Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

148. Freitagsbrief (vom 29. Juli 2008, Übersetzung: Deniss Miller).

Russland
Gebiet Wolgograd
Kamyschin
Aleksandr Wasiljewitsch Galizin.

(…)

Ich war sehr überrascht, als ich Ihren Brief bekam. Denn ich erhielt bereits eine Antwort, dass ich für meine Leiden, Qualen, mein Unglück nichts bekomme. Nicht mal Entschuldigungen oder Dankbarkeit. Gott sei Dank, dass unser Land uns als Kriegsveteranen mehr oder weniger versorgt. Ich bin jetzt 87 Jahre alt. Ich habe keine Kinder. Das ist das Schlimmste, was ich von den Konzentrationslagern bekommen habe. Ich wohne in einem Häuschen ohne Komfort. Es fällt mir sehr schwer, mich zu versorgen. Aber mir hilft der Sohn meiner verstorbenen Frau. Ich halte noch durch. Ich höre schlecht, bin blind. Meine Beine bewegen sich schlecht. Ich wäre gerne in ärztlicher Behandlung, aber dafür habe ich keine Mittel. Es ist schön, dass einfache Bürger Deutschlands verstehen, dass Deutschland schuldig ist beim Entfesseln des Krieges, dass dieser Krieg mein Schicksal so verändert hat. Aber auch das Schicksal anderer Leute, nicht nur der Russen, sondern auch der Deutschen. Ich hätte nie gedacht, dass ich überleben werde. Denn mein Bruder ist gestorben. Und die anderen Verwandten.

Über mich kann ich dieses mitteilen: ich kämpfte in der 5. Angriffsarmee im 125. Regiment in der Infanterie. Ich kam im Juli 1942 in die Gefangenschaft in der Stadt Perwomajsk in der Ukraine. Es war eine schwere Schlacht, als ich 50 m vor dem Dorf ankam, erlitt ich schlimme Schädelprellung und dann kam ich in die Gefangenschaft. Ich war zuerst im Konzentrationslager in Chartsyzk, danach in Kriwoj Rog [Stalag 338]. Um 0,5 l Tee zu bekommen, standen wir in der Schlange von Morgen bis Nachts. Mehr zu essen bekamen wir nicht. Danach kam ich ins Konzentrationslager in Kattowitz in Polen. Ich habe schwer gelitten, denn zu essen gab man fast nichts, nur Kohlrübensuppe. Ich lag im Sterben, aber mich hat man im Jahre 1944 nach Deutschland gebracht. Ich fing an, in einer Möbelfabrik zu arbeiten. Ich habe Kisten für die Geschosse zusammengeleimt. Hier gab es wenigstens Kartoffeln. Ich erinnere mich, dass die deutschen Frauen uns manchmal Brot mit Margarine geschmiert haben. Die ganzen unglaublichen Leiden habe ich natürlich in den Konzentrationslagern bekommen. Und in Deutschland haben wir in einem beheizten Stall gewohnt. Ich habe natürlich vieles vergessen. Aber mich zurück erinnern möchte ich auch nicht.

Leider habe ich das Geld nicht bekommen.[*] Ich darf nicht, denn es gibt einen Fehler in der Rechtschreibung meines Namens. Mein Name wird so geschrieben: Galizin, und nicht Galyzin.

****

[*] Kurz danach erhielt er die 300 Euro, was zuvor in unserem Brief angekündigt worden war.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.