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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

138. Freitagsbrief (vom 9. Februar 2009, Übersetzung: Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Gebiet Tscheljabinsk
Ust-Kataw
Iwan Aleksejewitsch Kornejew.

Guten Tag, liebe Freunde des Vereins Kontakte-Kontakty!

(…)

Ich und meine Lieben danken Ihnen für die Glückwünsche zum Neuen Jahr 2009, für die materielle Hilfe, die Sie und deutsche Bürger uns erwiesen haben. Diese Hilfe, die ich im Januar 2009 erhielt, betrug 10 450 Rubel.

Ich teile völlig die in Ihrem gemeinsamen Brief geäußerten Gedanken. Von meiner Seite möchte ich ergänzen, dass die Kriegsteilnehmer in der ehemaligen Sowjetunion und in Russland weder Hass- noch Feindschaftsgefühle gegen das deutsche Volk hegen. Kriege werden nicht von einem Volk angezettelt, das in irgendeinem Land lebt, sondern von den Herrschenden. Die Völker der Krieg führenden Seiten haben alle Schwierigkeiten, Verluste und Entbehrungen zu tragen, die der Krieg hervorruft. Uns Frontsoldaten ist es besonders bitter zu begreifen, dass es auch in Russland junge Menschen gibt, die faschistischer Ideologie anhängen. Faschismus hat keine Nationalität. Er ist gleichermaßen gefährlich unabhängig von dem nationalen Gewand, in das er sich kleidet. Meine Generation hat sich das am eigenen Schicksal eingeprägt.

Ich teile Ihnen meine Erinnerungen über jene schrecklichen Tage des Krieges mit.

Ich wurde am 20. Juni 1924 im Dorf Tjubeljas Kataw-Iwanowsker Rajon, Gebiet Tscheljabinsk geboren. In diesem Dorf lebe ich noch heute. In die Reihen der Roten Armee wurde ich vom Wehrkreiskommando Kataw-Iwanowsk im November 1942 einberufen. Absolvierte eine Dienstausbildung und wurde im Januar 1943 an die Südfront geschickt. Am 20. Juni 1943 wurde ich am Fluss Miza an der Höhe „Saur-Mogila“ im Gebiet Donezk im Kampf verwundet und erlitt eine Schädelprellung. So geriet ich in deutsche Gefangenschaft. Gefangen wurde ich nicht allein, sondern mit Tausenden Regimentskameraden – eine ganze Division. Man jagte uns in die Stadt Donezk, später wurden wir in ein Kriegsgefangenenlager in der Stadt Kriwoj Rog [Stalag 338] transportiert. Dort hatten wir verschiedene Arbeiten zu erledigen, darunter das Beladen von Waggons mit Eigentum und Kostbarkeiten der Sowjetunion, das nach Deutschland geschickt wurde.

Es gab Fälle, dass während der Arbeit unsere Kameraden flohen. Für solche Handlungen ließ man uns antreten und jeder vierte wurde erschossen. Ich hatte Glück: ich war nicht der Vierte. Zu essen gab man uns nichts. Die friedlichen Einwohner teilten mit uns das Essen.

Die Truppen der Sowjetarmee näherten sich Kriwoj Rog. Im Oktober jagte man uns in Etappen zur Station Wosnessensk. Die Gefangenen mussten laufen. An den Füßen hatten wir Holzpantinen. Das Laufen fiel schwer. Wer von der Kolonne zurückblieb, den erschossen die Deutschen. Wir wurden in Waggons verladen und nach Deutschland gebracht.

An einer mir unbekannten Station wurden wir aus den Waggons und weiter zu Fuß gejagt. Ich erinnere mich, dass wir am 5. November 1943 in ein Konzentrationslager kamen, das mit mehreren Reihen Stacheldraht umzäunt war. Ringsum waren Wachtürme mit Wachsoldaten, die mit Maschinengewehren und Maschinenpistolen bewaffnet waren. Das Lager hieß „Oberschlesien“ [wahrscheinlich Stalag VIII F (318) Lamsdorf]. Man verpflegte uns schlecht. Das Brot war mit Sägespänen. Man gab jedem 200 gr. Brot pro Tag. Viele Gefangene starben. Die Toten wurden wie Vieh in einem Massengrab vergraben.

Nach einiger Zeit wurden wir auf Lastwagen abtransportiert. Aus den Gesprächen entnahm ich, dass man uns nach Auschwitz bringt. Man brachte uns jedoch nach Katowice, in Polen. Ich arbeitete im Schacht, hatte Kohle in Loren zu schaufeln. Ich war entkräftet, deshalb arbeitete ich langsam. Die polnische „Polizai“ [Lagerpolizei] hat mir einmal dafür mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen. Ich verlor das Bewusstsein. Die Kameraden trugen mich aus dem Schacht und brachten mich ins Lager. Ich erkrankte schwer. Ein deutscher Arzt hat mich untersucht und ließ mich in das internationale Lazarett in der Stadt Cosel bringen. Ich konnte nicht laufen, man transportierte mich auf einer Trage. Im Hospital hat man mich gewaschen, gab mir frische Wäsche und wog mich. Mein Gewicht war 34 Kilogramm. Im Krankenhaus verbrachte ich zwei Monate. Dort genas ich, konnte wieder gehen. Man schickte mich wieder in das Kriegsgefangenenlager, in dem ich vorher war.

Wegen meiner Schwäche schickte man mich aus dem Lager zur Arbeit in das Dorf Ajamsdorf [Altmannsdorf/Kreis Frankenstein?] zu einem Bauern zu landwirtschaftlichen Arbeiten. Wie der Bauer hieß weiß ich nicht mehr. Er war ein guter Mensch. Ich bekam das gleiche Essen wie alle. Ich bin ihm bis heute dankbar. Bis zum März 1945 habe ich bei ihm gearbeitet. Im März 1945 haben uns die sowjetischen Truppen befreit. Danach musste ich mehrfach zur Sonderabteilung. Ich wurde wieder in die Reihen der Sowjetarmee aufgenommen und für den Fronteinsatz vorbereitet. Am 9. Mai 1945 endete der Krieg mit der völligen Kapitulation Deutschlands. Man ließ mich weiter in der Armee dienen. Demobilisiert wurde ich im April 1950 in Estland, wo ich Dispatcher in einer Luftwaffeneinheit war. In der Armee genoss ich Vertrauen und Autorität. Nach dem Armeedienst kehrte ich in meine direkte Heimat in das Dorf Tjabeljas zurück. Hier traf ich auf Verdächtigungen, einige verhielten sich zu mir wie zu einem Verräter. Aus diesem Grunde konnte ich keine Arbeit finden. Ich war Holzfäller, musste die schmutzigsten Arbeiten machen. So ging das zehn Jahre lang – bis 1960.

Nach 1960 verhielt man sich zu mir mit Verständnis. Ich fand Arbeit bei der Eisenbahn. Ich arbeitete dort als Elektriker in einem Bahnunterwerk. Mit 59 Jahren wurde ich aus Krankheitsgründen pensioniert. Gegenwärtig bin ich zum dritten Mal verheiratet, meine Frau heißt Klawdia Fjodorowna. Meine beiden vorherigen Frauen sind zu verschiedenen Zeiten verstorben. Ich habe einen Sohn Gennadij Kornejew. Er lebt mit seiner Familie in Moskau. Mit seiner Frau Ludmilla hat er eine Tochter Irina. Im vorigen Jahr ist sein Sohn (mein Enkel) Kyrill plötzlich im Alter von 24 Jahren verstorben.

Mit größter Achtung Ihnen allen, Frontveteran Iwan Kornejew.

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