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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

137. Freitagsbrief (vom 9. März 2009, Übersetzung: Dmitri Stratievski).

Russland
Gebiet Rjasan
Bezirk Klepikowskij
Stepan Iwanowitsch Samossedkin.

Sehr geehrte Vertreter des Vereins KONTAKTE,

Samosedkin Stepan Iwanowitsch hat Ihren Brief sowie die humanitäre Finanzhilfe erhalten. Vielen Dank! Weil Stepan Iwanowitsch seit drei Jahren ernsthaft krank ist, weder sehen noch hören kann, ist er nicht in der Lage, Ihnen einen Brief über sein Leben und über die in Kriegsgefangenschaft verbrachte Zeit zu schreiben. In seinem Namen schreibt Ihnen seine Tochter, Konkina Marija Stepanowna. Die Verwandten meines Vaters sind Ihnen für Ihr Gedenken dankbar. Das stimmt. Die schrecklichen Leiden, die den KZ-Häftlingen zugefügt wurden, dürfen nicht vergessen werden. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater über die in Kriegsgefangenschaft verbrachte Zeit erzählte. Er weinte immer. Ich werde mich bemühen, alles zu schildern, was mir durch die Erzählungen meines Vaters bekannt ist.

Am 22. April 1941 wurde er in die Armee einberufen. Seine Einheit lag in der Kleinstadt Brody, Gebiet Ternopol?. Dort wurde er vom Krieg überrascht. Der Krieg begann für meinen Vater mit einem Luftangriff. Die Militäreinheit wurde von den faschistischen Flugzeugen angegriffen, die sehr tief flogen. Mein Vater erzählte, alle dachten, das seien die Übungen. Die Flugzeuge kehrten aber zurück und bombardierten erneut. Die Soldaten verließen flüchtend die Kasernen. An weiteres kann er sich nicht erinnern. Vater wurde verletzt. Als er wieder zu sich kam, sah er einen riesengroßen deutschen Soldaten. Er zog meinen Vater an seinem verletzten Arm und schmiss ihn in die Menge unserer Soldaten. So geriet mein Vater am ersten Kriegstag in die deutsche Kriegsgefangenschaft. Als er sich in den Lagern befand, leistete er Zwangsarbeit bei verschiedenen Arbeitskommandos. Unter anderem arbeitete mein Vater als Heizer auf einer Lokomotive. Der Lokführer war ein Deutscher. Der Deutsche gab meinem Vater etwas zu essen. Mein Vater erinnerte sich an diesen Deutschen und sagte, dass er vielleicht nur dank seiner Unterstützung überlebte. Mein Vater erzählte, wie während eines Luftangriffs alle Kriegsgefangenen zu einer Baracke liefen. Mein Vater und sein Kamerad wurden durch die Druckwelle durch die Luft geworfen. Sie landeten in einen Bombentrichter. Eine Bombe traf die Baracke. Alle kamen ums Leben. Mein Vater und sein Kamerad überlebten. Das Schicksal verschonte meinen Vater. Die Kriegsgefangenen wurden von Amerikanern befreit. Mein Vater erzählte folgendes: "Wir wurden gut ernährt und bekamen neue Kleidung. Danach wurde uns angeboten, im Westen zu bleiben." Die Befreiten sagten jedoch, dass sie eine eigene Heimat hätten. Die befreiten Kriegsgefangenen wurden an die sowjetische Dienststelle übergeben. Am 9. Januar 1945 (so steht es in Vaters Wehrpass) wurde mein Vater vereidigt. Bis 1946 diente mein Vater in der Sowjetarmee.

1947 heiratete er. Mein Vater hat drei Kinder. Er arbeitete als Zimmermann in einer Kolchose. Mein Vater beschwerte sich nie über sein Leben. Er ist ein Optimist. Es gab keine Verfolgung seitens der Machthaber. Das einzige: er hatte keine Vergünstigungen, weil er über keine Kriegsveteranenbescheinigung verfügte. Wir fragten ein Archiv an und stellten fest, dass die Militäreinheit, in der mein Vater diente, am Anfang des Kriegs aufgelöst wurde, da alle Soldaten ums Leben kamen. Erst mit den politischen Veränderungen in unserem Lande ist es uns gelungen, Vaters Unterlagen in Ordnung zu bringen. Mein Vater bekam auch eine Invaliditätsstufe.

Als Ihre Regierung im Jahre 2000 eine Entscheidung traf, ehemalige Häftlinge zu entschädigen, bekam mein Vater von der Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" eine Absage, die mit der deutschen Stiftung übereinstimmend war. Die Begründung war folgende: den Kriegsgefangenen, die keinen zivilen Status während der Zwangsarbeit hatten, steht die Kompensation nicht zu. Wir waren über die Entscheidung Ihrer Regierung total empört. Um welchen Status geht es eigentlich? Alle Zwangsarbeiter, Militär und Zivilisten, schufteten zwangsweise. Sie wurden unmenschlich behandelt. Jede Minute sah dem Tod ins Auge.

Mein Vater überlebte trotz allem. Am 28. März 2009 wird mein Vater 90 Jahre alt. Er ist Invalide der 1. Kategorie. Manchmal hat er keine Vorstellung über die Zeit. Sein Leben geht nur dank der Verwandtschaftshilfe weiter. Noch einmal vielen Dank für Ihr Gedächtnis und Ihre materielle Hilfe.

Anbei schicke ich einige Archivangaben über den Verbleib meines Vaters in deutscher Kriegsgefangenschaft. Vielleicht ist es für Sie interessant. Mit besten Wünschen (…) im Namen unserer gemeinsamer Zukunft im Frieden.

Hochachtungsvoll

Konkina M. S.

9. März 2009.

Bescheinigung über Kriegsgefangenschaft.

Laut Akten 15387 diente Samosedkin Stepan Iwanowitsch, Geburtsjahr 1919, geboren und wohnhaft im Dorf Makejewo, Bezirk Klepikowskij im Gebiet Rjasan, in der Militäreinheit 96164 (technisches Regiment). An Hand einer deutschen Karteikarte wurde er am 30. Juni 1941 in Brody gefangen genommen. Am 17. August 1941 wurde er ins Stalag VI-B [Neu-Versen, Meppen] überwiesen, Lagernummer 34116. An Hand einer Arbeitskarte arbeitete er:

Am 22. Oktober 1944 wurde er ins Stalag VI-G [Hemer] überwiesen. In den Akten wird kein Befreiungsdatum angegeben. Wir verfügen über keine weitere Angaben.

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