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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

147. Freitagsbrief (vom 18. November 2008, Übersetzung: Eduard Luft).

Russland
Tatarstan
Bawly
Kutdus Samigulowitsch Bajbulow.

Gruß aus Tatarstan,

mein Name ist Bajbulow K. S. Ich möchte Ihnen eine Rückantwort schreiben bezüglich der erhaltenen humanitären Unterstützung. Sie baten darum, Ihnen zu antworten bei Erhalt dieser Unterstützung: Ich habe sie in der Sparkasse ausbezahlt bekommen; ich danke Ihnen dafür, dass Sie uns nicht vergessen, die wir jenen schweren Leidensweg des Krieges zurückgelegt haben.

Lassen Sie mich in aller Kürze von meinem Schicksal in diesem Krieg erzählen: Im Jahr 1942, am 15. April, wurde ich per Bescheid des Kriegskommissariats aufgefordert, im zuständigen Militärkommissariat von Bawly zu erscheinen, wo man mich zur militärischen Grundausbildung beorderte. Ich kam also für eine zweimonatige Schulung in ein Ausbildungslager, das im Gebiet Pensa lag, nahe der Station Inza. Nach der Ausbildung schickte man uns an die Front. Meine Einheit wurde im vierten Verteidigungsring [unklar; evtl. ist auch eine bestimmte milit. Stellung gemeint, Anm. d. Ü.] disloziert; in dieser Stellung war es noch ruhig und es kamen keinerlei Befehle herein. Doch dann, nach einem Monat etwa, erhielten wir eine Nachricht: Wie sich herausstellte, waren wir von den Unseren abgeschnitten und in eine Einkesselung geraten. Wir brachen sogleich zum Rückzug auf, acht Tage und acht Nächte zogen wir uns zurück, ohne Essen und ohne Schlaf. Die gesamte Ausrüstung hatten uns die Deutschen zerschossen, auch die Feldküche und alles andere. Unsere ganze Munition hatten wir verbraucht und zu allem Übel setzte der Deutsche in der Nacht auch noch Fallschirmjäger in unserem Kessel aus. Kurz, wir schafften es nicht, aus der Umzingelung herauszukommen und waren am neunten Tag gezwungen, uns zu ergeben und in die Gefangenschaft zu gehen. Das war irgendwo im Gebiet Rostow.

Wir kamen in ein Gefangenenlager bei Rowno, in diesem Lager wurden 10.000 Menschen gefangen gehalten. Die ersten Tage, fünf Tage etwa, bekamen wir nichts zu essen, man ließ uns Hunger leiden. Nach einigen weiteren Tagen dann setzte man uns in Marsch, tiefer ins Hinterland hinein. Von Wachmannschaften begleitet marschierten wir bis ins Donbass-Gebiet [Donezbecken, Anm. d. Ü.], in die Stadt Stalino [bis 1961 der Name von Donezk, Anm. d. Ü.]. Von hier aus schickte man uns, 40 Gefangene, mit dem Zug nach Pskow, wo wir in ein großes Lager kamen. Dort erzählten uns jene, die bereits 1941 in Gefangenschaft geraten waren, dass wir kein richtiges Essen zu erwarten hätten: Es würde ein LKW kommen und Weizen herankarren, der würde dann einfach auf die Erde gekippt und wir müssten ihn dann auflesen von der Erde, wie die Hühner ihr Futter. Später wurden wir, 250 Mann, aus diesem Lager in ein anderes überführt; in jenem neuen Lager gab man uns einmal am Tag einen Liter Balanda [dünne Gefängnisbrühe aus Kartoffeln und/oder Kohl, Anm. d. Ü.] zu essen und 150 Gramm Brot, zur Hälfte aus Sägemehl gebacken. Am Morgen und am Abend gab man uns Tee oder „Kaffee“, stets ohne Brot. Die Gefangenen begannen bald aufzuschwemmen und dann zu sterben; nach jeder Nacht standen 2–3 Menschen nicht mehr auf.

Irgendwann habe ich bei mir gedacht, wir würden hier auf diese Weise alle das Leben lassen und entschied mich zur Flucht. Während der Arbeit bat ich die Wachen um Erlaubnis, auf Toilette gehen zu können, mit dem Ziel, dabei abzuhauen. Allerdings hatte ich Pech: ich wurde auf der Straße festgehalten und ins Lager zurückgeschickt. Für dieses Vergehen statuierte der Kommandant des Lagers an mir dann ein Exempel: Er versammelte die anderen Gefangenen und ließ mich vor ihren Augen auf dem Hintern rutschen, wobei er mir 25 Stockschläge mit Gewehrstock überzog. Ich habe noch bis zum 17. mitzählen können, dann verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem kalten Keller, dort blieb ich für zwei Tage und Nächte liegen und man gab mir weder zu essen noch zu trinken.

In diesem Lager hielt man uns noch bis zum Frühling fest; im Jahr 1943 überführte man uns dann in ein anderes Lager. Von dort aus wurden wir zu Straßenbauarbeiten eingesetzt, an verschiedenen Orten im Gebiet Minsk, später im Gebiet Leningrad und Kalinin, in Litauen, Estland und Lettland. Die ganze Zeit über befanden wir uns unter strenger Bewachung. Dann, im Jahr 1944, als die Deutschen den Rückzug antreten mussten, trieb man uns in Gewaltmärschen in Richtung Deutschland. Als wir in Lettland die Stadt Salantai passierten, gerieten wir unter Bombenbeschuss. Sowjetische Flieger bombardierten einen Eisenbahn-Knotenpunkt und in diesem Moment gelang es mir und 13 anderen Gefangenen, zu fliehen. Wir versteckten uns in einer Scheune und harrten zwei Tage und Nächte unter Stroh liegend aus bis wir uns wundgelegen hatten. Dann, als die Unseren kamen, sind wir heraus und haben der erstbesten Einheit, der wir begegneten, Bericht darüber erstattet, dass wir aus der Gefangenschaft geflohen waren.

Daraufhin kamen wir in ein weiteres Lager, wo sich eine Sonderabteilung des staatlichen Geheimdienstes befand. Hier begann man bald damit, uns bei Tag und bei Nacht zum Verhör zu schleppen. In diesem Lager wurden wir einen Monat lang festgehalten, dann hat man uns 40 Mann separiert und in den Zug gesetzt; wir wussten nicht, wohin wir eigentlich fuhren, jedenfalls wurden wir auf der Fahrt ebenfalls bewacht. Nach einigen Tagen Fahrt kamen wir in der Stadt Kalinin an [bis 1990 der Name von Twer, Anm. d. Ü.], dort brachte man uns wiederum in einem Lager unter, aber zu unserer Freude bekamen wir dreimal am Tag eine Armeeration zu essen. Allerdings mussten wir jeden Tag zur Arbeit gehen; man brachte uns unter Bewachung zu einem Waggonbau-Werk. Doch hier schleppte man uns nicht zum Verhör. Dann, sechs Monate waren vergangen, entließ man uns von dort und es ging zurück zur Armee. Wir wurden einem Zug zugeteilt, der einer Bewachungseinheit zugehörte: Nun waren wir es also, die gefangene Deutsche zur Arbeit führten. Wir wohnten in einer Kaserne und stellten in Schichtarbeit die Wachmannschaften.

Später, nachdem der Krieg 1945 zu Ende gegangen war, wurden wir demobilisiert; allerdings ließ man uns nicht nach Hause gehen, nicht einmal einen Brief durften wir schreiben. Irgendwann wurden wir an einen anderen Arbeitsplatz in das KRPZ-Werk versetzt (Abkürz. wahrscheinl. für „Kostromskoj Radiopribornyj Zavod“ – Kostromer Radiotechnisches Werk, Anm. d. Ü.). Untergebracht waren wir in einem Wohnheim. In diesem Werk haben wir bis 1950 gearbeitet, dann kam ein Befehl des Verteidigungsministeriums, in dem unsere Freilassung angeordnet wurde. Darauf händigte man uns dann unsere Ausweise und die Wehrpässe aus und es kam eine Benachrichtigung betreffs Freizügigkeit vom Kriegskommissariat. Ich bekam von der Fabrik meine Gehaltsabrechnung ausgestellt und bin in die Heimat gefahren, nach Tatarstan, in den Kreis Bawlinsk, ins Dorf Tatarskaja Dymskaja, zu Vater und Mutter. Sie haben nicht mehr auf mich gewartet, denn vom Wehramt hatten sie noch während des Krieges die Benachrichtigung bekommen, ich sei im Kampf vermisst. Vater und Mutter waren überglücklich, dass ich lebendig und gesund heimgekehrt war. Mein älterer Bruder hingegen war im Krieg gefallen; er war als Panzersoldat an der Front.

Nach meiner Rückkehr nahm ich eine Arbeit beim Tiefbauamt von Bawlinsk an, wo ich von 1950 bis 1976 gearbeitet habe; bis zu meiner Pensionierung war ich bei diesem Amt angestellt. 1952 habe ich geheiratet und dann haben wir, meine Frau und ich, uns ein Haus gebaut, auch etwas Vieh haben wir gehalten. Wir bekamen vier Kinder, von ihnen ist heute nur noch eine Tochter am Leben. In diesem Jahr, am 8. März, ist meine Frau verstorben und nun ist also im ganzen Haus niemand sonst als ich allein geblieben; meine Tochter lebt mit ihren Kindern zusammen in einem eigenen Haushalt. Ich habe heute mehrere Enkel und sogar Urenkel, die vor meinen Augen aufwachsen.

Ich selbst werde am 15. November 87 Jahre alt. Gott sei Dank kann ich noch ein paar Stück Vieh halten und habe soweit keine gesundheitlichen Beschwerden. Nachdem meine Alte verstorben war, wollte ich eigentlich ins Altenheim gehen, doch das Sozialamt lässt mich nicht, weil ich eine Tochter und Enkelkinder habe, deswegen darf ich nicht, nun werde ich also irgendwie meine Zeit fristen bis zum Tode. An Feiertagen werde ich als Teilnehmer des Vaterländischen Krieges in eine Kantine zum Essen eingeladen und auch ein paar Geschenke bringen sie mir. Was die Rente angeht, so wurde sie ab dem 1. Oktober etwas erhöht, nun bekomme ich 13 900 (rund 300 Euro). Und dann bekomme ich noch vom Tiefbauamt 800 oder 900 Rubel pro Quartal ausbezahlt. Sobald ich meine Rente bekommen habe, verteile ich das Geld stets unter den Kindern, soviel, wie sie haben wollen. Sie helfen mir ihrerseits im Haushalt und übernehmen verschiedene Arbeiten im Hof, vor allem schauen sie nach dem Vieh und bereiten das Futter zu.

Nun gut, meine Freunde – Do swidanija! Möge Gott euch allen ein hundertjähriges Leben schenken.

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Anm. d. Übers.: Das Russisch des Briefschreibers, offenkundig eines ethnischen Tataren, ist grammatisch und orthografisch stark fehlerhaft. Vor diesem Hintergrund musste, um die Verständlichkeit zu erhalten, häufig eine freiere Übersetzung gewählt werden, wobei es zumeist darum ging, die intendierte Aussage von verkürzten und unvollkommenen Phrasen oder falschen Sprachbildern zu rekonstruieren. Wo sich der Sinnzusammenhang nicht zweifelsfrei erschließen ließ, findet sich ein kurzer Vermerk. Bemerkenswert erscheint der unbedingte Wille des Autors, trotz sichtlicher Mühe mit dem geschriebenen Wort seine Geschichte zu erzählen. Die sprachlichen Mittel reichen nicht aus, Emotionen oder Reflexionen zum Ausdruck zu bringen, doch birgt der nüchterne Tonfall des Briefes eine eigene Eindringlichkeit.

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