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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

131. Freitagsbrief (vom 13. Januar 2008, Übersetzung: Martin Creutzburg).

Russland
Baschkirien
Bezirk Tujmasinskij
Musagit Sibagatowitsch Safiullin.

Ich schreibe Ihnen auf Bitte meines Großvaters Safiullin Musagit Sibagatowitsch.

Ich bestätige Ihnen, dass mein Großvater Ihren Brief erhalten hat, wir sind von Herzen gerührt von Ihrer Aufmerksamkeit. (Leider kann Großvater nur sehr schlecht sehen, deshalb schreibe ich Ihnen.)

Mein Großvater ist eine schöne Seele und wahrer Mensch, der Wärme und Liebe ausstrahlt. Er lebte ein langes, nicht einfaches Leben. Er wurde am 12. Juni 1921 in dem Dorf Bikmetowo Bezirk Tujmasinskij der Republik Baschkirien in einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Er musste zweimal unter unmenschlichen Regimes leiden: In seiner Heimat und im fernen Deutschland. Das erste Mal im Alter von 10 Jahren – durch das Stalinregime, als sein Vater zum Großbauern (Kulake) erklärt und erschossen wurde, das gesamte Vermögen: Haus, Vieh, Mühle – enteignet. Der Großvater wuchs in der Verbannung und in Armut auf mit dem Schandfleck – „Kulake“. Er musste den Lebensunterhalt mit schwerer Arbeit verdienen. Das nächste Mal wurde er Opfer des Faschismus, nur durch ein Wunder blieb er unter unmenschlichen Bedingungen am Leben. Das Schicksal ging nicht immer mit ihm freundlich um, wir haben jedoch von Großvater nie Klagen, Worte über Krankheiten, Leiden, Unglücke gehört. Er schenkt den ihn Umgebenden seine Liebe, weise Ratschläge, Lächeln und sagt stets, dass es keinen glücklicheren Menschen als ihn gibt, denn er hat uns! Er ist für uns alle ein Vorbild an Seelenstärke, Anständigkeit, Güte, Kühnheit, Tapferkeit. Wir sind überzeugt, dass durch solche Menschen unser Leben hochgehalten wird.

Weiter unten folgen die Erinnerungen des Großvaters.

„Bis Kriegsbeginn diente ich in der Stadt Puchowitschi als Fallschirmjäger im ersten Zug der ersten Kompanie, des ersten Bataillons der achten Fallschirmjägerbrigade der 21. Armee. Bei Kriegsbeginn, im August 1941 erhielt ich eine Verwundung durch zahlreiche Splitter und hätte ins Krankenhaus transportiert werden sollen. Aber alle Straßen waren versperrt und in der Nähe der Siedlung Unitscha, Gebiet Orjol wurde unsere Brigade eingekesselt. Vor uns waren undurchdringliche Sümpfe. Bei der Verteidigung einer Brücke über die Beresina verbrachten wir zwei Tage bis zum Gürtel im Wasser stehend, die Gliedmaßen waren aufgedunsen, ich konnte nicht mehr laufen. Unsere Brigade durchbrach den Kessel durch den Sumpf, alle Technik und uns, die Verwundeten zurücklassend. In der Nacht vom 21. zum 22. August wurden alle Verwundeten auf vier Lastwagen geladen. Unterwegs fuhr der erste Wagen auf eine Panzermine und explodierte. Ich war im dritten Wagen, durch die Explosion kann ich mich nicht erinnern, was weiter geschah. Als ich zu mir kam, sah ich, dass wir mit unseren Sanitätern in Gefangenschaft waren. Eine Sanitäterin hieß Nelli Boleslawskaja (um nicht zu verraten, dass sie Jüdin war, nannten wir sie Wera Popowa). Durch die Explosion wurde ich noch weiter verwundet: Verrenkungen, 12 Rippen waren gebrochen und der linke Fuß. Anfangs waren wir in der Schule der Siedlung Unitscha untergebracht, dann wurden wir nach Starodub gebracht, endlich am 10. Oktober 1941 wurden wir in das Kriegsgefangenenlager – Festung Baranowitschi (Stalag 337) überführt. Dort waren 17 300 Gefangene. Nach einem Jahr, am 10. Oktober 1942 waren noch 1300 Mann lebend übrig geblieben. Am 10. Oktober 1942 wurden 10 Flieger und Fallschirmspringer, die gesund und physisch kräftig waren, ausgewählt und in die Stadt Molodetschno (Stalag 342) gebracht. Nach der Desinfektion wurden wir Ende Oktober in das Lager für Kriegsgefangene der Luftstreitkräfte (Göring-Lager) in der Stadt Lodz (Litzmannstadt) gebracht, wo wir medizinisch untersucht, Analysen gemacht und die Quarantänefrist verbrachten. Am 20. Dezember wurden wir, 200 Kriegsgefangene nach Deutschland transportiert. Ich kam nach Sonneberg, in eine Rüstungsfabrik zur Produktion von Zahnrädern, Zahnradwerke[1]. Dort arbeitete ich von Ende Dezember 1942 bis zum 18. April 1945.

Ich arbeitete in dem Werk als Schleifer. Der Arbeitstag dauerte 12 bis 14 Stunden. Einen gesonderten Dank möchte ich den Menschen sagen, dank derer ich überlebte. Das sind Romhild Kurt und Schiller Fritz, Arbeiter des Werkes. Sie brachten mir die Arbeit an der Werkbank bei, waren meine Lehrmeister, haben mich nach Möglichkeit unterstützt. Schiller Fritz kam jeden Tag auf dem Motorrad aus dem nächsten Dorf zur Arbeit und brachte heimlich von zu Hause Brot für mich mit, er achtete meinen Fleiß und Ausdauer.

Als der Sturm auf Berlin begann, wurden wir Kriegsgefangene nach Westen gejagt. Am 23. April 1945 wurden wir von den Amerikanern in der Nähe der Stadt Eichstätt befreit und um die 68 000 Gefangene bei Moosburg gesammelt. Im Juni tauschten die Amerikaner 300 unserer Gefangenen gegen amerikanische Kriegsgefangene aus, welche die Sowjetarmee in Österreich befreit hatte.

Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft wurde ich in ein Reserveregiment in Österreich geschickt, nahe der Stadt Neustadt. Von August 1945 bis 20. Januar 1946 diente ich als Bewacher des Erdölverarbeitungswerks beim Dorf Sereg, danach abkommandiert in die sowjetisch-ungarische Erdölverwaltung in Budapest. Dort diente ich bis zum 29. August 1946, wurde auf Befehl als Spezialist demobilisiert.

Von der Front kehrte ich im September heim, traf ein Mädchen, im Dezember 1946 heirateten wir und so sind wir nun seit 62 Jahren zusammen. Wir zogen fünf Kinder groß: vier Söhne, eine Tochter. Jetzt haben wir dreizehn Enkel und sieben Urenkel. Alle unsere Kinder und Enkel haben die Hochschule abgeschlossen. Das ist unser Stolz und unsere Freude.

Ich wurde in einer gläubigen Familie geboren und habe jeden Tag, mit Tränen in den Augen zu Gott gebetet, um Hilfe. Er hat mich gerettet. Ich danke jeden Tag dem Allmächtigen und bete für die Gesundheit und das Glück meiner Lieben.

Zum Schluss des Briefs erlauben Sie mir, mich nochmals bei Ihnen zu bedanken, sowie den Mitgliedern Ihres Vereins und den Einwohnern Deutschlands für die Feinfühligkeit, dass sie nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal unserer Landsleute sind (…).

Sehr geehrte Herren, erlauben Sie mir, mich mit einer Bitte an Sie zu wenden. Wenn es möglich ist antworten Sie mir, bitte, wenigstens kurz auf diesen Brief. Glauben Sie mir, das ist sehr wichtig für meinen Großvater. Er wartet sehr auf die Antwort, ihn hat Ihr Brief tief bewegt – er hat ihn oftmals durchgelesen und sich lange an die Vergangenheit erinnert. Möglicherweise gibt es irgendwelche Fotos vom Lager oder es sind Archivmaterialien zugänglich, die sie mit uns teilen könnten. Großvater erinnerte sich an den Fall, dass ein Fotokorrespondent ins Lager kam und hat von den Gefangenen gerade ihn fotografiert: ungeachtet seiner Hagerkeit und Erschöpfung, er war jung und schön, arbeitete fleißig und akkurat. Er sagte, es war Winter und er posierte vor der Kamera während der Arbeit in Holzpantinen, anstatt Schuhen. Der Fotograf fragte ihn: „Ist Ihnen denn nicht kalt?, – Nein, Ach i wo“, antwortete ich, lächelte und zeigte das größte Zahnrad für ein effektvolles Foto – erinnert sich der Großvater. Vielleicht gibt es heutige Fotos vom Gelände des ehemaligen Lagers. Wir wären Ihnen sehr dankbar. Dank im Voraus.

Ich lege dem Brief einige Fotos meines Großvaters bei.

Mit Dankbarkeit und Achtung, Gulnara Hammatowa (Safiullina)

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[1] Das „Sonneberger Zahnradwerk“ bei Sonneberg/Mürschnitz in Thüringen lag versteckt in den Sandbergen und war als bedeutender Rüstungsbetrieb von der Außenwelt hermetisch abgeriegelt. Dort gab es ein KZ-Außenlager von Buchenwald.

Das Sonneberger Zahnradwerk wurde nach Kriegsende demontiert. Im Internet fand ich nur Bilder von Mauerresten. Das Sonneberger Stadtarchiv wurde gebeten, den Wunsch von Herrn Safiullin zu erfüllen. E.Radczuweit

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