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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

141. Freitagsbrief (Übersetzung Dr. Martin Creutzburg).

Surguladse David Domentiewitsch
Georgien
Gebiet Orsugetsk.

In Beantwortung Ihres Schreibens teile ich Ihnen folgendes mit: Ich, Surguladse David Domentiewitsch, lebe in Georgien, Osurgetsker Rayon. Ich bin 87 Jahre alt, bin Invalide der I. Kategorie, bin blind, erhalte eine Rente von 124 Larri.

1942 wurde ich in den Großen Vaterländischen Krieg eingezogen. Den Dienst absolvierte ich in Moskau, im Regiment MWD-179. [Ministerium des Inneren d.Ü.] Wir bewachten die Staatsbank, später patrouillierte ich auf dem Roten Platz. In dem Maße, wie die deutschen Truppen angriffen, waren die sowjetischen Truppen gezwungen sich zurückzuziehen. Deshalb wurde unser Regiment an die Front geschickt zunächst nach Krasnodar, danach bei Rostow. Unsere Einheit erlitt unter dem Druck des Gegners große Verluste und ist letztlich auseinander gefallen. Auf dem Territorium der Ukraine, beim Dorf Martinowka geriet ich in deutsche Gefangenschaft. Wir wurden in das Lager in Kriwoj Rog [Stalag 338] gebracht. Die Bewachung des Lagers erfolgte hauptsächlich durch deutsche Polizisten, aber es gab auch Russen, die auf die Seite des Gegners übergelaufen waren. Die deutschen Polizisten gingen mit den Gefangenen besser um als die Russen. Im Lager herrschten unerträgliche, schwere Bedingungen. Vor Hunger, Durst und Kälte kamen viele Menschen um. Unter Hunger leidend, habe ich einmal Hundefutter gestohlen, wofür ich mit 25 Peitschenhieben bestraft wurde. Man brachte mich in einen gesonderten Raum, wo die Gefangenen bestraft wurden. Dort waren auch andere „Übeltäter“. Das Urteil wurde durch einen russischen Polizisten vollstreckt. Nach dem 15. Peitschenhieb hielt ich die Schmerzen nicht mehr aus und schrie laut auf georgisch: „Oi Mama!“. Der Polizist, dem meine Herkunft unklar war, fragte mich: „Wer war Rustaveli?“, worauf ich antwortete: Der Autor des „Recken im Tigerfell“. Daraufhin wurde meine Bestrafung eingestellt. Man muss sagen, dass man die georgischen Gefangenen besser behandelte als andere Nationalitäten. Im Lager habe ich einmal um Nachschlag gebeten, wofür man mir mit der Kelle auf den Kopf schlug, es entstand eine große Wunde, die lange schmerzte. Bald brachte man uns in ein neues Lager in der Ukraine bei Wosnessensk. Man trieb uns in eine Schweinezucht, wo Dreck und unhygienische Bedingungen herrschten. Wir waren so viele, dass man sich weder setzen noch auf die Erde legen konnte, so waren wir gezwungen zu stehen. Jeden Tag starben vor Auszehrung viele Menschen und bald gab es in den Baracken mehr Platz. Zu uns kamen betrunkene russische Polizisten und verhöhnten uns. Die Bedingungen waren unerträglich. Einmal als die Gefangenen zur Arbeit geführt wurden sahen wir am Wegesrand eine kleine Pfütze. Wir bewegten uns mit einem Kameraden unwillkürlich auf die Pfütze zu und wollten Wasser trinken, da wir uns vor Durst kaum auf den Beinen halten konnten. Da knallte ein Schuss und mein Kamerad fiel tot um, ich wurde bestialisch verprügelt und weiter gejagt. Es gab noch einen Fall, als wir vor Hunger Gras stahlen und es heimlich, damit es niemand sieht, aßen.

Wir arbeiteten beim Bau und der Reparatur von Straßen. Wir bekamen einen Planwagen zugeteilt für den Transport von Leichen. In unserer Gruppe waren nur noch 20–25 Mann übrig geblieben. Ich erinnere mich an einen Fall, als wir für 2 Kilogramm Brot eine ganze Ladung Toter abgeladen und in eine vorher ausgehobene Grube eingegraben haben. Im Lager wurden auf den Ärmel spezielle Erkennungszeichen aufgenäht. Dann hat man mich in den Pferdestall versetzt, wo ich die Pferde versorgen musste, später in eine Bäckerei. Ich habe auch andere physisch schwere Arbeiten erledigen müssen. Das Kriegsende erlebte ich in der Tschechoslowakei. Da meine Dienstdauer noch nicht vorbei war, wurde ich im Eilverfahren zum Dienst in die Rote Armee einberufen. Den Dienst habe ich hauptsächlich in Bulgarien abgeleistet.

1947 kehrte ich nach Georgien zurück, in mein heimatliches Dorf, wo ich bis heute lebe. Ich habe ein Landwirtschaftstechnikum absolviert, in der Fachrichtung Imkerei. Ich habe lange als Imker in der heimatlichen Kolchose gearbeitet.

Vor dem Kriege lebten wir wohlhabend, im Kriege wurde es schwieriger, sowohl wirtschaftlich als auch moralisch. Nach dem Kriege verbesserte sich die Lage relativ rasch. Jetzt leben wir in einem unabhängigen souveränen Land. Aber im Ergebnis der russischen Aggression hat mein Land Territorien verloren.

Vom deutschen Volk und dem deutschen Staat hat unsere Familie gute Vorstellungen. Die Familie hat sogar verwandtschaftliche Bande mit Deutschland. Die Enkelin meines Bruders ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt in Bonn. Ich bin verheiratet, habe zwei Söhne, 4 Enkel und einen Urenkel. Meine Enkelin studiert. Meine Rente reicht kaum, ihr Studium zu bezahlen. In unserer Familie arbeitet nur mein Sohn. Wir können uns leider keinen Computer leisten, um mit Ihnen enger zu kommunizieren.

Wir sind Ihnen sehr erkenntlich und dankbar für die überwiesene Summe Geldes. Ich bitte um Verzeihung, dass ich wegen meines fortgeschrittenen Alters und Gedächtnisses nicht so umfangreich und tiefgründig auf Ihre Fragen antworten konnte.

Hochachtungsvoll

Surguladse.

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