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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

125. Freitagsbrief (vom 13. Mai 2007, Übersetzung: Viktoria Rau).

Alexander Jegorowitsch Belajew
Gebiet Tula
Russland.

Guten Tag, sehr geehrte Mitglieder des Verein „Kontakte" !

Erlauben Sie mir, im Name von Belajew Alexandr Jegorowitsch Ihnen für geleistete Hilfe und besonders für Ihre Aufmerksamkeit zu danken. Es war meine Initiative, Ihnen diesen Brief zu schreiben als Enkelin von Belajew A.E., er selber kann nicht schreiben wegen seines hohen Alters und schwacher Gesundheit. In diesem Schreiben stütze ich mich auf seine Erinnerungen, Erzählungen und meine Eindrücke davon.Ehrlich gesagt, war Ihre Hilfe absolut unerwartet für uns. Unsere früheren Versuche vor einigen Jahren, von deutscher Seite über den Fond „Verständigung und Aussöhnung“ eine Kompensation zu bekommen, blieben erfolglos.

Jetzt erzähle ich Ihnen auf Ihre Bitte hin über das Leben meines Großvaters sowohl in Vorkriegs- und Nachkriegsjahren, als auch in Gegenwart.

Mein Großvater wurde Anfang der 30ger Jahre in einem sibirischen Dorf in einer Bauernfamilie geboren. Das Leben damals war sehr arm, manchmal hatte man nichts zu Essen. Die Rettung war die eigene Wirtschaft (eine Kuh, Hühner). Er durfte nur drei Jahre in der Dorfschule lernen, man brauchte seine Hände im Haushalt und im Kolchos. Um sein Brot zu verdienen, schuftete er vom frühen Morgen bis zur Nacht im Kolchos, säte, grub, bearbeitete mit seinem Vater und Brüdern die Felder. Aber es reichte nicht zum Leben. Sie gingen noch in die Taiga (sibirische Wälder), um dort zu jagen und Pilze, Nüsse und Beeren zu sammeln. Eine Teil des Gesammelten verkauften sie in der Stadt. Die Familie war groß, wie ich weiß, es waren noch fünf Kinder da, damals war das normal.

1941 begann der Krieg, aber diese Nachricht kam im weit entfernten sibirischen Dorf erst ein Jahr später an, 1942, , mein Opa war damals 19 Jahre alt. Er wurde mobilisiert. Man kann die Gefühle eines jungen Mannes verstehen, der seine Heimat und seine Mutter verlässt und in den Krieg zieht.

Die schweren Kampfhandlungen waren damals bei Kursk, sie sind bekannt unter dem Namen „Kursker Bogen“ Dorthin wurde mein Großvater überwiesen. Ich weiß nicht, wie lange er kämpfte, ich weiß auch nichts über die Ursache, warum die Einheit, wo er diente, in Gefangenschaft kam. Natürlich war es keine Heldentat, aber es ist jetzt unmöglich zu beurteilen, wir wissen nicht, was damals dort geschah. Eines ist klar: die Jungs wollten nicht wegen dieses verdammten Krieges sterben. Sie wurden nach Deutschland transportiert, in Gefangenschaft, in die Gruben des Ruhrgebiets. Dort blieb er bis zum Kriegsende, bis 1945, bis sie von Amerikanern befreit wurden. Es war dort in den Gruben kein süßes Leben. Großvater erzählte, dass sie sehr hungerten. Wenn sie vom Lager zu Arbeit gingen, aßen sie, um nicht vor Hunger zu sterben, unterwegs alles, was sie bekommen konnten: Gras, Wurzeln, Knochen. Die Knochen kochten sie auf dem Feuer und nagten sie ab. Einmal wurde in dem Lager der Schäferhund getötet, der die Gefangenen bewachte. Aus dem Hund wurde „Fleischsuppe“ gekocht, es war für die Gefangenen eine Delikatesse! Was die Zivilisten betrifft, die in diesem Steinbruch arbeiteten, so hatten sie Mitleid mit den gefangenen Soldaten, sie gaben ihnen manchmal Essen, die Reste von ihrem Pausenbrot. Vielleicht dachten sie dabei an die eigenen Kinder, die auch im Krieg waren …

Um im Lager zu überleben, musste man schlau sein. Zum Beispiel schnitt mein Großvater vom Transportband Stücke ab (natürlich, wenn es keiner sah), und nähte im Lager aus ihnen Hausschuhe. Die tauschte er bei zivilen Deutschen gegen Tabak, Essen oder Geld. Manchmal klaute er sogar das Mittagessen der Wächter, während sie schliefen! Großvater erzählte, einmal, noch vor der Gefangenschaft, begegnete er in einem Wald bei Kursk einem deutschen Soldaten, Angesicht zu Angesicht, genauso jung wir er selbst. Die beide wollten am Leben bleiben, sie sagten kein Wort zueinander, sie wechselten nur Blicke und gingen jeder seinen Weg. Wozu sollten sie als unnütze Opfer fallen? Wieso einander umbringen? Es hätte den Ausgang des Kriegs nicht verändert.

1946[1945] befreiten die Amerikanern die Russen aus der Gefangenschaft und schlugen vor, wer möchte, darf nach Amerika fahren, um dort zu leben. Manche waren einverstanden, bei manchen waren die Familien zu Hause geblieben und die wollten natürlich ins Vaterland, in die UdSSR. Aber bevor sie in die Heimat kommen durften, wartete auf sie ein langer, schwerer Weg. Die sowjetische Regierung bestrafte die befreiten Gefangenen für den Vaterlandsverrat damit, dass sie zum Bau der neuen Städte, Fabriken, Betriebe geleitet wurden. Mein Opa, zum Beispiel, gelangte ins Tulsker Gebiet, wo er am Bau einer Siedlung teilnehmen musste und wo er danach auch sein ganzes Leben blieb. Genau so wie in der Gefangenschaft, arbeitete er in einem Steinbruch, förderte Kalk, den man für den Bau von Häusern und Fabriken brauchte. Er wohnte mit anderen ehemaligen Kriegsgefangenen in einer Baracke. Ich weiß nicht genau, wann, aber später wurden alle Gefangene von der sowjetischen Regierung rehabilitiert, das heißt, ihnen wurde verziehen.

Hier in der Siedlung lernte mein Großvater seine zukünftige Frau, meine Großmutter, kennen. Während des Kriegs arbeitete sie im Hinterland. Sie heirateten, bekamen Kinder. Mir einem Wort, das Leben verbesserte sich. Doch der Krieg hinterließ unvergängliche Spuren im Leben meines Opas, er hatte eine schlechte Gesundheit und musste sich lange Zeit behandeln lassen. Die Mutter meines Großvaters starb bald, nachdem er zur Front ging. Die Ursache war ein Brief, in dem stand, dass ihr Sohn gefallen war. Es war nicht bekannt, dass er mit seiner Einheit gefangen genommen wurde, man dachte, dass er nicht mehr am Leben ist.

Viele Jahre arbeitete mein Großvater als Lastwagenfahrer, er lieferte Kalkstein vom Steinbruch zur Fabrik. Es war eine schwere Arbeit. Jetzt ist mein Opa 84 Jahre alt. Wir alle in der Familie freuen uns, dass wir ihn haben. Er kann sich noch in der Wohnung bewegen, aber nach draußen zu gehen ist für ihn schon schwer. Seine Rente ist, aus russischer Sicht, ziemlich gut, (ca.300 Euro), es ist mit Zuschuss für die Kriegsteilnahme. Andere Rentner bekommen wenig, ca.100 Euro, was kaum für Lebensmittel reicht. Die ganze Zeit liegt Opa im Bett und sieht fern. Seine Beine gehorchen ihm nicht, sein Gedächtnis ist schwach. Aber es ist eine Sünde, sich zu beschweren.

Das ist alles, was ich von unserem Großvater über den Krieg weiß. Ich schicke Ihnen ein Foto von ihm, das habe ich vor der Briefzusendung gemacht. Noch einmal danke ich Ihnen, Ihrem Verein und allen Mitgliedern im Namen unserer Familie. Ich betone noch, dass der Großvater nicht böse auf deutsche Soldaten ist, die nur ihr Pflicht erfüllten. Verzeihen Sie mir meine subjektive Meinungen über die Themen, die in diesem Brief vorkommen.

Mit besten Wünschen

Belajew A.E. und seine Familie.

P.S. Ich werde dieses Brief aus Moskau, wo ich mich derzeit befinde, schicken.

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