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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

123. Freitagsbrief (vom 26. Juli 2008, Übersetzer: Eduard Luft).

Russland
Orenburg
Wladimir Nikonorowitsch Nikiforow.

Bevor ich meinen Brief anfange, möchte ich Sie im Voraus um Verzeihung bitten. Ich bin ein Mensch, der nur wenig Bildung besitzt; meine Schulbesuchszeit beläuft sich auf nicht mehr als drei Jahre. Und so schreibe ich auch sehr fehlerhaft. Aber ich hoffe, dass Sie alle gebildete Menschen sind. Und dass Sie mich aufgrund dessen gut verstehen werden. (…)

Wir sind einander nicht bekannt. Erlauben Sie mir dennoch, Sie herzlich zu grüßen und Ihnen persönlich alles Gute zu wünschen. Allem voran eine kräftige Gesundheit und ein langes Leben. (…) Wir haben Ihren Brief und das Geld erhalten, wofür wir Ihnen großen Dank schulden.

Und dann hatten Sie noch darum gebeten, dass ich Ihnen von meinem Leben berichte. Nun, vor Ausbruch des Krieges habe ich gerade in Kiew meinen Wehrdienst abgeleistet. Unsere Kasernen waren unter den ersten Zielen der fallenden Bomben; nur gut, dass wir uns zu dieser Zeit im Sommerlager zu Wehrübungen aufhielten. So blieben wir unversehrt. Nach dem Bombardement hat uns der Befehlshaber der Einheit verkündet, dass Hitler den Krieg erklärt habe. Und wenig später gingen wir bereits daran, die ganze Militärtechnik in die Waggons zu verladen. Am 23. Juni dann verließen wir Kiew und brachen in der Nacht in Richtung Front auf.

Schon am 25. Juni haben wir dann unser erstes Gefecht angenommen. Ich war als Fahrer eingeteilt und habe unter ständigem Bombardement und Fliegerbeschuss Munition an die vordersten Linien gebracht. Diese Kämpfe dauerten bis zum 8. Juli an, dann hat uns der Deutsche eingekesselt und gefangen genommen. Das war an den Zugängen zur Stadt Rowno (heute ukr. Riwne, Anm. d. Ü.).

Danach, eine Woche war vergangen, hat man uns in Richtung Deutschland abtransportiert. Drei Tage und drei Nächte waren wir unterwegs, es stand eine große Hitze, doch man hat uns weder zu trinken noch zu essen gegeben. Man brachte uns in die Stadt Neubrandenburg, und hier hat man uns dann ein herzliches Willkommen bereitet. Den ganzen Weg vom Bahnhof bis zum Gefangenenlager waren zu beiden Seiten Wachmannschaften aufgestellt, die hatten sogar Hunde dabei. Man hieß uns in drei Reihen aufstellen, dann hieß es „Los!“ und wir setzten uns in Bewegung. Kaum hatten wir jenes Spalier erreicht, da begannen die Soldaten auch schon, uns auf ihre Weise zu begrüßen – der eine mit dem Seitengewehr, der andere mit dem Kolben, der dritte einfach mit der Faust, manch einer hetzte auch seinen Hund auf uns. Wir wagten nicht daran zu denken, wie wir das Lager erreichen sollten; viele wurden an diesem Tag zu Tode geprügelt.

Später schickte man uns zum Bau einer Eisenbahnverbindung. In welcher Stadt das war weiß ich nicht mehr, jedenfalls war das Essen hier noch schlechter: Steckrübensuppe ohne Fette und 200 Gramm Brot. An freien Tagen gab es überhaupt keine Verpflegung. Es setzte ein massenhaftes Sterben ein. Irgendwann begannen vereinzelt Bauern aufzukreuzen und man ging daran, uns in Gruppen an sie zu verleihen. Ich und einige andere kamen zu einem Franz Hagen aus dem Verwaltungsbezirk Rehna, Gemeinde Wedendorf. Hier bei ihm haben wir langsam angefangen, zu Kräften zu kommen. Das Essen war nicht besonders gut, aber im Vergleich zum Lager erträglich. Hinzu kam, dass wir gelernt hatten zu klauen. Der eine stibitzte Kartoffeln, der andere Steckrüben oder rote Bete: alles ging dem Magen als Nachschlag zu. In den vier Jahren dort musste jedenfalls keiner an Hunger sterben.

Im Sommer haben wir Feldarbeiten verrichten müssen, die Winter über arbeiteten wir im Wald. Befreit haben uns die Amerikaner, das war am 8. Mai 1945. Drei Tage nach der Befreiung stellten sie uns Fahrzeuge bereit und übergaben uns den sowjetischen Streitkräften. Wir kamen in die Stadt Teterow und wurden dort erneut vereidigt, worauf wir wieder den Dienst an unserer Heimat antraten. Im Februar 1946 verließen wir Deutschland. Die restliche Zeit habe ich dann in Russland gedient. Am 26. Mai 1946 wurde ich demobilisiert und kehrte in das Dorf zurück, in dem ich geboren wurde. In diesem Dorf lebte ich bis zum 2. Juni des Jahres 2000. Dann zog ich zu meinen Kindern nach Orenburg um, denn sie leben bei mir alle in Orenburg. (…)

Doch nun erlauben Sie mir, zum Ende zu kommen. (…) Hier ist ein kleines Gedicht, das meine Wünsche an Sie ausdrücken soll:

Möge in euren Heimen Frieden herrschen,
Das Herz stets schlagen in der Brust,
Und euer Glück, das soll auf immer
Erfüllen euch mit Lebenslust.
Das Leid soll euren Weg nicht kreuzen,
Das Unheil meiden euer Haus.
Ich wünsche euch ein freudig' Leben,
Gesundheit noch – jahrein, jahraus.

Nikiforow W. I.

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