Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

130. Freitagsbrief (vom 5. Januar 2009, Übersetzung: Gesine Reinwarth).

Russland
Baschkirien
Bursjanskij Bezirk
Gaisulla Chalilowitsch Rachmatullin.

Ich habe Ihren Brief vom 28. November 2008 erhalten. Vielen Dank für die erwiesene finanzielle Hilfe. Jetzt ein wenig über mich.

Ich, Gaisulla Chalilowitsch Rachmatullin, von Nationalität Baschkire, wurde am 2. Mai 1919 in dem Dorf Bagajsa im Bezirk Bursjanskij in der Republik Baschkirien geboren. Mein Vater Chalil diente 12 Jahre in der Armee des Zaren und starb 1930. Ich habe die 4. Klasse in unserer Dorfschule absolviert. Mein Berufsleben begann 1933 in dem Kolchos „Ural“ als Rechnungsführer. Am 30. Juni 1940 wurde ich zur Sowjetarmee einberufen. Nach dem Einführungskurs in Sterlitamak schickte man mich am 14. Oktober zu meinem Dienst in das Gebiet Kaliningrad. Ende Oktober ging ich mit der Armee nach Litauen. Die Litauer haben uns gut willkommen geheißen, sie waren für die Sowjetmacht.

Im Juni 1941 wurde ich krank, kam ins Krankenhaus in dem Dorf Semenowo. Am 21. Juni nach dem Abendessen, ungefähr 20 Uhr, wurde eine Überprüfung des Mannschaftsbestandes durchgeführt, es wurde angeordnet, dass alle in ihre Armeeeinheiten zurückkehren sollen. Auf dem Weg zur Einheit an einer Bahnstation kam eine Gruppe junger Litauer auf mich zu, die mich aufforderte stehen zu bleiben: „Bleib stehen, russischer Soldat!“. Sie sagten mir, dass wir morgen nicht mehr da sein werden, dass die Deutschen uns erschlagen werden, dass morgen der Krieg beginnt.

Als ich in meine Einheit kam, es war ungefähr 23 Uhr, war in der Kaserne Nachtruhe befohlen worden. Ich weckte meine Dienstgenossen, die auch aus dem Bursjansker Kreis waren, und sagte, dass morgen der Krieg beginnt, aber sie glaubten mir nicht. Ich sagte es auch dem Feldwebel, aber er glaubte es auch nicht, sagte, dass wir einen Nichtangriffspakt mit Deutschland unterschrieben haben. Ungefähr 5 Uhr am 22. Juni 1941 wachte ich von Granateinschlägen auf. In der Kaserne war niemand mehr, rundherum brannte es, es wurde ununterbrochen bombardiert. Gegen 10 Uhr hörte das Bombardement auf. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, wurden wir in den Kampf geworfen. Am 26. Juni wurde ich während der Kampfhandlungen verwundet und von Deutschen gefangen genommen, dann brachte man uns auf einem Schiff nach Norwegen. Das dauerte 20 Tage. Dort mussten wir verschiedene Arbeiten machen. 1944 wurden wir nach Deutschland gebracht, in die Stadt Resinburg (eventuell Regensburg d.Ü.). Dort nahmen wir an dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt teil. Am 13. April 1944 befreiten uns amerikanische Soldaten. Sie schlugen uns vor, zu ihnen nach Amerika zu kommen, versprachen uns ein paradiesisches Leben. Die meisten sowjetischen Kriegsgefangenen glaubten ihnen und blieben bei den Amerikanern, wir aber beschlossen, in die Heimat zurückzukehren. Dann brachte man uns in die ungarische Hauptstadt Budapest, wo die Überprüfungen durch die Sonderabteilung stattfanden. Nach der Überprüfung kam ich in das 12. Baubataillon und wurde in die Tschechoslowakei geschickt, wo wir eine Zuckerfabrik bewachten. Dort waren wir auch am Tag des Sieges.

Zum weiteren Dienst wurden wir nach Gorki (ehemals Nishni Nowgorod) gebracht. Ende Oktober 1946 wurde ich demobilisiert. Am 28. Oktober 1946 kam ich in mein Heimatdorf zurück. 1947 heiratete ich Sakira Mushagitdinowna Saginbajewa, geb. 1920. Ihr Bruder blieb in diesem Krieg vermisst. Wir haben zusammen 3 Töchter und 7 Söhne. Das erste Kind wurde 1948 geboren, das jüngste 1969.

Jetzt bin ich Invalide der Stufe 1. Wegen der Verwundung am Anfang des Krieges in Litauen habe ich die Sehkraft vollständig verloren, ich bin ans Bett gefesselt. Um mich und meine Frau kümmert sich unsere älteste Tochter Sagida.

Ich möchte Ihnen noch einmal danken für die erwiesene materielle Hilfe und die Entschuldigungen.

Alles Gute zum Neuen Jahr 2009!

Diesen Brief schrieben in meinem Namen mein Sohn Airat Gaisullowitsch Rachmatullin und mein Enkel Ilschat Sainagaliewitsch Rachmatullin.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.