. Am 2. Februar 1943 wurden die letzten Deutschen besiegt und wir nahmen 96 000 gefangen, und in der Stadt trat Stille ein. Wir begannen, die Toten zu bergen, wir unsere und die Deutschen ihre, und in Massengräbern beizusetzen. Warum ich all das schreibe? Es vergingen etwa sechs Tage, ein Haus an der Nordseite der Stadt war ganz geblieben, es stand noch das Gerippe. Ich ging das Mittagessen für 7 Mann fassen. Als ich an diesem Haus vorbei kam, sehe ich, wie aus dem Keller etwa 90 Deutsche heraus kommen, das waren keine Menschen, sondern lebende Leichname, sie sahen mich, wie ich 4 Laibe Brot trug, sie streckten ihre Hände aus, Pan, Kamerad, Brot, die Hände zitterten, sie steckten mir Souvenirs zu, einer eine Zigarettenspitze, ein anderer eine Pfeife, ein dritter ein Zigarettenetui, nur um ein Stückchen Brot zu erhalten. Ich schaute sie an und mir kamen Tränen in die Augen vor Mitleid, und ich habe ihnen alles Brot gegeben. Vielleicht hat dieses Stückchen Brot dem einen oder anderen das Leben gerettet. Als ich zur Geschützbedienung kam, fragten mich die Kameraden, hat man kein Brot geliefert? Da habe ich ihnen von dem Vorfall erzählt und alle haben einmütig gesagt, dass hast du richtig gemacht, das sind doch auch Menschen. Wozu ich all das geschrieben habe? Weil wir so mit deutschen Gefangenen umgegangen sind. Deshalb glaubte ich unserer Propaganda nicht, ich dachte, dass man so auch mit unseren Gefangenen umgeht. Aber es war alles genau entgegengesetzt, bis ich all die Unglücke von Seiten der Faschisten am eigenen Leibe erfahren musste. In Gefangenschaft geriet ich am 27. Dezember 1943 bei Kirowograd und mein Leidensweg begann.

In Kirowograd war ein großes Kriegsgefangenenlager [Stalag 305]. Man jagte uns zur Arbeit, Schützengräben rund um die Stadt ausheben. Zu essen gab es einmal am Tag. Es war nicht festzustellen, woraus man diese Suppe gekocht hat und 200 gr. Brot, das zur Hälfte aus Sägespänen bestand. Nach 10 Tagen begannen unsere Truppen die Stadt einzukreisen, nachts wurde Alarm geschlagen und das ganze Lager weiter nach Westen gejagt. Man jagte uns nach Leibeskräften, wir kamen durch Moldawien, Rumänien, zu essen gab es nur das, was die Bevölkerung gab, dafür hat man aufs Geratewohl geprügelt. Vor uns her wurde Vieh getrieben, aber es verendete unterwegs und wir flogen wie die Raben auf dieses Aas, dafür wurden wir wieder aufs Geratewohl und mit allem Möglichen geprügelt. So sind viele von uns unterwegs vor Hunger und den Schlägen umgekommen. In Polen wurden wir in Waggons geladen und nach Deutschland gebracht, wo ich an Typhus erkrankte und 8 Tage bewusstlos war. Ich weiß nicht, wie ich von dieser schweren Krankheit genas.

Danach wurde ich in die Stadt Jerlitz [Stalag VIIIA Görlitz?] geschickt, ich erinnere mich, dass dort ein Verteilungslager war, dorthin kamen Händler, um Arbeitskräfte zu holen. Ich kam in einen Steinbruch der Firma Mawra [Muhrau?]. Wir waren dort 13 Mann, eine kleine Baracke umgeben von Stacheldraht und einer Wachmannschaft. Am zweiten Tag ging es unter Bewachung zur Arbeit, Steine brechen mit dem Vorschlaghammer. Zu essen gab es drei mal am Tag, 500 gr. Brot, Suppe aus getrockneter Kohlrübe und Kartoffelbrei, soviel, dass man den Vorschlaghammer gerade noch heben konnte. Wie viel Nutzen brachte ich dem faschistischen Staat für ein Stück Brot. Mir hat man nach mehr als einem halben Jahrhundert 300 Euro ausbezahlt und das nicht vom Staat, sondern vom einfachen Volk, vor dem ich mein Haupt neige und vielen Dank sage.

Die heutige deutsche Regierung zeigte sich taub und stumm. Ich bitte nicht um eine Million, obwohl ich mehr als eine Million Nutzen erbrachte, aber 1000 Euro hätte dieser Staat abgeben können, das ist für einen Staat ein Tropfen im Meer. Bald ist der Tag des Sieges, der 9. Mai, das ist für uns der teuerste und heilige Feiertag. Nicht nur für uns, sondern für das gesamte Volk, das Blut hörte auf zu fließen. Wie die Menschen jubelten, weinten, sich umarmten, küssten, diese Tränen waren nicht bitter, sondern Tränen der Freude – so sollte Frau Merkel, Regierungschefin der BRD mir Glückwünsche zum Tag des Sieges schicken, ich würde mich sehr freuen. Ich schicke Ihnen meine Fotografie, in der Jugendzeit war ich im faschistischen Deutschland, jetzt im fortgeschrittenen Alter von 90 Jahren fotografiert man mich auch dort.

Publizieren Sie das in der Zeitung, damit das deutsche Volk sieht, wie ich heute aussehe. Das ist für heute alles, schicke Sie mir eine Antwort, dann setze ich die Erzählung über mein Leben fort, wie ich aus der Gefangenschaft geflohen bin und über mein heutiges Leben.

Auf Wiedersehen, erwarte Ihre Antwort

Kostikow, Wassilij Pawlowitsch

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.