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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

126. Freitagsbrief (Übersetzung: Erhard Kummer).

Wassilij Fedotowisch Ustenko
Gebiet Swerdlowsk
Russland.

Guten Tag, (…)

Ich, Ustenko Wassilij Fedotowitsch, habe Ihren Brief erhalten und will ihn beantworten. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre mitfühlende Haltung uns gegenüber – den ehemaligen Kriegsgefangenen.

Einige Bemerkungen über mich selbst:

Ich wurde am 4. Januar 1921 im Dorf Tschapajewka im Gebiet Sewero Ksachstansk in der Familie eines Bauern geboren. 1929 wurde ich in die erste Klasse eingeschult; diese Schule beendete ich 1938, und weil ich ein guter Schüler war, delegierte man mich zu Lehrerausbildungskursen. Zwei Jahre habe ich dann als Lehrer gearbeitet und im Herbst 1940 bin ich zur Armee eingezogen worden. Ich habe in der Stadt Minsk im 331. Schützenbataillon der mit dem Leninorden ausgezeichneten 100. Division gedient. Während der Ausbildung am 22. Juni 1941 erhielten wir die Nachricht über den Ausbruch des Krieges ungeachtet des mit Deutschland vereinbarten Nichtangriffspakts. Uns erreichte der Befehl: Ausrücken an die Westgrenze von Minsk zur Verteidigung der Stadt vor den Faschisten.

Wir haben Angriff auf Angriff abgewehrt. So haben wir uns vier Tage lang gehalten. Danach begann alles: Absetzbewegungen, Durchbruch, wieder Rückzug. In der Smolensker Schlacht wurde unsere Division aufgerieben. In dieser Einheit wurde ich verschüttet, aber Dank meiner Mitkämpfer konnte ich überleben. Erneut begann der Rückzug, unsere Gruppe kam zum Einsatz auf der Linie Moskau-Minsk und zu diesem Zeitpunkt waren von uns nur noch 15 Mann am Leben. Nachts, bei einer Flussüberquerung, wurden wir von den Deutschen eingekreist und gefangen genommen.

Man verbrachte uns in das Lager Tolotschinsk, wo wir 10 Tage verblieben, danach wurden 2000 Menschen, darunter auch ich, zurück nach Minsk gebracht. Wir gingen zu Fuß, für die geringste „nicht ordentliche“ Bewegung wurde man auf der Stelle erschossen. Ein Gefangener hatte zu fliehen beschlossen und sich im Wald zu versteckt. Aus diesem Grund wurden 200 Personen erschossen. Man trieb uns nach Minsk, in meinen Armeestandort. Jeden Tag starben 100–150 Personen vor Hunger. Bei Minsk wurden wir zum Torfstechen eingesetzt. Im November wurden einige Tausend Gefangene in Güterwagen eingeschlossen und unter Bewachung in unbekannte Richtung verbracht. Die Fahrt endete in der Nähe von Hannover. Etwa 30 km von Hannover entfernt befand sich das Lager „Fallingbostel“ – ein Todeslager. Die Gefangenen nannten es so, weil in diesem Lager 1942 im Januar, Februar und März 10 000 Menschen starben. So begann meine Gefangenschaft, die bis Kriegsende dauerte.

Im Verlauf von neun Kriegsmonaten, vom 22. Juni 1941 bis 30. März 1942 kamen 3 800 000 Menschen in Kriegsgefangenschaft. „Fallingbostel“ war ein furchtbares Lager. Pro Tag starben im Lager bis zu 100 Personen. Sie wurden in mit Baggern ausgehobenen Gräben beerdigt. Hauptsächlich der Hunger hat die Menschen umgebracht. Die Verpflegung bestand aus: morgens 100 g Brot, abends ein Liter Balanda mit Rüben. Sie starben zu Hunderten vor Hunger, Kälte, wegen arbeitsmäßiger Belastung.

Als die Gefangenen im Lager angekommen waren, wurde Quarantäne verhängt. Man ließ sie nicht in die Baracken einziehen, sie mussten unter freiem Himmel campieren. Die Quarantäne dauerte zwei Wochen. Das Wetter war kalt und nass. Die Gefangenen waren gezwungen, Höhlen zu graben und darin zu hausen – immerhin nicht unter freiem Himmel. Nach der zweiwöchigen Quarantäne wurden die Gefangenen in den Baracken untergebracht. Die Baracken waren ebenfalls kalt, man beheizte sie mit einem kleinen eisernen Ofen. Dafür gab es zwei Eimer gepressten Torf je Tag. Nach einer Woche wurden alle Neuankömmlinge gezählt. Es verblieben 953 von vormals 1500. Ich wurde mit anderen Kriegsgefangenen in ein drei Kilometer entferntes Arbeitslager getrieben. In diesem Lager wurden Steine für den Straßenbau bearbeitet. Im Verlauf von nur zwei Monaten waren von ehemals 953 nur noch etwa 400 Personen am Leben. Ich wundere mich bis zum heutigen Tag, dass ich das alles ausgehalten und überlebt habe.

Hunger und Kälte haben mich die gesamte Zeit über ins Grab gezogen, aber ich habe alles ausgehalten. Ich war unter Beschuss, habe an Attacken teilgenommen, aber nicht eine Kugel hat mich auch nur gestreift. Nur einmal war ich verschüttet infolge der Explosion einer Bombe in unmittelbarer Nähe. Gott hat mich beschützt!

Im Frühjahr 1945 rückten amerikanische Panzer in Hannover ein, die Wachmannschaften flüchteten. Die jüngeren Kriegsgefangenen wurden zusammen mit den Amerikanern zur Einnahme Berlins abkommandiert.

Wir hätten die furchtbaren Bedingungen im Lager nicht überlebt ohne die Hilfe der Tagelöhner[1]: junge Frauen aus Polen, Charkow, Kiew, die alles Mögliche und unmögliche unternahmen, um den Jungs in der Häftlingsrobe etwas Essbares zukommen zu lassen. Dort – am Stacheldraht des Konzentrationslagers[2] – dort traf ich Maria, meine zukünftige Ehefrau.

Nach Kriegsende habe ich weiter in der Armee gedient. Später wurde ich in den Donbass beordert, wo ich meine Treue zur Heimat beweisen sollte, aber dort arbeitete ich nicht lange. Der Krieg hatte faktisch den Bestand an Dorflehrern auf Null dezimiert; jeder einzelne war „Gold wert“. Deshalb kehrte ich in mein Heimatdorf zurück. Nach zwei Jahren arbeitet ich als Direktor der Mittelschule in Tschpajewk.

Jetzt lebe ich im Dorf Baraba im Gebiet Swerdlowsk. Ich habe 6 Kinder, 14 Enkel und 15 Urenkel. Vor einem Jahr starb meine Ehefrau Maria, mit der ich 60 Jahre zusammengelebt habe. Ein halbes Jahr nach ihrem Tod erlitt ich einen Schlaganfall. Die Beine waren fast vollständig gelähmt, jetzt kann ich mich zu Hause mit Mühe fortbewegen. Ein großer Teil der [finanziellen] Hilfe entfällt auf Medikamente. Ich lebe zusammen mit meiner Tochter Olga und meiner Enkelin Mascha; sie pflegen mich, aber auch alle meine anderen Kinder, Enkel und Urenkel vergessen mich nicht.

Ihnen Dank für die erwiesene Fürsorge.

Hochachtungsvoll Ustenko Wassilij Fedotowitsch

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[1] Im Original freundliche Bezeichnung für Menschen, die nicht ganz freiwillig auf dem Acker arbeiten.

[2] Die Kriegsgefangenen bezeichnen die Stalags häufig als Konzentrationslager; für sie bestand kein Unterschied.

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