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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

120. Freitagsbrief (vom 20. Oktober 2008, Übersetzung: Gesine Reinwarth).

Abteilung für Dauerpflege
Kreis Klimowitsch
Gebiet Mogilew
Haus „Weliki moch“
Belarus
Alexander Iwanowitsch Dubrowski.

Guten Tag, Herrschaften!

Im Namen von Alexander Iwanowitsch Dubrowski antworte ich auf Ihre Briefe. Ich bin Ludmilla Grigorjewna Pukilo, Leiterin der Abteilung für Dauerpflege für Menschen höheren Alters und Invaliden. Herr Dubrowski lebt schon seit 4 Jahren bei uns im Seniorenheim. Als ich ihm die Briefe vorlas, musste ich die Tränen zurück halten, den Kloß in der Kehle verschlucken, ich hätte zu weinen angefangen. Und als ich die Augen hob, da sah ich dass Alexander Iwanowitsch die Tränen über die Wangen laufen. Er weinte lautlos, presste die Lippen zusammen. Zwei Tage ging er schweigend und nachdenklich umher. Von dem Geld hat er überhaupt nicht gesprochen. Dann sagte ich zu ihm, dass man das Geld von der Bank abholen müsste. Er sagte: „Holen Sie es selbst.“ 2007 brachte man ihn nach Mogilew zu einer Operation zum Austausch einer Augenlinse. Er hat auf beiden Augen grauen Star. Mit einem Auge kann er jetzt wieder sehen. Im Sommer wird das zweite Auge operiert.

Seine Gesundheit ist gut für sein Alter, aber der Schmerz in der Seele ist geblieben. Ich sagte, dass ich einen Antwortbrief schreiben werde an „Kontakty“. „Was soll ich schreiben?“ „Schreiben Sie, was Sie wissen“, antwortete Alexander Iwanowitsch.

Verstehen Sie, das Herz ist den Menschen verbittert.

Ihre warmen, freundlichen Worte aus dem Brief tauten das Eis in seinem Herzen zeitweilig auf. Es flossen heiße Tränen der Erleichterung. Ja, der Krieg verbitterte die Herzen der Menschen, die diese Hölle durchliefen, und es sind schon so viele Jahre vergangen! Alexander Iwanowitsch weinte als Antwort auf die Bitte um Verzeihung (ja, bis jetzt hatte sich noch niemand bei ihm für die durchgemachten Leiden entschuldigt!), das heißt, er ist bereit zu verzeihen und nicht an das Böse zu denken.

Das Leben seiner Familie gestaltete sich schwer. Ich weiß nicht, welche Rolle der Krieg dabei spielte. Er hatte eine Frau und zwei Söhne. In ihm war so viel Wut: er kränkte und schlug seine Frau und die Kinder. Als die Frau starb, zog der ältere Sohn nach Russland, der jüngere blieb beim Vater, jedoch nicht lange. Nach einem weiteren Streit mit dem Vater erhängte er sich. Herr Dubrowski blieb allein, begann zu trinken. Er wurde ins Seniorenheim eingewiesen. Der ältere Sohn hat ihn zwei Mal besucht. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist schlecht.

Dubrowski hat Lebenswillen. Bei Gesprächen mit den Leuten erinnert er sich an den Krieg, die Zeit nach dem Krieg war auch nicht leicht. Über Deutschland spricht er nur Gutes. Kriegsende – keine Faschisten mehr, überall friedliche Deutsche. Sie gaben ihm Kleidung, zu essen. Er erinnert sich an Sätze auf deutsch, denkt an die, die mit ihm in Gefangenschaft waren – Menschen verschiedener Nationalität. Er hat viel erlebt, viel gesehen, es gibt etwas, an das man sich erinnern und worüber man erzählen kann. Enkel hat der Herr ihm nicht gegeben. Sie würden sich für ihn entschuldigen … Ja, man kann nicht vergessen, man muss sich erinnern! Doch vergeben muss man und nicht neues Leid hervorrufen!!!

Vergeben heißt das Böse aufzulösen. In unserer Einrichtung leben 40 Menschen. Drei von ihnen waren Kriegsteilnehmer. Sie sind schon alt: Jahrgang 1917, 1922 und 1926. Zwei von ihnen waren während des Krieges in Deutschland. Die übrigen sind einfach einsame Menschen: Großmütter, denen der Krieg damals den Bräutigam nahm, Großväter, die ohne Familie blieben. Jetzt leben sie so ihre Zeit, und unserer Staat kümmert sich um sie. Für sie alle ist der wichtigste Feiertag der 9. Mai, der Tag des Sieges. Wenn man jeden von ihnen fragen würde, was das Schlimmste in ihrem Leben war, würden sie antworten: „Der Krieg!“ So etwas darf sich niemals wiederholen. Unter keinen Umständen.

PS. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich vielleicht nicht richtig ausgedrückt habe, aber ich musste doch auf Ihre Briefe antworten. Ich las sie gemeinsam mit Herrn Dubrowski und durchlebte sie auch (nicht nur einmal) gemeinsam mit ihm. Ich wünsche Ihnen Erfolg bei der Arbeit Ihrer Gesellschaft, Gesundheit und Wohlergehen für alle friedlichen Menschen auf diesem Planeten.

L.G. Pukilo.

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