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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

124. Freitagsbrief (vom 10. November 2008, Übersetzung: Thea Andronikashvili).

Ich, Pawle (Vatersname Lawrentij), Gefangener in Deutschland in den Jahren 1942–45, bin Lehrer für Physik und Mathematik. Im August 1941, als ich in den Krieg berufen wurde, war ich im 4. Studienjahr. Gleich nach Ende des Krieges, im Dezember 1945 kehrte ich in die Heimat zurück, ohne jegliche Repressionen, und setzte mein Studium am Pädagogischen Institut Kutaisi fort. Im Anschluss fing ich an als Lehrer in einer Schule zu arbeiten. Meine Arbeit wurde vom Bildungsministerium anerkannt und 1952 wurde ich als ehrenhafter Lehrer befördert. Bis 1960 arbeitete ich im Dorf Shuchuti, dann zog ich in die Stadt Samtredia und setzte meine Arbeit in der 4. Mittelschule fort. Viele meiner Zöglinge sind heute ehrenhafte Vertreter der Wissenschaft – darauf bin ich sehr stolz. Z.Z. bin ich Rentner und wohne mit meiner Tochter im Dorf Ianeti, in Gurien (Westgeorgien).

Erinnerungen habe ich viele … Ich fange mit der ersten Zeit meiner Gefangenschaft an …

August des Jahres 1942 Dnepropetrowsk. Das Stadtgefängnis … Im Lager hatten die mit Deutschen verbündeten ukrainischen Nationalisten die Leitung übernommen. Vor diesem Gefängnis noch war ich kurz im Lager Starobelsk. Die Situation war unerträglich. Wir wurden geschlagen und gefoltert. Man hat uns wie die Tiere in den Fluss Donezk rein- und herausgejagt. Ausgehungert, verdurstet und geschwächt, kaum konnten wir uns aufrecht halten. Die Fliegen plagten uns. Dann kamen endlich Züge und wir wurden alle in Güterwagen gesteckt. Es gab ausnahmsweise Brot, 1,2 kg für zwei Personen. Es sollte nach Dnepropetrowsk gehen …

Nun, zurück dazu …Wie eine Herde wurden wir in den Hof des Gefängnisses rein geschmissen. Man hat uns wie Aussätzige behandelt. So vegetierten wir dahin die ganzen zwei Wochen – keiner durfte sich auf den Boden legen, nur im Stehen. Nass, barfuss. Manch einer hatte einen Rucksack und versuchte sich wenigstens damit zu wärmen. Die anderen schmiegten sich aneinander und bildeten abwechselnd enge Kreise, um etwas Wärme zu halten. Obwohl es im Gebäude genügend freie Räume gab. Zu essen bekam wir allerdings zweimal am Tag, 0,6 l „Balanda“ (flüssigen Brei aus Korn und Mehl). Uns „beschützte“ der besagte ukrainische Konvoi.

Endlich brachte man uns in die Häuser, immer in kleinen Gruppen. 20 Gefangene wurden von einem deutsch sprechenden Konvoi abgeholt, um Reinigungsarbeiten an den Eisenbahngleisen durchzuführen. Wie es sich herausstellte, wurden zwei Wagen mit Proviant (Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch) erwartet. Jeder von uns Arbeitern bekam etwas davon, jeweils ca. 1 kg. Die Aufsicht des Gefängnisses aber nahm uns unsere Geschenke wieder weg. So war das in den nächsten Tagen wieder. Es kam zum verbalen Streit, die Aufseher schlugen zu, brutal und mit allen Mitteln. Es floss viel Blut. Endlich mischte sich der Hauptaufseher ein und versuchte die Gewalt zu stoppen. Die schuldigen „Gefängnispolizisten“ behaupteten , wir würden einen Fluchtplan aushecken. Letztendlich wurden keine Beweismittel gefunden und man hat uns in Ruhe gelassen.

Ein paar Tage später sammelten die Aufseher 150 Gefangene und brachten uns zum Flughafen der Stadt. Dort mussten wir im Steinbruch schwere körperliche Arbeit verrichten. So kraftlos und schwach wie wir waren, ging es natürlich kaum noch, Aufgaben vernünftig zu erledigen. Ich sollte eine Karre voll mit Baumaterial von A nach B schieben und bin dabei ein paar Mal umgefallen. Ein polnischer Aufseher stürzte sich auf mich und schlug mich so lange mit dem Griff eines Riesenhammers überall am Körper, bis sich sein Kollege irgendwann erbarmte und ihn mit Gewalt wegzog. Abends erreichten wir unser Lager, in dem wir auf dem kalten Boden im Freien schliefen, zumindest war es überdacht.

Eine positive Erinnerung aus den Tagen gibt es allerdings noch …

An einem Morgen wurden wir wie üblich von einem Konvoi abgeholt, jedoch waren es weder Ukrainer, noch Polen, sondern Jugendliche der s.g. „Hitlerjugend“, die uns zur Arbeitsstelle brachten. Während der Pause sah ich, dass paar von den Jungs irgendwelche Rechenaufgaben machten. Ich wagte es näher zu kommen und hörte, wie sie über die Beispiele der Höheren Mathematik diskutierten. Ich bot ihnen meine Hilfe an, sie gaben mir sofort den Zettel und warteten ab. Nach wenigen Minuten gab ich den Jungs die gelösten Integrale zurück. Die Verwunderung war groß, sie sagten nur „Mensch, Mensch“ die ganze Zeit und hatten Mitleid. Einer wühlte sofort in seinem Rucksack und holte eine halbe Stulle raus. Er versprach mir am nächsten Tag eine ganze mitzubringen. Zufrieden und glücklich, voll mit Vorfreude wartete ich auf „Morgen“. Ich organisierte etwas Papier (die Etiketten der Zementsäcke) und schrieb alle Formeln, an die ich mich erinnern konnte und die auf den Zettel passten, nieder. Wieder waren meine Freunde begeistert … So ging es noch zwei Tage, aber sehr bald wurden die „Kinder“ nach Stalingrad in den Krieg geschickt und ich sah sie nie wieder.

Auch wir wurden nach einer Weile wieder in die Güterwagen verfrachtet und nach Deutschland transportiert. Auch dort sollten viele schreckliche Tage auf uns warten, allerdings gab es hin und wieder ein paar Sonnenstrahlen. Ich werde es nie vergessen, wie eine hübsche deutsche Frau, die uns jeden Tag auf unserem Weg zur Arbeit beobachtete, immer wieder etwas Essbares zauberte. Mal legte sie uns eine Wassermelone direkt auf die Straße, mal gekochte Kartoffeln im Beutel am Zaun, oder auch ein Stück trockenes Brot. Gott sei Dank, es gibt auch diese Menschen auf der Welt. (…)

Zu erzählen habe ich noch sehr viel …

Wenn Sie erlauben, berichte ich Ihnen ein anderes Mal weiter.

Herzlichen Gruß aus Samtredia,

P.L. Schengelija.

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