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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

122. Freitagsbrief (erhalten am 20.10.2008, Übersetzung: Victoria Rau).

Belarus
Gebiet Minsk
Bezirk Molodetschnenskij
Michail Borisowitsch Abramowitsch.

Sehr geehrter Eberhard, Dmitri, sehr geehrte Sibylle!

Ich bedanke mich beim ganzen Team des Vereins „Kontakte“ für Ihre Geburtstagsgratulation. Im September bin ich 86 Jahre alt geworden, fast vier Jahre davon war ich in Deutschland in Gefangenschaft. Ende des Krieges versuchten wir mit einem Freund aus der Gefangenschaft zu fliehen. Wir wurden erwischt und in ein Hamburger Gefängnis gesetzt. Anfang Mai 1945 haben mich englische Soldaten befreit. Man trug mich auf einer Trage, ich hatte keine Kraft, selber zu gehen. Engländer versorgten mich mit medizinischer Hilfe, maßen mich und im Juli 1945 übergaben sie mich der Roten Armee. Ab Juli 1945 bis Dezember 1946 diente ich in der Armee auf Deutschlands Territorium. Nach dem Militärdienst kam ich in meine Heimat zurück. Das Dorf Seliba im Gebiet Mogilew, wo vor dem Krieg meine Familie wohnte, war abgebrannt. Dasselbe Schicksal hatten auch benachbarte Dörfer. Dorfbewohner, die in eine Streife geraten waren, wurden in eine Scheune ins Dorf Gorodez getrieben und dort bei lebendigem Leib verbrannt. Unter ihnen waren auch meine Mutter, meine Großmutter und die kleine Nichte. Mein älterer Bruder Ivan ist im Krieg gefallen. Mein jüngerer Bruder Wladimir (geb. 1927) wurde nach Deutschland getrieben, wo er in einem Werk arbeitete. Er hat überlebt und kam nach Hause. Zwei meiner älteren Schwestern sind Witwen geworden, ihre Männer sind gefallen. Wegen der schweren Lebensbedingungen und Krankheiten starben meine Nichten im Alter von ein und vier Jahren.

So schritt der Krieg über meine Familie, und wir haben viele solcher Familien in unserem Land. Man musste ein neues Leben anfangen. Vor dem Krieg absolvierte ich eine Mittelstufen-Schule, 1947 wurde ich in die Mogilewer Pädagogische Fachhochschule eingeschrieben, in die Geografische Fakultät. 1952 war mein Studium zu Ende. Ich heiratete Tschitschkina Ljudmila Michajlowna, die die Philologische Fakultät absolvierte. Wir wurden in die Polotschansker Schule zur Arbeit verwiesen und arbeiteten dort bis zur Rente. Ich war Lehrer, dann Stellvertreter im Bereich Lernprozess. Wir haben zwei Töchter großgezogen. Meine Frau ist im Jahre 2000 gestorben. Ich lebe im Dorf Polotschany alleine. Unser Haus besteht aus 4 Wohnungen, es ist eine ehemalige Schule zu Wohnungen umgebaut worden, ohne Bequemlichkeiten.

Meine ältere Tochter Swetlana arbeitet in der Stadt Molodetschno, samstags fährt sie zu mir, bringt alles Notwendige mit, macht sauber, wäschst die Wäsche. Auch Nachbarn sind aufmerksam zu mir. Die jüngere Tochter Tatjana wohnt in Russland im Gebiet Murmansk. Sie kommt jedes Jahr im Urlaub.

Ich bin dankbar, dass es in Deutschland Menschen gibt, denen die Schicksale ehemaliger Kriegsgefangener nicht gleichgültig sind. Nur schade, dass aus der Tragödie, die unsere Völker erlebt hatten, keine Schlussfolgerungen gezogen wurden. Ich wünsche Ihnen Erfolg in Ihrer Arbeit. Je mehr nicht gleichgültige Menschen es gibt, mit umso mehr Optimismus können wir in Zukunft schauen.

Ich schicke Ihnen ein Foto von meiner Familie. Auf dem Foto können Sie meine Töchter, Enkelin und mich sehen.

Mit Respekt

Abramowitsch Michail Borisowitsch

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