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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

140. Freitagsbrief (vom 9. März 2009, Übersetzung: Dr. Martin Creutzburg).

Georgien
Dorf Schaumjan
Karapet Sumbatowitsch Arutjunjan
per Email aus Eriwan / Armenien von Arthur Matinjan.

Guten Tag sehr geehrte Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit und Dmitrij Stratievski.

Verzeihen Sie, dass ich Ihnen nicht früher geschrieben habe, aber das war nicht möglich. Ich kann nicht mehr selbst schreiben, dabei hilft mir mein Enkel Arthur Matinjan. Ich bin Ihnen sehr dankbar für die zugeschickte Summe, 300 Euro, die mir in meiner schwierigen finanziellen Lage half, einige persönliche Probleme zu lösen. Dieses Geld ist für mich nicht nur eine finanzielle Hilfe, sondern auch eine seelisch-moralische, wofür ich Ihnen meine höchste Anerkennung und Dankbarkeit ausdrücken möchte.

Der zweite Weltkrieg hat nicht nur tiefe Spuren in der Geschichte, sondern auch in den Menschen verschiedener Länder hinterlassen, die in diesen Jahren lebten und kämpften. Ich bin sehr froh, dass es solche Menschen gibt, (…) die nicht nur materiell den Veteranen helfen, sondern uns auch das Gefühl geben, dass sie noch gebraucht werden. Und das Allerwichtigste: Sie beziehen dabei die Jugend mit ein. Die zukünftigen Generationen sollen die Schrecken des Krieges kennen und sich daran erinnern, nur so können sie unter einem friedlichen Himmel leben.

Auf Ihre Bitte einige Worte zu mir.

Ich, Karapet Sumbatowitsch Arutjunjan, wurde am 2. März 1912 in der Siedlung Schaumjan des Bezirkes Marneulskij der Republik Georgien geboren. Die Eltern waren werktätige Menschen, wie alle in dieser Zeit, sie arbeiteten in der Kolchose, im Weinbau. Mein Vater war ein guter Winzer und unterrichtete mich in seinem Beruf. Ich erhielt eine mittlere Bildung in der örtlichen Schule, arbeitete nach Beendigung der Schule im Kolchos bis zum Beginn des II. Weltkriegs. 1941 wurde ich in die Streitkräfte der Georgischen SSR einberufen, von wo ich nach Noworossisk-Kertsch geschickt wurde. Man gab mir eine Waffe in die Hand, die ich noch nie im Leben in den Händen hielt und niemals aus ihr geschossen habe, setzte mich in einen Militärzug, der mich in die Stadt Kertsch brachte. In Kertsch nahm ich an den schweren und grausamen Kämpfen bis zum Mai 1942 teil. Dort wurde ich während der Kämpfe im rechten Bein verwundet und von den deutschen Truppen gefangen genommen. Die Verwundung war schwer und ich verlor viel Blut. Wegen des Blutverlustes und des Hungers verlor ich oft das Bewusstsein. In solchem schrecklichen Zustand und zerrissener Kleidung wurde ich zusammen mit anderen Kriegsgefangenen nach Deutschland geschickt.

Zunächst zwang man uns im Wald zu arbeiten. Tag und Nacht fällten wir Bäume. Schliefen unter offenem Himmel. Vor meinen Augen starben viele Menschen, solche Kriegsgefangene wie ich. Sie starben an den nicht verheilten Wunden, vor Hunger, die schwer Kranken wurden von unseren Bewachern direkt vor Ort erschlagen. Mein verwundetes Bein heilte lange nicht, aber ich bemühte mich den Schmerz zu ertragen und wie die anderen, nicht verwundeten Gefangenen, zu arbeiten, weil ich mich fürchtete krank und hilflos zu erscheinen, damit man mich nicht erschießt. Nach einiger Zeit wurde ich zur Arbeit im Schacht versetzt, wo es sehr viel schwerer war als im Wald. Die Schächte stürzten oft ein und so kamen viele Menschen auf einmal um. Wegen der schrecklichen Bedingungen verschlechterte sich meine Gesundheit von Tag zu Tag. Von medizinischer Hilfe für uns konnte keine Rede sein. Ich wundere mich bis heute, wie ich dort überleben konnte.

Einer der deutschen Offiziere, ein Vorgesetzter im Schacht, der unweit vom Schacht lebte, nahm mich von Zeit zu Zeit mit sich nach Hause als Diener. Er wählte mich deshalb aus, weil ich kein Russe war. Ich pflegte seinen kleinen Garten und half bei schwerer Hausarbeit. Ich arbeitete gewissenhaft und wurde dafür gut ernährt, ich durfte sogar bei ihnen einige Male mit Seife baden. Die Bedingungen im Schacht waren so entsetzlich, dass ich jedes Mal voller Ungeduld wartete, bis man mich zu diesem Offizier nach Hause holte, dort konnte ich wenigstens normal essen. Ich bin seiner Frau und den Kindern für die gute Behandlung dankbar, wenn sie nicht gewesen wären, wäre ich längst im Schacht gestorben. So hielt ich mich bis 1945.

Aus der Gefangenschaft wurden wir von Truppen der USA befreit, und ich wurde zusammen mit anderen Gefangenen in die Heimat gebracht.

In der Sowjetunion galt ein Soldat, der in Gefangenschaft geriet, als „Volksfeind“ und wurde in entfernte Gegenden des Landes verbannt, wo sie schwere Arbeiten verrichten mussten. Ich war keine Ausnahme, ich wurde zum Volksfeind erklärt und in das Dorf Vale im Achalzicher Bezirk Sowjetgeorgiens verbannt, wo ich wie viele andere, die in der Gefangenschaft des Feindes waren, im Schacht arbeitete. Wir „Volksfeinde“ hatten keinerlei Rechte. Man behandelte uns mit Verachtung. Das wirkte alles sehr stark auf die ohnehin durch die Schrecknisse des Krieges und der Gefangenschaft verletzte Seele. Ich dachte oft über Selbstmord nach.

Endlich 1948 gestattete man mir in mein Heimatdorf Schaumjan zurückzukehren. Aber auch in meinem Heimatdorf wurde ich von den Dorfbewohnern, die mich seit meiner Kindheit kannten, genau so schlecht behandelt. Ich konnte keine Arbeit finden, konnte nicht heiraten und eine Familie gründen, konnte mich nicht als vollwertiger Mensch fühlen. Auf Arbeitsuche musste ich nach Armenien fahren, in die Stadt Alaverdi, wo ich heiratete und zusammen mit meiner Frau wieder in mein Heimatdorf Schaumjan zurückkehrte.

Mit den Jahren wurde das Verhältnis der Dorfbewohner zu mir besser. Ich arbeitete in den Gärten, beschnitt die Bäume, wurde der beste Winzer im Dorf, wie mein Vater. Viele kamen um Rat bei der Winzerei zu mir, und beim Beschneiden der Reben.Wir konnten zusammen mit meiner Frau vier Kinder großziehen und ihnen Bildung geben. Nach der Schule schickte ich die Kinder zum Studium nach Armenien, wo sie nach Abschluss des Studiums zu arbeiten begannen, ihre eigenen Familien gründeten und dort blieben. Am 7. November 1988 wurde meine jüngste Tochter unschuldiges Opfer des schrecklichen Erdbebens in der Stadt Leninakan, sie hinterließ ihre drei kleinen Kinder als Waisen. Meine Frau konnte einen solchen schweren Verlust nicht verkraften und erkrankte schwer. Im Winter 1990 ereilte mich der nächste Schicksalsschlag, ich verlor meine Frau, die erst 59 Jahre alt war.

Jedes Jahr nimmt mich mein Enkel Arthur, Sohn der ältesten Tochter, im Oktober zu sich nach Hause nach Eriwan, wo ich bis April bleibe. Ich sehne mich sehr nach meinem Haus und Garten und warte jedes Mal voller Ungeduld auf den Frühling, damit ich in das Dorf Schaumjan zurückkehren kann. Die Tochter und der Enkel überreden mich bei ihnen wohnen zu bleiben, doch ich kann nicht ohne mein Haus und meinen Garten leben.

Ich sehe sehr schlecht, aber ich orientiere mich zu Hause gut, weil ich das Haus selbst gebaut habe und jeden Winkel kenne.

Hochachtungsvoll und mit Dankbarkeit Karapet Sumbatowitsch Arutjunjan.

P.S. Sehr geehrte Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit und Dmitrij Stratievski, ich Arthur Matinjan, Enkel von Karapet Arutjunjan schrieb Ihnen diesen Brief nach den Worten meines Großvaters. Er ist schon 97 Jahre alt, sieht und hört schlecht, mit Schwierigkeiten erinnert er sich an einige Ereignisse. Das ist alles, was ich Ihnen nach seinen Worten schreiben konnte. Wenn mein Großvater sich noch an irgendetwas aus seinem Leben in der Gefangenschaft erinnert, werde ich Ihnen unbedingt schreiben.

Hochachtungsvoll Arthur Matinjan.

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