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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

146. Freitagsbrief (vom 18. April 2009, Übersetzung: Valerie Engler).

Ukraine
Gebiet Donezk
Nikolaj Koba.

Sehr geehrter Dmitrij, sehr geehrter Eberhard und liebes Kontakte-Kollektiv,

entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht schneller auf Ihren letzten Brief geantwortet habe. Ich befand mich bei einer längeren Behandlung in Donezk, während Ihr Brief zu Hause auf mich wartete. Jetzt bin ich wieder zu Hause und kann Ihnen antworten. (…) In diesem Brief schicke ich Ihnen meine Erinnerungen an unseren Fluchtversuch aus dem Lager Kummersdorf.

Mit freundlichen Grüßen,

Nikolaj Koba.

Die Flucht.

Es war Ende Dezember 1942 im Lager Kummersdorf. Das Heimweh und der Wunsch, aus dem Höllenleben im Lager auszubrechen, trieben mich zu Fluchtgedanken. Unsere Lage war so schrecklich, dass wir die Flucht, wenn sie auch möglicherweise den Tod bedeuten würde, dem Höllenleben im Lager vorzogen, und so hatte sich in unserer Stube* eine Gruppe Kameraden zusammengefunden, die die Flucht wagen wollte.

Das Lager war von zwei Reihen Stacheldraht umgeben, zwischen ihnen waren Spiralen aus Stacheldraht. Neben unserem Lager befand sich ein Lager für junge Zwangsarbeiterinnen, die von deutscher Polizai bewacht wurden. Um aus dem Lager herauszukommen, mussten wir einen Durchgang unter dem ersten Stacheldraht graben, dann innerhalb der Stacheldrahtspirale bis zum Tor kriechen, dort über den Stacheldrahtzaun klettern - und dahinter war die Freiheit. Den Graben durfte natürlich niemand bemerken, deshalb lockerten wir an der Stelle die Erde auf, damit wir sie dann bei der Flucht nur beiseite schaufeln mussten und der Graben wäre fertig. Damit uns die Wachposten nicht bemerkten, wurde derjenige, der gerade mit Graben beschäftigt war, normalerweise von einer Gruppe Gefangener verdeckt. Kurz vor dem Fest Weihnachten* war schon alles vorbereitet. Jetzt mussten wir uns überlegen, wie wir nachts aus der Stube* herauskommen konnten. Nach dem Zapfenstreich am Abend zählten die Wachposten die Gefangenen durch, dann verriegelten sie die Tür mit einem Holzbalken. Unbemerkt im Hof zu bleiben war also nicht möglich. Es blieb nur ein Ausweg, nämlich aus dem Fenster zu klettern. Aber das Fenster war mit einem Gitter aus Stacheldraht gesichert, und die Öffnungen im Gitter waren so klein, dass nicht einmal ein Kopf durchpassen würde. Mein Kopf aber passte hindurch. Ich war sehr dünn und schmächtig, und die Kameraden sagten, wenn dein Kopf durchpasst, passt du auch ganz durch. Also war ich der Einzige, der durch das Fenster nach draußen kommen konnte, und nur ich konnte die anderen aus der Stube* befreien. Jetzt mussten wir entscheiden, wie das zu machen war. Die anderen wollten, dass ich mit den Füßen zuerst durch das Gitter schlüpfen sollte, aber ich hatte Angst, dass die Wachposten mir ins Hinterteil schießen könnten. Natürlich wäre ich auf diese Weise mit den Füßen als Erstes auf der Erde gelandet, aber ich bestand darauf, das sie mich mit dem Kopf nach vorne hinausschieben sollten.

Als ich mit den Händen die Erde erreichte und endlich auf den Boden plumste, kannte meine Freude keine Grenzen. Ich horchte - um mich herum herrschte Stille, die Scheinwerfer beleuchteten den Hof, aus der Stube* der Wachposten waren betrunkene Rufe zu hören - sie feierten dort Weihnachten. Alles lief nach Plan. Die ersten Gefangenen schaufelten die Erde aus dem Graben und krochen schon durch die Stacheldrahtspirale zum Ausgang. Ich sollte als Letzter fliehen. Aber da geschah etwas Unvorhergesehenes. Vom benachbarten Zivillager kam ein Polizai herüber, er sah die Fliehenden und eröffnete das Feuer. Als unsere Wachposten die Schüsse hörten, kamen sie aus ihrer Stube* gerannt und begannen auch zu schießen, aber zum Glück trafen sie keinen, alle Schüsse gingen daneben. Dreizehn Gefangene hatten es geschafft, aus dem Lager herauszukommen, wir anderen rannten in dem Versuch, den Schüssen zu entkommen, zurück in unsere Stube. Voller Angst erwarteten wir dort die Wachposten. Der Lagervorsteher kam herein und fragte uns über einen Dolmetscher, wer die Tür aufgemacht hatte, aber die anderen verrieten mich nicht. Wer versucht hatte, zu fliehen, musste er nicht fragen, das konnte er an der zerrissenen Kleidung erkennen. Dann begann die Bestrafung. Jeder von uns bekam 25 Peitschenhiebe aufs entblößte Gesäß. Der Lagervorsteher schlug uns nicht selbst, sondern gab einem Lagerpolizai den Befehl dazu. Letzterer peitschte und verlangte dabei, dass wir nach jedem Hieb laut schrien. Der Lagervorsteher tippte sich mit dem Finger an die Stirn und sagte dabei: „Verrückt geboren. Zweitausend Kilometer.*“ Zu der Zeit war die Front bei Stalingrad, wohin es unglaublich weit war, aber daran hatten wir gar nicht gedacht.

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*markierte Ausdrücke sind im Original Deutsch

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