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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

142. Freitagsbrief (vom 24. Februar 2009, Übersetzung: Dr. Martin Creutzburg).

Fedor Iwanowitsch Tschernjak
Belarus.

Guten Tag, sehr geehrte Mitglieder und Mitarbeiter von Kontakty. Ihren Brief habe ich erhalten, wofür ich mich bedanke. Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Optimismus und Glauben an die Zukunft.

Aus Ihrem Brief konnte ich für mich viele Informationen schöpfen, die nicht nur unsere heutigen Beziehungen zwischen den Menschen und Ländern betreffen, sondern auch globale Probleme, wie den Klimawandel usw. Leider hängt heute von uns Alten sehr wenig ab, und irgendwelche Probleme können wir nur auf lokaler Ebene beeinflussen und das auch nicht immer. Obwohl, andererseits, „wenn jeder Mensch auf seinem Stück Erde alles tun würde, was er kann, wie wunderschön wäre doch unsere Erde.“ (Zitat von A. P. Tschechow).

Mir scheint, jeder Mensch auf der Welt wird geboren, um Gutes zu tun, seinem Nächsten zu helfen und in Harmonie mit der Natur zu leben. Jedoch, in dem Maße wie der Mensch älter wird und mit den Lebensbedingungen konfrontiert wird, verliert er oft seine Vorherbestimmung. Daher die Habsucht, Profitsucht um jeden Preis, das Verbrechertum und die Ungerechtigkeit. Damit wird man in der heutigen Zeit leider überall konfrontiert. Und trotzdem denke ich, wird alles gut, weil es mehr Gutes und Gerechtigkeit in der Welt gibt. Alles hängt nur von uns ab, von jedem einzelnen Menschen. Und es ist nicht wichtig, wer du bist, Präsident oder einfacher Arbeiter. Wichtig ist, Mensch zu sein und eine aktive Einstellung zum Leben zu haben. Außerdem muss man viel arbeiten, denn nur die Arbeit macht den Menschen besser und bringt ihm materiellen Wohlstand.

Ich musste in meinem Leben sehr viel arbeiten, besonders nach dem Krieg.

Man musste Tag und Nacht arbeiten im unmittelbaren Sinn des Wortes. Am Tage arbeitete ich in der Landwirtschaft, nachts musste das Vieh gehütet werden oder mit den Ochsen in den Wald gefahren werden, um Holz einzuschlagen und zu holen. Im Sommer gab es sehr viel Arbeit auf dem Feld. Die Heuwiesen waren weit entfernt in den Sümpfen, 10 bis 15 km vom Haus. Mähen, Harken, Stapeln – alles Handarbeit. Es wurde nicht einfach gearbeitet, sondern hohe Normvorgaben erfüllt. An einem Tag hatte man pro Kopf 2 bis 3 Heumieten mit einem Gewicht von einigen Tonnen zu stapeln.

Für unsere Arbeit bekamen wir „Arbeitstage“ angerechnet. Sie wissen wahrscheinlich, was das ist. Das war die Bezahlung der Arbeit mit Naturalien. Wir bekamen 200–300 gr. Getreide, in Abhängigkeit von der Ernte, pro Arbeitstag, sowie ein wenig Geld, 10–20 Kopeken pro Arbeitstag. Die Auszahlung erfolgte nur ein Mal jährlich am Jahresende. Tagediebe, wie heute, gab es nicht. Wenn jemand nicht gearbeitet hätte, würde er nicht überlebt haben oder man hätte ihn zur Zwangsarbeit geschickt. Jeder Hof war außerdem verpflichtet, dem Staat eine bestimmte Menge Butter, Milch, Eier und Fleisch zu liefern. Die Felle der Tiere mussten auch abgeliefert werden. So schwer haben wir in der Nachkriegszeit gelebt. Wir konnten nicht ausschlafen, nicht satt essen und haben rund um die Uhr gearbeitet. Haben das Dorf wieder aufgebaut, das während des Krieges völlig niedergebrannt worden war. Heute ist alles anders, man könnte auch besser leben, aber die Gesundheit ist nicht mehr da. Zum Arbeiten ist keiner mehr da. Das Dorf ist aus anderem Grund verödet: Alle jungen Leute sind in die Stadt gefahren.

Ungeachtet meines Alters arbeite ich weiterhin. Versorge meine Wirtschaft: melke die Kuh, pflege das Kalb, die Hühner. Im Maße meiner Kräfte helfe ich im Gemüsegarten, helfe meinem Sohn Blumen zu züchten und pflege mein Grundstück.

Ich lade Sie ein, mich zu besuchen, kommen Sie bitte, ich würde mich sehr freuen.

Mit den besten Wünschen Fedor Iwanowitsch!

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Nachtrag: Am 15. April 2009 besuchte eine Berliner KOHTAKTbI-Gruppe Herrn Tschernjak in seinem Dorf, das während des Krieges von der Wehrmacht niedergebrannt worden war, 200 Einwohner waren damals ermordet worden. Wir wurden mit Brot und Salz begrüßt, das Dorf feierte mit uns ein Fest, die Frauen sangen für uns ihre Lieder. Der Grund für die Herzlichkeit lag in der Anerkennung, die wir zuvor einem der ihren erwiesen, der am ärgsten unter den Deutschen gelitten hatte. Eberhard Radczuweit.

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