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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

139. Freitagsbrief (vom 27. November 2008, Übersetzung: Xenija Hahn).

Ukraine
Gebiet Saporoshje
Borowik Pawel Antonowitsch.

Guten Tag weit entfernte unbekannte Herren,

vielen Dank für die Gratulationen zu meinem Geburtstag. Ich habe schon lange vorher 300 Euro von Ihnen erhalten. Dafür bedanke ich mich, aber ich brauche kein Geld mehr und ich brauche auch nicht, dass mir die Menschen ihre Kopeken spenden. Sie haben mich damals gefragt, ob ich über mich schreiben könnte und ich schickte Ihnen 4 meiner Bilder. Ich weiß nicht, ob Sie diese erhalten haben. Entschuldigen Sie bitte mein Gekritzel, aber ich bin auf dem rechten Auge blind und sehe nur schlecht durch eine Lupe mit 12-facher Vergrößerung ganz dicht vor meiner Nase. Ein Jahr lang war ich völlig blind, danach hatte ich eine Operation und konnte schon wieder ein bisschen sehen. Das linke Auge wollten die Ärzte entfernen, aber ich habe es nicht erlaubt. Damals setzte man keine Linsen ein, aber jetzt schon, und die Menschen können wieder gut nach der Operation sehen.

1942 geriet ich in Gefangenschaft auf der Krim. Die deutsche Armee griff am 07.05. an, und ich geriet in Gefangenschaft am 17.Mai. Es war abends und auf dem Weg standen zwei Panzer. Man schickte uns drei zu den Panzern, um zu erfahren, ob es unsere Panzer seien. Wir sahen, dass es die Deutschen waren. Man fing an, uns aus Maschinengewehr zu beschießen und wir warfen uns auf den Boden. Die deutschen Soldaten standen da und deuteten uns mit den Händen, dass wir aufstehen sollten. Zwei von uns standen auf und einer stand nicht auf – man tötete ihn. So wurde ich zum Gefangenen.

Danach kam ich nach Deutschland in mehrere Lager. Zwei Soldaten führten uns in einen Wald zum Arbeiten (7 km entfernt von der Stadt Brakel). Drei Soldaten bewachten uns. Ich konnte nicht einmal die Axt heben, man fing aber an, uns besser zu ernähren. Ein Soldat blieb in der Baracke zusammen mit dem gefangenen Koch. Im Wald gab es einen Vorarbeiter, einen alten Mann ca. 70 Jahre alt. Der Mann rauchte Tabakpfeife oder eine dicke Zigarette. Lachend sagte er: „Paul, solltest du wegrennen, erschieße ich dich.“ Später baute man eine Telefonleitung, legte Schützenlöcher an und begann Drähte über dem Weg zu spannen. Als wir dort diese Leitung bauten, floh einer von uns, und man fing ihn irgendwo nach drei Tagen. Vor unseren Augen wurde er wie ein Hund erschossen. 15 deutsche Soldaten bewachten uns und sie sagten, wir sollten nicht auseinander laufen, sonst würde man uns erschießen und die Deutschen zur vordersten Front schicken. Die Amerikaner warteten irgendwo an der Grenze zu Italien darauf, dass ihre Zeit noch kam. Dort gab es viele deutsche Soldaten. Die Amerikaner gaben den deutschen Generälen den Befehl, die Waffen an einer Sammelstelle niederzulegen. Dieser Haufen wurde sehr groß. Alle wurden zu einem Flugplatz in der Nähe von München gebracht. Dort tauschten wir unsere Rollen mit den Deutschen: Die Deutschen wurden zu Gefangenen und wir blieben zusammen mit den Amerikanern zum Bewachen.

Nach der Gefangenschaft wurde überprüft, wo man in Gefangenschaft war und man schickte uns wieder in die Armee. Ein Jahr lang diente ich in der Armee. Danach wurde ich demobilisiert. Ich habe mein ganzes Leben lang als Elektriker gearbeitet. Während meines gesamten Lebens wurde ich schikaniert, weil ich in Gefangenschaft war.

In unsrer Stadt gab es 60 000 Einwohner vor dem Krieg. Währen der zweijährigen Okkupation erschossen die deutschen Okkupanten 600 Zivilisten. Sie verdächtigten diese, Kommunisten oder Partisanen zu sein. Einem achtjährigen Mädchen schnitt man ein Sternchen in die Stirn und sie starb vor Schmerzen und Blutverlust. Beim Rückzug fingen die Deutschen an, die Häuser mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Die Stadt war zu 20 % zerstört. Deutschland war auch zerstört. In unserer Stadt gibt es jetzt 130 000 Einwohner. Die Kommunisten haben viel gebaut und gaben Wohnungen unentgeltlich. Lebe und arbeite, und wenn Dir etwas nicht gefällt, nimm deine Abrechnung und wechsle den Arbeitsplatz. Jetzt gibt es Arbeitslosigkeit. Früher ,wenn man ein Institut oder eine Lehre beendet hat, schickte man die jungen Menschen in einen Betrieb. Man gab den Menschen vor allem eine Wohnung. Ich habe eine Enkelin, sie hat das Institut (Informatik) abgeschlossen, aber es gibt keine Arbeit für sie und nicht nur ihr geht es so. Drei Häuser mit jeweils 400 Wohnungen haben die Kommunisten nicht zu Ende gebaut. Diese stehen in diesem Zustand jetzt schon seit 18 Jahren, und der Zustand verschlechtert sich weiter. Für die Kapitalisten ist das nicht von Vorteil, diese Häuser in Ordnung zu bringen. In der Stadt gab es sechs Fabriken mit jeweils 5000–6000 Arbeitern. Und jetzt arbeiten nur noch 100–200 Menschen. Niemand braucht diese Produktion. Zwei Fabriken sind schon vollkommen verschwunden. Man sprengte sie mit Dynamit. Danach verarbeitete man das Ganze zu Metallschrott oder verscherbelte es für nichts ins Ausland. Zurzeit herrscht bei uns Ruin, so wie im Krieg. Bei den Kommunisten war es anders. 1 kg Brot kostete 22 Kopeken, jetzt kosten 700 Gramm 3 Rubel bzw. Hriwna. Die teure Wurst kostete 3 Rubel, jetzt kostet sie 50 Hriwna. 1 kg Rindfleisch kostete 1 Rubel 80 Kopeken, jetzt kostet Rindfleisch 40 Rubel. 10 Eier kosteten 80 Kopeken und jetzt 8 Rubel. Butter kostete 2 Rubel 8 Kopeken und jetzt 4 Rubel. 1 l Milch kostete 24 Kopeken und jetzt 3 Rubel. Ich wohne in einer 3-Zimmer-Wohnung (56 m²). Für die Nebenkosten bezahlte ich früher 15 Rubel, jetzt bezahle ich dafür 600 Rubel. Wann war es denn besser und wann schlechter? Früher, bei den blöden Kommunisten, gab es in den Kolchosen 2000–3000 Kühe. Ich trank früher Milch statt Wasser. Diese Milch schmeckte sehr gut.

(…)

Bei uns sagt man, Deutschland sei ein reiches Land. Als ich gefangen war, arbeitete ich im Wald. Unser Chef war der alte Mann und man führte uns fünf jeden Mittwoch in ein Dorf, um Kartoffeln zu pflanzen. Er spannte an seinen Pflug ein Pferd und eine Kuh. So ein Millionär war der Alte. Er hatte sogar ein Pferd und eine Kuh. Der Alte erzählte, dass drei seiner Söhne an die Ostfront geschickt wurden, damit sie einige Hektar Land bekamen. Ich weiß nicht, ob sie nach Hause zurückkamen oder ob man ihnen in der Ukraine jeweils 2m x 1m Land gab. Aber sie sind nicht Schuld daran. Etwas wird wohl bei uns passieren. Die Ukrainer von Kyiw bis Lwiw unterstützen den Präsidenten, und von Kyiw bis Charkiw nicht. Im Parlament und in der Regierung gibt es Unstimmigkeiten und es wird Unruhen geben.

Entschuldigen Sie bitte meine Kritzeleien, ich bin blind und kann es nicht besser. Ich danke Ihnen für alles, danke Ihren Gleichgesinnten. Auf Wiedersehen. Ich wünsche Ihnen Erfolg bei Ihrer schwierigen Arbeit.

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