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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

144. Freitagsbrief (vom 19. Februar 2009).

Russland
Baschkirien
Blagowetschensk
Michail Grigorjewitsch Subkow.

Sehr geehrte Herren Dr. Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit und Dmitri Stratievski. Ich möchte Ihnen und allen Mitgliedern des Vereins „Kontakte-Kontakty“ für Ihr humanitäres Engagement zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit danken. Hiermit bestätige ich Ihnen, dass ich Ihre humanitäre Hilfe in Höhe von 300 Euro bekommen habe, für die ich mich sehr bedanken möchte.

Über mich. Ich wurde am 7.10.1922 in einer Bauernfamilie geboren und ich zähle mich zur Generation der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, die den Zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Volkswirtschaft, die politischen Verfolgungen und als Allertragischstes den Zerfall des in Jahrhunderten aufgebauten russischen Staates und die daraus entstehenden Folgen erleben mussten.

1939 schloss ich die Mittelschule (zehn Klassen) ab. Die Lage im Land und in der ganzen Welt war besorgniserregend. Durch unser Land ging eine Welle der politischen Verfolgungen, wir erfuhren von den Ereignissen in Spanien, von Chalchin-gol. In Europa verfestigte der deutsche Faschismus seine Macht. Der Zweite Weltkrieg stand vor der Tür. Ich kann mich noch an den ersten Tag des Krieges erinnern. Ich beendete gerade das zweite Studienjahr an der Fakultät für Physik und Mathematik des Baschkirischen Pädagogischen Instituts.

Der 22. Juni war ein Sonntag. Es war ein sonniger Morgen, fröhliche Passanten auf den Straßen. Plötzlich ertönte aus dem schwarzen Megafon die Stimme Lewitans: „Achtung, Sie hören nun eine Mitteilung der Regierung“. Es sprach Molotow. Die fröhliche Stimmung war sofort verflogen, statt dessen ein Gefühl der Unruhe und Angst. Der Bericht unseres Oberkommandos wurde übertragen. Warum zogen sich unsere Truppen zurück? Vielleicht war das nur für eine kurze Zeit. Nein, es sollte ein langer und grausamer Krieg werden.

Ich legte die Prüfungen zum Ende des zweiten Studienjahres ab und im Juli 1941 wurde ich in die Rote Armee einberufen. Uns Studenten schickte man zur Ausbildung in die Infanterieschule. Nach dem verkürzten Abschluss in sechs Monaten wurde ich zum Leutnant und zum Zugkommandeur befördert. Von Juni bis August 1942 kämpfte ich in der Schlacht bei Stalingrad. Die deutsche Armee griff Stalingrad mit großen Einheiten an, überquerte den Don. Unsere Division, Teil der 62. Armee, wurde an einer Biegung des Don eingekesselt. Unsere angeschlagene Division schaffte es nicht, mit den ihr verbliebenen Einheiten den Kessel zu durchbrechen. Wir bewegten uns in kleinen Gruppen Richtung Don.

Am 9. August 1942 gerieten wir am frühen Morgen in einen Hinterhalt. In diesem Moment begann für mich der fast dreijährige Weg der Gefangenschaft. Wir wurden unter Bewachung die staubigen Straßen entlang getrieben, die Schwerverletzten wurden erschossen und auf der Straße liegengelassen. An einer Bahnstation wurden wir zu 45 Personen in Waggons verladen. Drei Tage fuhren wir ohne Essen und ohne Wasser. Die Schwerkranken starben, ihre Leichen schob man in die Ecke, wo wir auch unsre Notdurft verrichteten. Mehr tot als lebendig kamen wir nach Uman.

In Uman kamen im Winter 1941/42 tausende Kriegsgefangene ums Leben. Als der Frost kam, versuchten sich die Kriegsgefangenen in selbst ausgegrabenen Schützengräben vor dem Frost zu schützen. Die Wachen brachten erfrorene Pferde, die Gefangenen stürzten sich auf das Fleisch und man erschoss sie von den Wachtürmen aus Maschinengewehren. In Uman war ich bis Ende September. Wir lebten in einem Hühnerstall und schliefen auf zweistöckigen Pritschen. Oben schliefen die Donkasaken und die Terekkasaken, in der Mitte die Offiziere und unten auf dem Boden die Juden. Wecken um 5 Uhr. Bis 9 Uhr Stehen in der Kälte. Mir wurden Hemd und Stiefel weggenommen, ich stand im Unterhemd und barfuß. Unter uns waren etwa 30 Juden. Eines Morgens kam ein Lastwagen, Soldaten trieben sie mit langen Gummipeitschen zusammen und brachten sie weg.

Ich habe Judenpogrome an Juden in der polnischen Stadt Tschenstochau gesehen. Geplünderte Gebäude, zerbrochene Fenster, auf den Straßen kaputte Möbel, zerfetzte Federbetten und Kissen. Welch schreckliche Gräueltaten haben die Faschisten angerichtet.

Danach war ich in den Lagern von Wladimir-Wolynsk und Tschenstochau und am 7. November 1942 wurde ich nach Nürnberg gebracht. Als wir am Bahnsteig aus den Waggons ausgestiegen waren, stellte sich heraus, dass 5 Personen fehlten, wir sollten 45 Mann sein. Wir standen in Reihen von zwei Mann. Die Begleitsoldaten fragten: „Wo sind die anderen?“ Wenn sie geflohen waren, so würde jeder Fünfte von uns erschossen werden. Hysterische Angst. Wenn ich nun der Fünfte bin? Jemand rief, dass sie Brot holen gegangen waren. Die Wachsoldaten beruhigten sich. Gott sei Dank, der Tod war noch einmal an uns vorübergegangen.

Das Lager in Nürnberg war riesig. Abgetrennt voneinander englische und amerikanische Soldaten. Sie bekamen Hilfe vom Roten Kreuz. Wir aber, wir Russen, wir fielen nicht unter die Gesetze. Bald wurden wir nach Regensburg gebracht. Dort waren an die Tausend gefangengenommene Offiziere. Der Silvesterabend 1942/43 ist mir in Erinnerung geblieben. Die Polizaj rückte im Essraum die Tische beiseite und baute eine Bühne auf. Als die Gefangenen den Essraum füllten, kam ein kräftiger Mann in einer französischen Uniform auf die Bühne. Er begann: „Meine Herren Offiziere! Die deutsche Armee befreit Russland vom verhassten Stalinschen Regime usw.“ Plötzlich kam aus den mittleren Reihen der Ausruf: „Hoch lebe die Sowjetunion!“ Alle standen auf, heftiger Beifall … diese hungrige, ausgemergelte Menschenmenge wurde zu einer vereinigten, begeisterten und patriotischen Kraft. Er wollte noch etwas sagen, aber wieder ein Ausruf: „Hoch lebe der Genosse Stalin!“ Wütend verließ der Gelbe den Raum.

Dann begann das Konzert. Schauspieler von der Polizaj trugen etwas vor und sangen. Am nächsten Tag teilte man uns mit, dass das Konzert wiederholt werden würde. Als alle Gefangene im Essraum waren, bauten die Wachen am Ausgang und auf der Bühne Maschinengewehre auf und verlangten von uns zu erfahren, wer am Vortag die Worte gerufen hatte. Niemand sagte etwas. Erst am nächsten Morgen wurden die erschöpften Gefangenen zurück in die Baracken gelassen.

Einige Zeit später brachte man uns Jüngere (ich war damals 20 Jahre alt), die wir noch keinen Beruf hatten, ins Lager Nürnberg und dann als Arbeitstrupp zur Firma „Berkenkampf & Schleuter“. Im Arbeitstrupp waren nur Offiziere, vom Oberst bis zu uns, den grünen Leutnants. Wir verstanden uns gut. Die Rangälteren unterstützten die Jüngeren moralisch, manchmal auch materiell. Soweit es möglich war, sabotierten und behinderten wir die Produktion. Zwei von uns wurden wegen Sabotage ins KZ Buchenwald gebracht, für andere Vergehen wurden wir am Sonntag in den Karzer (Keller) gesperrt.

Hier blieb ich bis zum Kriegsende. Im Arbeitstrupp waren etwa 100 Leute. Ich war in der Gruppe der Maurer. Vorne auf meinem Mantel hatte ich die Nummer 303. In den zwei Jahren von 1943 bis 1945 starb die Hälfte der Gefangenen an Krankheiten, Erschöpfung, zu schwerer Arbeit und Tuberkulose. Ich bekam auch Anzeichen von Tuberkulose, begann zu husten, spuckte Blut. Ende 1944 war ich sehr geschwächt, mein Körper war geschwollen und voller Geschwüre. Ich konnte nicht arbeiten. Ein Soldat folgte mir, rief „fünf Stück“, ich aber trug drei Ziegelsteine und im gleichen Tempo. Er schlug mir mit einem Kolben auf den Kopf und den restlichen Körper. Mit Hilfe meiner Kameraden schaffte ich es bis zur Kaserne. Danach konnte ich nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich war verzweifelt. Aber die älteren Kameraden unterstützten mich moralisch. (Ich möchte anmerken, dass sich einige, die die unmenschlichen Bedingungen nicht ertrugen, erhängten oder sich die Pulsadern aufschnitten.)

Ein paar Tage lag ich in der Kaserne, dann wurde ich ins Lager gebracht, in ein so genanntes Lazarett, wo ich in die letzte Baracke, die Sterbebaracke, geworfen wurde. Beim Eingang ins Lager sah ich einen breiten Fuhrwagen mit einem schweren Pferd davor. Auf dem Wagen lagen Leichen, zwei Meter hoch aufgestapelt.

Das Lazarett war eine Baracke mit dreistöckigen Pritschen. Zwar sind die Winter in Bayern warm, aber in der Baracke war es kalt und feucht. Zum Heizen gab es am Tag einen Eimer Briketts. Zweimal während meines Aufenthalts wurden die Gefangenen bestraft und bekamen kein Essen. Beim ersten Mal, weil sie zwei Eimer Briketts verbraucht hatten (jemand hatte uns bei der Leitung verpfiffen), beim zweiten Mal, weil der Hund des Hauptmanns vor der Baracke Abfall geschnuppert hatte. In der Baracke starben rechts und links von mir die Menschen. Niemand beachtete mich. Mein junger Organismus ertrug die Kälte und den Hunger, weil ich nicht arbeiten musste. Im Februar 1945 brachte man mich im gleichen Arbeitstrupp und zur gleichen Arbeit zurück.

Zur selben Zeit eröffneten die alliierten Truppen von Amerika, England und Frankreich die zweite Front. Die amerikanischen Truppen bombardierten Nürnberg stark. Ich weiß noch, dass Anfang April eine Armada amerikanischer Flieger die Altstadt und das Zentrum mit schweren Bomben und Zündgranaten bombardierte. Man konnte den Himmel nicht mehr sehen. Die Sonne war nur noch wie ein gelber Fleck. Eine Bombe und viele Zündgranaten fielen auf die Fabrik, in der wir arbeiteten. Die Bombe traf neben unserem Graben genau einen Bunker, in dem in die Unfreiheit getriebene Mädchen waren. Wir zogen sie heraus, sie waren verletzt, halb verbrannt, verängstigt. Heute noch dröhnt es in meinen Ohren, wie sie mich bat: „Ich will trinken!“

Im April 1945 näherten sich die amerikanischen Truppen Nürnberg. Die Wachen führten unseren Arbeitstrupp aus der Stadt und sollten uns (wie ich später erfuhr) nach Buchenwald bringen. Wir gingen in der Nacht. Morgens bei Sonnenaufgang flog ein amerikanischer Tiefflieger über uns hinweg, dann kam er zurück und begann uns aus Maschinengewehren zu beschießen. Im Augenblick des Tumults rannte ich los Richtung Wald, der nicht mehr als 100 Meter von uns entfernt war. Ich hatte wenig Kraft zum Laufen, mein Herz schlug wie wild, an den Füßen hatte ich schwere Holzschuhe. Sechs Kameraden schlossen sich mir an. Wir versteckten uns im Wald. Nachts hörten wir Hundegebell und die Rufe der sich zurückziehenden deutschen Soldaten. Wir gingen im Feuerschein der Brände.

Am 17. April stießen wir auf amerikanische Truppen. Die amerikanischen Soldaten brachten uns in ein Lager, in dem versklavte Mädchen aus den Westrepubliken der UdSSR waren. Ihr Lager, das von Stacheldraht umgeben war, bewachten amerikanische Soldaten. Fast zwei Monate blieben wir in diesem Lager. Die gute Verpflegung, die frische Luft und der Kiefernwald taten meiner Gesundheit merklich gut. Ich musste weniger husten.

In diesem Lager feierte ich auch den Siegestag. Die Amerikaner feierten den Sieg schon am 8. Mai, im Radio lief laute Musik, die Soldaten schossen in die Luft, man hörte den Geistlichen sprechen, überall hingen Plakate „Drei Menschen – ein Sieg. Stalin, Roosevelt, Churchill“. Ich sah die freudigen Gesichter der Sklaven-Mädchen mit Tränen in den Augen. Wir warteten darauf, in die Heimat zurückkehren zu können. Ich war traurig, weil so viele Kameraden, mit denen ich so alles durchgestanden hatte, nicht mehr am Leben waren.

Im Juni 1945 übergaben die Amerikaner uns, die Kriegsgefangenen, im völlig zerstörten Dresden unseren Truppen. Wir wurden mit Musik empfangen, dann marschierten wir zu Fuß, ernährten uns von zufälligen Mahlzeiten, bis zum Filtrationslager in Bautzen (Polen), von dort brachte man uns zum Filtrationslager in der Nähe der Stadt Velikie Luki. Das Lager war von Stacheldraht umzäunt. Ich wurde einer Sonderprüfung der SMERSH-Kommission unterzogen. In der Gruppe der Kameraden, mit denen ich geflohen war, hielten wir zusammen und sagten als Zeugen über die Zeit der Gefangenschaft aus.

Endlich, am 25. Oktober 1945 (ich war schon 23 Jahre alt), wurde ich in den Stab gerufen und bekam ein versiegeltes Päckchen, auf dessen Vorderseite stand, dass Leutnant Michail Grigorjewitsch Subkow demobilisiert und an folgenden Ort verlegt wird: Baschkirische Autonome Sowjetrepublik, Pokrowsker Militärkommissariat.

Ich blickte noch einmal auf den Stacheldraht. Zum letzten Mal. In der Hosentasche hatte ich keinen Pfennig Geld, kein noch so kleines Stückchen Brot. Ich stieg in den ersten Zug, der nach Moskau fuhr. Vor dem Krieg wusste ich, wo dort mein Cousin lebte. Liebe Menschen zeigten mir das Haus, in dem er mit seiner Familie wohnte. Meine Verwandten waren überrascht, als ich auftauchte – sie hatten mich für tot gehalten. Ich zog die internationale Uniform aus, auf der vorne und hinten die Buchstaben SU standen und die Nummer 303 auf dem Mantel. Mein Cousin war im Armee-Bautrupp und konnte mir eine neue Leutnantuniform besorgen, und zu Neujahr 1946 war ich zu Hause. Es war ein bewegendes Wiedersehen. Die Nachbarn liefen herbei, weinten, jammerten laut – vielleicht kommen auch die Unsrigen zurück nach Hause. Wie viel Leid hat meine Familie in dieser wirren Zeit durchleben müssen. Im Haus war es leer, der Stall halb offen, kein Brennholz.

Mein Vater war am 13. Januar 1942 bei Moskau gefallen. Mein Bruder Jakov, geboren 1926, war in die Armee einberufen worden. Meine Mutter war mit den drei minderjährigen Mädchen alleingeblieben, alle waren halbverhungert. Der Krieg war zu Ende, nun hieß es ein neues Leben beginnen. Es war erfüllt von Freude und Trauer. Nachdem ich meine Krankheit auskuriert hatte, ging ich Anfang 1947 ins RONO (Regionalabteilung für Volksbildung) und trat mit Erlaubnis des Regionalen Parteikomitees eine Arbeit als Mathematiklehrer an. Ich hatte mein Studium nicht abgeschlossen, wusste, dass man ein abgeschlossenes Studium brauchte.

Im Land bildete sich das Stereotyp, dass Kriegsgefangene Vaterlandsverräter waren. Ich befand mich ständig unter misstrauischer Beobachtung. Ich wurde ins Polizeirevier gerufen, man verhörte mich, nahm meine Fingerabdrücke. Auf die Frage, ob die Deutschen Fingerabdrücke genommen hätten, antwortete ich mit Ja. Die offizielle Amnestie erfolgte 1955. Die moralische Situation beruhigte sich. 1961 schloss ich im Fernstudium das Pädagogische Institut ab und bekam das Diplom als Mathematiklehrer für die Mittelschule. Vierzig Jahre habe ich als Lehrer gearbeitet. Ich war Lehrer, stellvertretender Direktor und Direktor der Mittelschule, übernahm verschiedene gesellschaftliche Arbeiten, war viermal Abgeordneter des Dorfrates und war Mitglied der Vereinigung „Wissen“.

Nachdem ich 1982 in Rente gegangen war, war ich 20 Jahre lang Vorsitzender des Veteranenrats beim Dorfrat, Mitglied des Regionalrats der Veteranen, Vorsitzender der ersten Organisation der Allrussischen Vereinigung der Invaliden und bin seit 20 Jahren Mitglied im Veteranenchor. Für die Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg wurde ich mit dem Orden des Vaterländischen Krieges zweiten Ranges ausgezeichnet, mit der Medaille „Für den Sieg über Deutschland“ und mit anderen Auszeichnungen. Ich habe den Armeerang des Hauptmanns. Für meine Arbeit wurde ich mit vielen Urkunden, mit dem Abzeichen „Hervorragende Leistungen im Bereich der Volksaufklärung der RSFSR“ und mit der Medaille „Veteran der Arbeit“ ausgezeichnet.

In meinem Privatleben hatte ich das große Glück, eine kluge, geduldige, großherzige Frau zu haben. Sie hatte keine Angst, mich zu heiraten, als ich krank aus der Gefangenschaft zurückkam und sie nahm viele Schwierigkeiten im Leben auf sich. Eine ländliche, einfache, russische Frau. Nina Konstantinowna und ich haben 35 Jahre zusammen gelebt. Wir haben fünf Kinder großgezogen und ihnen eine Ausbildung ermöglicht. Heute haben sie ihre eigenen Familien, drei von ihnen sind selbst schon in Rente.

Ihre Berufe:

Ich habe elf Enkel und sechs Urenkel.

Meine Frau ist leider 1982 an Leberkrebs gestorben, sie war 55 Jahre alt, ich war damals 59 Jahre alt. Ihr Tod ist uns sehr nahegegangen. Ich glaubte damals, dass mein Leben keinen Sinn mehr hätte. Aber die Jahre und die Zeit heilen alle Wunden. Ein Jahr nach ihrem Tod übernahm ich auf den Rat meiner Freunde hin verschiedene gesellschaftliche Arbeiten. Die Arbeit für die Veteranen und Invaliden lenkte mich von meinen privaten Problemen ab.

Heute lebe ich in Blagoweschtchensk bei meiner Tochter. Ich bin fürsorglich umgeben von meinen Kindern und Enkeln, neben mir springen meine Urenkel umher. Am siebten Oktober bin ich 86 Jahre alt geworden. Am ersten Oktober bin ich mit dem Veteranenchor vor älteren Menschen aufgetreten. (…) Das Geld, das ich bekommen habe, habe ich für die Behandlung und für Medikamente ausgegeben. Ich danke Ihnen noch einmal für die von Ihnen erwiesene Hilfe.

Man sagt, ein Leben leben – das ist nicht wie über ein Feld zu gehen.

Ich habe versucht, in Kürze mein Leben zu beschreiben. Es war schwierig, widersprüchlich. Den Krieg zu überleben, dann die Gefangenschaft, dann, wie man in den ersten Nachkriegsjahren behandelt wurde, diesem Misstrauen einem gegenüber standzuhalten, Kräfte zu sammeln und sich wieder aktiv ins Leben zu stürzen – das schaffen nicht alle. Ich habe Leute gesehen, die das gleiche Schicksal wie ich hatten, und die sich selbst in die Ausweglosigkeit getrieben haben.

Ich liebe mein Volk und meine Heimat, der ich mein Leben lang gedient habe.

Und als Letztes: Wie die EINFACHEN russischen und deutschen Menschen miteinander umgegangen sind. Als ich in der Gefangenschaft war, habe ich gesehen, dass die deutschen Arbeiter uns Russen gegenüber keine Feindschaft empfanden. Eine ältere deutsche Frau brachte uns heimlich eine Tüte mit Essen. Meinen Freund, der im KZ zum Tod durch Erhängen verurteilt worden war, retteten deutsche Gefangene vor dem Tod. (…) Von ganzen Herzen wünsche ich Ihnen Gesundheit, Erfolg und Glück im Privatleben.

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