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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

133. Freitagsbrief (vom 7. Mai 2005, Übersetzung: Nina Konrad).

Russland
Gebiet Kemerowo
Wassilij Grigorjewitsch Bilskij.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Hilde Schramm,

auf Ihren Wunsch schreibe ich kurz über mich.

Ich bin im Februar 1924 in der Ukraine, im Dorf „Cherniza“ in der Region „Drogobitskij“ (jetzt Region Lwow) geboren. Damals gehörte das zu Polen. Meine Mutter Anna starb, als ich noch klein war. Später hat mein Vater eine andere Frau namens Rosalia geheiratet. Wir hatten eigene Pferde, Schweine, Hühner, Feld, Erde, wo wir die Getreidefelder hatten. Wir haben von morgens bis abends gearbeitet. Unsere Familie bestand aus 5 Personen: der Vater Grigorij, die Mutter Rosalia, ich, meine Schwester Maria und der Bruder Stepan.

1939 kam die Rote Armee, seitdem gehörte unsere Region zur Sowjetunion. Ich wurde in der Schule für Bauarbeiten ausgebildet. Bis zur Beendigung der Ausbildung blieb nur ein Monat, dann ist der Krieg ausgebrochen. Am 22. Juni hatten wir die Prüfungen im Sportunterricht, über uns am Himmel flogen viele Flugzeuge. Wir haben sie aber gar nicht beachtet. Erst am Dienstag erfuhren wir, dass Krieg war. Zwei Wochen später sind bei uns ganz kampflos die Deutschen einmarschiert. So hat unser Leben unter der Besatzung angefangen.

Ich erinnere mich an den Hunger in unserem Dorf 1942. Alle jungen Menschen wurden nach Deutschland abtransportiert. Ich aber wurde nach Lwow transportiert. Da mussten wir 6 Monate umsonst auf dem Bau arbeiten. Wenn ich mich richtig erinnere, bauten wir eine Kfz-Werkstatt. Wir haben von morgens bis abends gearbeitet. Wir wurden sehr schlecht ernährt. Sonntags durften wir nach Hause fahren. Von da haben wir uns was zu essen mitgenommen. Wir lebten in Baracken, die in kleine Zellen aufgeteilt waren. In jeder Zelle lebten fünf Menschen zusammen. Wir schliefen auf Heu. Richtig schlafen konnten wir aber nicht. Wir wurden ständig von den Flöhen gequält. Unsere Vorgesetzten waren Polen (genannt Vorarbeiter), die uns wegen jeden Verschuldens mit einem Stück Kabel schlugen.

1944, nach zweiwöchigen Kämpfen, befreite uns die Rote Armee. Zwei Wochen später wurde ich mobilisiert. Man hat uns im Nachbardorf für die Front ausgebildet. Wir hatten nur unsere Zivilkleidung an. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie lange wir ausgebildet wurden, einige schickte man zuerst an die Front, uns aber erst später. Man hat uns in alte Uniformen und Fetzen gekleidet. So sind wir ohne Waffen in einer Kolonne durchs Karpatengebirge marschiert. Über den Fluss San nach Polen. Da blieben wir 3 Tage, dann kehrten wir in die Karpaten zurück. Wir haben immer im Wald übernachtet. Auf unserem Weg lagen keine Ortschaften, wir wussten nicht, wo wir uns befanden. Wir wurden sehr schlecht ernährt. Man sagte, dass die Fahrzeuge mit Lebensmitteln es nicht auf die Berge schaffen. Heute erzählt man solche Geschichten, dass jeder Soldat 100 Gramm Wodka bekommen habe. Wir hatten aber nichts davon gewusst und nichts bekommen. Für Kritik wurde man bestraft. Keine Körperpflege. Kurz vor der Frontlinie haben wir Waffen bekommen. Ich wurde dem Maschinengewehrkommando der 4. Ukrainischen Front zugeteilt. Mit unserem Feuer gaben wir der Infanteriekompanie Deckung. Wir mussten ständig unsere Position wechseln, da die Artillerie unser Maschinengewehr immer unter Beschuss nahm.

Eines Morgens, es war im Herbst, in der Nähe eines völlig ausgebrannten Dorfes, wurde uns auf der Wiese Essen gebracht. Es war Reisbrei mit Dosenfleisch. Bevor wir noch mit dem Essen fertig wurden, kam aus dem Gebüsch Maschinengewehrfeuer. Unser Maschinengewehr war demontiert. Wir waren zu fünft. Einer von uns war Leutnant aus der benachbarten Infanteriekompanie. Er wurde sofort in die Brust getroffen, vielleicht sogar getötet. Was mit den anderen passiert ist, weiß ich nicht. Vielleicht wurden sie getötet oder sie konnten fliehen. Ich und Demeljan Demko wurden gefangen genommen. Wir wurden auf Lastwagen zusammen mit den Verletzten geladen und abtransportiert. Man brachte uns zu einem Haus mit einem hohen Zaun. Man hat unsere Ausweise weggenommen und wir wurden verhört. Danach bekamen wir ein Stück Brot und bitteren Ersatzkaffee. Abends wurden 10 Soldaten in Uniformen ohne Schulterklappen gebracht. Alle waren schwarzhaarig. Wie es sich herausgestellte, waren es Italiener und ein Franzose. Sie waren auch Gefangene. Unsere Aufgabe war, die Schützengräben mannstief zu graben sowie diverse andere Arbeiten. Die Deutschen haben mir und Demeljan angeboten, den Vertrag über Zusammenarbeit gegen eine erhöhte Tagesration zu unterschreiben. Wir beide haben das abgelehnt.

So sind Tage und Monate vergangen. Wir wussten nicht einmal, welches Datum wir hatten. In der Gefangenschaft hat mir besonders viel der Italiener Bruno geholfen. Wir verständigten uns mit Händen und Füssen. Die Italiener bekamen über das Rote Kreuz Pakete mit humanitärer Hilfe. Bruno hat mit mir Essen und Seife geteilt. Wir schnitten uns gegenseitig die Haare.

Eines Frühlingstages sind wir aufgewacht und es waren keine Deutsche zu sehen. Es war in Deutschland. Wir haben uns sehr gewundert. Wie es sich später herausstellte, hatten die Deutschen kapituliert. Die Italiener sind in eine Richtung gegangen, ich und Demeljan Richtung Ukraine. In Tschechien sind wir den tschechischen Partisanen begegnet. Sie haben uns vernommen und sich überzeugt, das wir keine „Wlasovzi“ (Kollaborateure d.Ü.) waren. Daraufhin gaben sie uns eine Bescheinigung, dass wir aus der Gefangenschaft zurückkehren. An der Grenze zur UdSSR trafen wir die sowjetischen Grenzschützer. Sie haben uns was zum Essen mitgegeben. Nach der Rückkehr in unser Dorf wurden wir mehrere Tage vom KGB verhört. Danach hat man uns freigelassen und wir bekamen unsere Ausweise und die Militärzeugnisse zurück. Ich begann als Tischler zu arbeiten im Dorf „Cherniza“.

Im April 1946 wurde ich von der Arbeit abgeholt und verhaftet. 3 Monate war ich in Untersuchungshaft. Man warf mir vor, ich hätte mich freiwillig den Deutschen ergeben. Ich wurde des Vaterlandsverrats beschuldigt. Der Untersuchungsrichter sagte: „Der Genosse Stalin wird uns belehren, was mit euch passieren soll.“ Uns wurden erneut die Ausweise weggenommen, und wir wurden nach Paragraf 58 A zu 10 Jahren Lagerarbeiten verurteilt ohne Recht auf Revision. Außerdem wurden uns alle Rechte für 5 Jahre aberkannt. Über die Zeit im Lager, erstmal in Mordovien und später auf dem Bau der Ölraffinerie in Omsk und wie ich fast wegen einer Lungenentzündung gestorben wäre, kann man sehr lange berichten. Die ganze Wahrheit darüber haben die Schriftsteller A.Solschenizin, W.Schalamova, E.Kersnowskoj in ihren Werken berichtet. Meine Eltern mit dem jüngeren Bruder Stepan wurden in die Stadt Stalinsk (heute Nowokusnezk) umgesiedelt. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt. Mein Vater starb vor Hunger im Jahre 1947. Meine Stiefmutter arbeitete im Bergbau und bekam später eine Rente in Höhe von 32 Rubel. Sie starb 1996. Im Lager habe ich 8 Jahre verbracht. Nach dreiviertel der Strafzeit wurde ich in die Verbannung in das Dorf Teja, Gebiet Sewero-Jenissejskij, zum Baumfällen geschickt. Dort lernte ich meine Frau Maria Ustinowna kennen, die auch zu 10jähriger Lagerarbeit verurteilt war. Wir sind jetzt seit 50 Jahren verheiratet. In diesem Dorf wurde mein Sohn geboren. 1956, nach unserer Freilassung, sind wir zur meiner Stiefmutter nach Nowokusnezk umgezogen. Hier habe ich 40 Jahre als Tischler im Bergbau gearbeitet. Ich genoss große Achtung, bekam wertvolle Geschenke und Auszeichnungen. Ich bin Arbeitsveteran.

Heute lebe ich zusammen mit meiner Frau in einem Haus, das ich selbst vor 40 Jahren gebaut habe. Wir haben einen Sohn und eine Tochter großgezogen und es gibt Enkelkinder. Heute sind meine Frau und ich schon über 90. Ich hatte mehrere Operationen, wir sind alt und schwach. Unsere ganze Rente wird für die Medikamente ausgegeben. 1995 wurden ich und meine Frau rehabilitiert. Wir bekamen Geld und Vergünstigungen zur Bezahlung der Grundstückgebühren, Strom-, Fahr-, Telefon und Arzneikosten. Fahrkostenvergünstigungen nutzen wir nicht, da wir schon über den Hof kaum laufen können. Arzneimittelvergünstigungen können wir ebenfalls nicht nutzen, da es sehr aufwändig ist sie zu beantragen.

Selbstständig versuche ich die Haus- und Gartenarbeiten zu erledigen, wie zum Beispiel das Ofenheizen. Ansonsten helfen uns unsere Kinder. So langsam geht unser Lebensabend zur Ende.

Bei der Festnahme 1946 hat der Untersuchungsrichter alle meine Ausweise und Bescheinigungen weggenommen. Deswegen kann ich heute nicht nachweisen, dass ich im Krieg gekämpft habe und in Gefangenschaft war. Damit ich die entsprechenden Bescheinigungen bekommen kann, muss ich sie im Militärarchiv der Ukraine, wo ich zum Krieg einberufen wurde, beantragen. Es ist aber sehr zweifelhaft, ob die Papiere erhalten sind und ich überhaupt eine Antwort bekomme. Es ist schließlich ein anderer Staat geworden. Es wäre möglich, im russischen Archiv nachzuforschen, aber dafür braucht man die Nummer meiner Infanteriekompanie und die Namen der Kommandeure, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Ohne diese Angaben wird nicht gesucht.

Auf Wiedersehen.

Alles Gute.

Aufgeschrieben den Worten nach vom Sohn Igor.

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