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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

128. Freitagsbrief (vom 4. September 2008, Übersetzung: Sibylle Albrecht).

Moldowa
Bendery
Iwan Grigorjewitsch Selischtschew.

(…) An vieles habe ich mich erinnert, was ich während meines Lebens in deutscher Gefangenschaft und in den Lagern in Bielefeld erlebte. Dort befand ich mich bis zur Befreiung durch amerikanische Truppen im April 1945. In diesem Lager waren Soldaten der verschiedensten Nationalitäten und Länder.Nationalismus gab es auch in den Lagern und Stalags. Uns, den russischen Soldaten, leistete das Internationale Rote Kreuz keine Hilfe. Aber wir sahen, wie die Ukrainer, Franzosen, Engländer und andere Hilfe bekamen, damit kränkte uns das Rote Kreuz. Warum konnten wir russischen Soldaten keine Hilfe von unserem Land und vom Internationalen Roten Kreuz bekommen? Und das bedeutet Nationalismus zwischen den Nationen und Rassismus zwischen den Ländern.

Ich werde beschreiben, wie ein deutscher Offizier Juden und Moslems unterschied.

Bei Eintreffen im Lager ließ man alle Kriegsgefangenen während eines Appells antreten und die Hosen runterlassen. Der Offizier und ein Arzt schauten sich den Penis an und wenn er beschnitten war, so berührte man mit der Hand die Schulter des Betreffenden und er wurde abgeführt in eine andere Baracke. So wurde getrennt zwischen den moslemischen und orthodoxen Soldaten. In den Gebäuden und Verschlägen wimmelte es von Wanzen, abends ließen sie uns nicht einschlafen. Sie fielen von der Decke auf Gesicht und Körper, es war unmöglich in den Räumen zu schlafen. So schliefen wir draußen, legten uns entlang der Wände.

Auch Fliegerangriffe auf Bielefeld haben wir erlebt. Während eines Fliegeralarms brachte man uns raus aus der Stadt, wir liefen unter die Straßenbrücken und sahen die Flugzeuge, die Leuchtbomben abwarfen. Nicht weit weg von uns entzündeten sich Leuchtbomben, die mit ihrem Phosphor sogar die Erde zum Brennen brachten. Wenn wir gerade bei der Arbeit im Militärwerk waren, gingen alle in den Keller – sowohl die Deutschen, als auch die Kriegsgefangenen. (…)

Nun beantworte ich Ihre Fragen.

1. In den Lagern – ich weiß nicht, Listen wurden aufgestellt, aber (Erkennungs-)Marken mit Nummern habe ich nicht bekommen. Vielleicht habe ich es auch vergessen.

2. Erschießungen gab es für Ausbrüche, ich habe so was nicht gesehen (aber davon gehört).

3. Juden und Offiziere, besonders Kommissare, wurden von uns getrennt, nach Denunziation durch Dolmetscher oder Soldaten.

4. Typhustote wurden beerdigt, auf Tragen brachte man sie aus dem Lager in Gruben und scharrte sie ein.

Ausbrüche gab es, Rückkehr gab es nicht, besonders zu Kriegsende. Alltagsleben – an den Sonntagen wurde Kleidung ausgebessert, Schuhwerk repariert, Ringe aus Bronze angefertigt und geschliffen, dass sie aussahen wir goldene; leichte Schuhe wurden angefertigt (je nachdem, was man von der Arbeit mitgebracht hatte) und verkauft oder eingetauscht in Brot.

Kontakte gab es, mit Kommunisten, mit Arbeitern, aber streng heimlich, während der Bombenangriffe. Man teilte uns die neuesten Frontnachrichten mit, erzählte von Steinbrüchen, von Gerüchten aus den Konzentrationslagern (um Gotteswillen nicht dorthin kommen).

Liebe Mitarbeiter von KONTAKTE, es würde eine lange Geschichte werden, wenn ich mein ganzes Leben und von meinen Ausbrüchen aus den Lagern schreiben wollte. Es würde ein großes Buch. Aber das Alter ist schon nicht mehr danach, am 6. Januar werde ich 85 Jahre, meine Frau Raissa ist 80. Wenn ich den Kindern und Enkelkindern erzähle, sie können es gar nicht glauben. Die ältesten sind 58. Vier Kinder haben wir und 10 Enkel. Die jüngste Tochter ist 42.

Selischtschew Iwan Grigorjewitsch

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