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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

143. Freitagsbrief (vom Dezember 2008, Übersetzung: Dr. Martin Creutzburg).

Russland / Republik Tatarstan
Kasan
Daud Galiullowitsch Waliullin.

Guten Tag, liebe Freunde!

Dies ist die Antwort auf Ihren Brief vom 21.10.2008. Sie baten, ausführlicher über alles zu schreiben.

Ich, Waliullin, Daud Galiullowitsch, wurde im Oktober 1940 in der Stadt Kasan in die Armee eingezogen. Ich diente im Gebiet Tschita in der Siedlung Chidabulak 300 km von der mongolischen Grenze entfernt im 57. Kavallerieregiment bis März 1941. Danach wurde das Regiment aufgelöst, die Pferde abgegeben und wir wurden zur Infanterie eingegliedert. Da ich in Kasan den Führerschein erworben hatte und ein halbes Jahr als Chauffeur gearbeitet hatte, schickte man mich zum Autobataillon. Da man bis 1940 zur Armee erst mit einem Alter ab 22 Jahren eingezogen worden war, waren im Autobataillon alle 3–4 Jahre älter als ich. Wir waren als 19jährige zu zweit: Ich und ein Deutscher mit Namen Gross (an den Vornamen kann ich mich nicht erinnern). Ab April transportierten wir Militärgut und Truppenteile zur Station Solowywek, von dort wurden Militärzüge irgendwohin geschickt.

12. Juni 1941 wurden wir auf Flachgüterwagen verladen. Der Zug war sehr lang, nur drei Wagen waren geschlossen: in einem war die Küche, im zweiten die Verpflegung, im dritten die Fahrer und der Kommandeur des Autobataillons, ein Oberleutnant. Am Tage waren alle Fenster und Türen geschlossen, nur Nachts gingen wir vor die Tür. Der Kommandeur behandelte uns Junge (mich und Gross) sehr gut, so dass die Dienstälteren uns sogar beneideten. Wir fuhren unweit von Alma-Ata, nachts bekam ich Zahnschmerzen und konnte nicht schlafen. Der Zugdiensthabende kam in unseren Waggon und erzählte dem Wagendiensthabenden, dass Hitler Krieg gegen die UdSSR begonnen habe. Der Wagendiensthabende wunderte sich sehr, sagte, das ist nicht wahr, wir haben doch einen Nichtangriffsvertrag mit Deutschland auf 10 Jahre, sagte, für solche Gespräche kann man im Gefängnis landen.

Am Morgen sprach man überall im Radio schon vom Krieg, es gab nun kein Geheimnis mehr zu wahren und die Türen der Waggons wurden geöffnet. Wir fuhren weiter und kamen zur Stadt Engels, Gebiet Saratow, wo in 5 km Entfernung das Dorf von Gross war. Mit Erlaubnis des Kommandeurs stieg er aus dem Zug aus und ging auf Suche, ob nicht jemand aus dem Dorf in der Nähe wäre. Er fand einen Landsmann, der ihm sagte, dass sein Vater hier sei, er sei zur Meierei gefahren, um die Milch abzuliefern, er möge am letzten Waggon warten. Er informierte den Vater von Gross und der rannte sofort zum Zug, schaffte es aber um 50 Meter nicht, den Sohn zu umarmen, weil der Zug losfuhr. Gross kam ganz verweint in unseren Waggon und erzählte, was passiert war. Unser Kommandeur war ein sehr guter Mensch, sagte zu ihm: "Warum bist du nicht zurückgeblieben, hättest uns im nächsten Militärzug eingeholt." Gross antwortete ihm, den Eid darf man nicht verletzen. Ungefähr zwei Wochen später wurde er nachts abgeholt und gesagt, dass er als Dolmetscher in den Divisionsstab geholt würde. Später, nach dem Krieg, hörte ich, dass man alle Deutschen nach Sibirien geschickt hat.

Am 28.Juni kamen wir an der Station Krasny Bor, Gebiet Smolensk, an. Dort stand schon ein Militärzug mit Munition. Wir luden die Munition auf unsere Autos und brachten sie nachts in den Wald und tarnten sie. Am Tage brachten wir sie an die Frontlinie, das geschah unter Beschuss und Bombenangriffen. Jeden Tag kehrten 3–4 Autos nicht mehr zurück. Den Rest der Munition brachten wir nachts 30–40 km weit nach Osten. Wir wurden immer von einem Leutnant oder Major begleitet. Die Munition ging zu Ende, als es bis zum Dnjepr noch 2–3 km weit war und es weiter schon keine Wege mehr gab. Der Kommandeur befahl uns, die Autos mit Benzin zu übergießen und anzuzünden und befahl uns, sich je zu zweit zu unseren Truppen durchzuschlagen, da wir eingekesselt waren. Das war Anfang August 1941. Dann kamen wir in Dörfer und tauschten unsere Militärmäntel gegen Ziviljacken und suchten, wie wir zu den Unsrigen gelangen könnten. Einige Male wurden wir von deutschen Soldaten angehalten, wir erklärten, dass wir Zivilisten seien und ins nächste Nachbardorf gingen und man ließ uns laufen, manchmal wurden wir gezwungen, Straßen zu reparieren. Irgendwann wurden wir festgenommen und dort saßen auf den Autos schon Gefangene, wir wurden dazu gesetzt und ins Lager gebracht. Das Lager war auf freiem Feld mit Stacheldraht umzäunt. Dort waren schon sehr viele Gefangene und wir 40–50 wurden auch dorthin gejagt. Man ließ uns antreten und begann sofort, Juden auszusortieren. Man fand zwei Juden, verhöhnte sie und führte sie irgendwo hin. Uns, die wir Kunstlederstiefel hatten, wurden die Stiefel ausgezogen, auch mir, so dass ich ohne Schuhe blieb. In diesem Lager gab man uns drei Tage lang weder etwas zu essen noch Wasser. Danach schaffte man uns nach Orscha [Dulag 127] (zu Fuß oder auf Autos, das weiß ich schon nicht mehr). Dort waren wir etwa 10 Tage, dann brachte man uns in ein Lager bei Boriskowo [Stalag VI H Borissow? Belarus], nach 10 Tagen wurden wir im Zug nach Alytus [Stalag 343 Litauen] gebracht, das war sicher schon im September. Im Lager in Alytus starben viele Gefangene vor Krankheiten, Kälte, und Auszehrung, bis zu 250 Mann pro Tag. Von ihnen wurden die Mäntel und Schuhe genommen und den Lebenden gegeben, so bekam auch ich Schuhe. Ungefähr im Oktober begann man, den örtlichen Bauern Gefangene als Knechte zu geben. Im Lager gab es 28 000 Gefangene, aber es wurden nur je 80 genommen. Das Lager war in Blöcke zu je 3–4000 Mann unterteilt und jeder Block hatte sein Eingangstor. Wer kräftiger war, bemühte sich nach vorn zu kommen, um so unter die zu gelangen, die genommen würden. Welche Tore geöffnet würden, wusste niemand. Man wartete bei den anderen Blöcken, alles war voller Menschen, es begann ein Durcheinander und sie wurden auseinander gejagt. Unser Block war noch nicht vorbereitet, ich stand einfach zufällig in der Nähe unseres Tores, das plötzlich geöffnet wurde und ich kam als einer der ersten heraus. Die Deutschen zählten 80 Mann ab und schlossen das Tor wieder. Unweit des Lagers, am Waldrand warteten die Bauern, die uns aussuchten. Mich nahm ein Bauer aus dem Weiler Michailowka 18 km von Alytus, er hieß Anton. Er konnte kein Wort Russisch. Er hatte 52 ha Land, die Hälfte Ackerland, die andere Hälfte Wiesen, 3 Pferde, 8 Kühe, 12 Schweine. Der Besitzer war 73 Jahre alt, ehemaliger russischer Offizier, Anton – sein Sohn und der zweite Sohn Peter, beide verheiratet. Der Besitzer (den Namen habe ich vergessen) wusch mich, gab mir seine alte Kleidung, entlauste mich. Man ging mit mehr sehr gut um, nahm mich wie ein Familienmitglied auf. Sie waren 11 Personen mit den Kindern, ich war der zwölfte. Ich hütete das Vieh. Dort lebte ich etwa zwei Monate. Unweit entfernt lebten örtliche Tataren, dort gab es auch eine Moschee. Man wollte mich zu Weihnachten dorthin führen, mir neue Kleidung nähen. Aber sie schafften es nicht. Die Deutschen befahlen, alle Gefangenen zurück zu bringen. Der älteste Sohn, Anton, brachte mich ins Lager zurück. Unterwegs zeigte er mir den Weg, und sagte, wenn du flüchten kannst, komm unbedingt zurück. Zeigte, wo man sich verstecken kann. Nach dem Krieg, 1966, bin ich mit meiner Frau und der jüngeren Tochter nach Alytus gefahren, und waren dort, wo das Lager war. Dort gab es 2 Denkmale, eins für Russen, von denen 40 000 umkamen, das zweite für Juden, von denen 60 000 umkamen. Wir suchten die Besitzer, bei denen ich gelebt hatte, aber man sagte uns, dass man sie nach dem Krieg nach Sibirien verbannt hat.

Als man uns ins Lager zurück brachte, hatten mir die Besitzer Speck und Brot mitgegeben. Ich habe mich damit noch etwa 15 Tage lang verpflegt. Danach gab es wieder Wassersuppe aus ungeschälten, gefrorenen Kartoffeln, ich zehrte bis auf die Knochen ab, erkrankte an Typhus. Man brachte mich ins Lazarett. Man kurierte mich mit Kaliumpermanganat und irgendwelchen Tabletten. Mich pflegte ein getaufter Tatare, ein sehr guter Bursche. Ich überlebte, er aber starb.

Danach schaffte man uns nach Kohtla-Järve [Estland]. Dort arbeiteten wir im Schacht, da wir jedoch sehr schwach waren, arbeiteten wir über Tage. Die örtliche Bevölkerung, die Esten, war sehr feindselig zu den Gefangenen. Aus dem Schacht flohen durch die Belüftungsanlage jeden Tag 2–3 Mann. Nach 2–3 Tagen fingen die Esten sie, schlugen sie tot und brachten die Leichen ins Lager zurück. Einmal sind gleich 18 Mann geflohen. Im Verlaufe einer Woche kamen alle als Leichen zurück. Danach haben die Deutschen gesucht, aus welchen Öffnungen die Gefangenen geflohen waren und schlossen diese Ventilationsöffnungen mit Stacheldraht. In diesem Lager war ich bis zum Winter 1943. Dann brachte man uns nach Vilnius ins Gefängnis. Dort blieben wir 2 oder 3 Monate. Danach wurden wir nach Lwow geschickt. Kleidung und Schuhwerk war verschlissen, an den Füßen hatten wir Holzpantinen. In Lwow wurden wir neu eingekleidet in hellblaue oder hellgelbe Kleidung (das waren Uniformen der ungarischen oder rumänischen Soldaten), damit wir nicht fliehen können, denn man konnte uns aus der Entfernung gut sehen. Dort haben wir ein ganzes Jahr lang Waggons mit Kohle auf Autos oder der örtlichen Bevölkerung auf Leiterwagen entladen. Aus Lwow wurden wir durch ganz Europa nach Frankreich verfrachtet. Was in Frankreich war, habe ich im vorhergehenden Brief geschrieben.

In die Heimat, in mein Dorf kehrte ich Anfang Juni 1946 zurück. Dort habe ich mich erholt, dann den Eltern bei der Ernte und bei der Brennholzbeschaffung geholfen. Nach 2 Monaten bin ich nach Kasan gefahren, fand dort Arbeit, im März wurde ich krank und kehrte aufs Dorf zurück. Schloss eine Buchhalterlehre ab und habe das ganze Leben in diesem Beruf gearbeitet. Nach dem Krieg, Ende 1948, Anfang 1949, verbot man mir, in einer solchen Stellung zu arbeiten, weil ich in Gefangenschaft gewesen war. Deshalb mussten wir mit drei kleinen Kindern nach Kirgisien in ein kleines Dorf im Gebiet Osch fahren. Dort wurde dringend ein Buchhalter gebraucht, aber ich habe das Klima dort nicht vertragen und 1954 sind wir nach Tatarien zurückgekehrt. Nach dem Tode Stalins hat man uns ehemalige Gefangene in Ruhe gelassen. Viele, die im Gefängnis gesessen hatten, wurden rehabilitiert.

Sehr geehrte Freunde!

Diesen Brief, schreibe ich Ihnen, die älteste Tochter Daud Galiullowitschs. Er hatte einen Schlaganfall und kann sehr schlecht und unleserlich schreiben. Er erzählt und ich übersetze seine Worte aus dem Tatarischen ins Russische und bringe es zu Papier. Es gelingt vielleicht nicht immer im Zusammenhang und manchmal mit Fehlern. Aber verzeihen Sie uns. Danke, dass Sie sich für die Geschichte unseres Vaters interessieren, im Interesse der Zukunft.

Hochachtungsvoll Raichana Daudowna und Daud Galliullowitsch

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