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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

121. Freitagsbrief (25. September 2008, Übersetzung: Martin Creutzburg).

Russland
Orenburg
Wladimir Nikonorowitsch Nikiforow.

Guten Tag sehr geehrte Herren Dmitri Stratievski und Eberhard Radczuweit.

Ich erhielt voller Freude Ihren Brief , habe ihn gelesen und daraus entnommen, dass mein Brief Ihnen gefallen hat und Sie sich bei mir mit großer Achtung bedankt haben, dafür bedanke ich mich auch ganz herzlich. Sie schreiben mir, dass ich Ihnen mehr über die guten und schlechten Dinge und Menschen schreiben soll. So schreibe ich Ihnen zunächst über die schlechten und dann über die guten Dinge. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo in der Ukraine unweit irgendeiner Stadt befand sich unser Lager, das man Todeslager nennen kann.

Wir wurden sehr schlecht versorgt. Eines Tages nahm der Wachmann einige Soldaten und ging für uns Verpflegung holen. Als sie mit der Verpflegung kamen, lag auf der Zeltbahn Brot und ein Eimer mit Marmelade, ein Soldat konnte sich vor Hunger nicht beherrschen und nahm mit der Hand Marmelade und aß sie auf. Dafür hat man ihn nicht hingerichtet, sondern am Ausgangstor mit dem Rücken im Stacheldraht gekreuzigt. Dort hing er bis er tot war. Erst als er nach Verwesung stank, hat man ihn abgenommen. Eine noch üblere Begebenheit. Einige Kameraden verloren vor Hunger das Bewusstsein, man hat die Bäuche der Leichen aufgeschnitten und die Leber herausgenommen und roh gegessen.

Ein dritter Vorfall. Wir beschlossen, aus dem Lager zu fliehen. So oder so stirbt man vor Hunger. Die ersten Kameraden schnitten den Draht auf, und einige Kameraden liefen davon. Dann bemerkte das die Wachmannschaft und eröffnete das Feuer und tötete viele Kameraden. Am Tage bin ich hingegangen und habe die Toten gezählt. Es lagen dort 52 Leichen auf unserer Seite. Und auch auf der anderen Seite hinter dem Stacheldraht lagen viele Leichen, weiß nicht wie viele. Das ist eine Ergänzung zum ersten Brief. Ich schreibe das, was ich selbst erlebt und gesehen habe. Ich blieb nur am Leben, weil ich von geringem Wuchs bin, ein Meter 60. Mein Magen war schon früher an den Hunger gewöhnt. Die Jahre 1933/34 haben wir vor Hunger Gras gegessen. Es starben vor allem die intelligenteren und groß gewachsenen Burschen. Einige haben weißen Ton gegessen, wonach sie an Verstopfung gestorben sind.

Jetzt schreibe ich Ihnen, wie ich Franz kränkte. Franz zwang uns, Gräben auszuheben und Rohre zu verlegen, um Tiere mit Wasser zu versorgen. Die Tiere heißen auf russisch Nutria. Unter uns war ein kranker Kamerad, der etwas unter Krampfanfällen litt. Er arbeitete nur langsam und Franz hat ihn geschlagen. Ich sagte zu ihm auf deutsch, sicher schlecht, aber er hat mich verstanden: „Warum schlägst du ihn, er ist krank.“ Franz sagte zu mir, „du russisches Schwein willst mich lehren, wen ich schlagen oder nicht schlagen soll, ich werde dich morgen ins KZ schicken.“ Der Herrgott hat verhindert, dass ich ins KZ kam. Unsere Truppen kamen von Osten und die amerikanischen von Westen und er verschwand nach Amerika, verließ seine Wirtschaft.

Des weiteren haben Sie gebeten, etwas über gute Menschen zu schreiben.

Franz kam in 4 Jahren kein einziges Mal zu uns. Seine Wirtschaft führte ein Mitarbeiter, man nannte ihn Inspektor, er hatte einen Helfer. Leider kann ich mich an ihre Namen nicht erinnern, ich will nur sagen, dass sie uns in den vier Jahren nicht gekränkt und geschlagen haben. Auch die Bewacher haben uns nicht gekränkt, sie haben uns auch nicht verhöhnt. An einige Namen kann ich mich erinnern. Strickert, Maisne, Busch. Einer ist mit uns zusammen sogar Äpfel stehlen gegangen. Öffnete nachts das Lager und sagte: „Los, gehen wir Äpfel klauen.“ Sammelte Äpfel, machte ein Paket und schickte sie nach Hause.

Was die Zivilbevölkerung betrifft, würde ich sagen, dass 70% gute Menschen waren, 30% Hitleranhänger, die das deutsche Volk einschüchterten und die Russen vernichteten. So erzähle ich Ihnen eine Begebenheit, die sich in der Stadt Teterow ereignete. Ich patrouillierte durch die Stadt, am Stadtrand kommt mir langsam eine Frau entgegen, sagt guten Tag auf russisch, ich antworte guten Tag. Etwa 60 m entfernt steht eine um die 30 Jahre alte Frau. Vor ihr ein Häufchen frischer Erde. Die Frau sagt zu mir auf russisch, wissen Sie was für eine Frau da steht, ich antworte, weiß ich nicht. Sie hat ihr Kind erstochen und vor dem Fenster ihres Hauses begraben. Ich frage, warum hat sie das gemacht? „Weil man uns alle erschreckt hat. Die Russen kommen und werden alle hinrichten. So hat sie beschlossen, ihr Kind zu töten, damit man es nicht wird quälen können. Jetzt hat sie gesehen, dass sie uns nicht gefasst haben und unsere Kinder laufen herum und spielen, nun steht sie vor dem Grab und weint Tag und Nacht.“ So hatte man das deutsche Volk erschreckt. Und Sie fragen, wie hat sich das deutsche Volk zu uns verhalten? Es fürchtete sich, sich mit uns zu unterhalten. Sie glaubten an die Hitlerpropaganda. Nun noch eine Begebenheit.

Als die Deutschen den Rückzug begannen, hing fast an jedem Telefonmast einer unserer gefangenen Soldaten. Einige wurden sogar mit den Köpfen nach unten an den Beinen aufgehängt. Die Hitlerfaschisten haben Angst und Schrecken vor den russischen Truppen verbreitet. Aber die russische Seele hat keinerlei Schrecken gekannt. Sie hat das gemacht, was die Heimat verlangte. Und sie hat ihr Ziel erreicht, den Hitlerfaschismus besiegt und den schrecklichen Feind vernichtet, und ein Lied angestimmt.

„Ach du Frontweg, wir fürchten keine Bombardierung, zum Sterben ist es noch zu früh, wir müssen den Feind erledigen.“

Das ist ein Lied der russischen Seele. Sie schreiben, dass wir mitteilen sollen, was uns interessiert. Gegenwärtig interessiert uns überhaupt nichts. Wir denken nur an den morgigen Tag. Wie wir ihn erreichen und wie wir ihn überstehen. Die Nacht ging vorbei, wir stehen morgens auf, beten zu Gott und sagen Gott sei Dank, die Nacht ist vorbei und wir sind noch am Leben. Der Tag vergeht, wir legen uns schlafen und beten wieder und danken Gott. Der Tag verging und ich bin noch am Leben. Das ist unser Interesse am Leben, wir haben jetzt für das Leben keinerlei Bedeutung, wir singen zu unserer Gitarre und weinen.

Die 300 Euro habe ich am 17. Juni erhalten. Großen Dank. Schreiben Sie über Ihre Erfolge und Pläne.

Sehr geehrte Herren Dmitri Stratievski und Eberhard Radczuweit, ich danke Ihnen sehr, dass Sie meinen Brief so gelobt haben und dafür, dass sie mir und meinen engsten Verwandten Glück und Gesundheit gewünscht haben. Bleiben auch Sie glücklich und gesund und niemals krank. (…) Nun gestatten Sie mir zu schließen, alles woran ich mich erinnern konnte, habe ich geschrieben. Das Schreiben war sehr schwer für mich. Sich an die grausamen Erlebnisse zu erinnern. Verzeihen Sie, dass ich so stümperhaft geschrieben habe.

Wäre ich gebildeter, würde ich aus meinen Erzählungen drei Bücher für Russland machen. Meine geringe Bildung hindert mich daran. Das erste Buch würde ich betiteln – Er war Zeuge, mit meinem Portrait auf dem Titelblatt, das zweite Buch – Der Leidensweg, das dritte – Frontwege. Ich schicke Ihnen ein Foto von mir als Zeuge aller Erzählungen. Ich gehe davon aus, dass Sie mit der Zeit Bücher schreiben werden und Sie mein Foto brauchen werden.

Beste Gesundheit wünsche ich Euch Teuren!

Am 4. Oktober werde ich 89 Jahre alt.

Nikiforow W. N.

Ich habe vergessen, wohin Hitler mit seinem Nest verschwunden ist. Ihr Geld habe ich erhalten, vielen Dank.

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