Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

117. Freitagsbrief (vom 12. Mai 2008, Übersetzung: Eduard Luft).

Russland
Woronesh
Wasilij Kuzmitsch Gotowzew.

Antwortschreiben.

Sehr geehrte Vertreter des Vereins wie auch des gesamten deutschen Volkes, ich wünsche Ihnen allen das Allerbeste und, was am wichtigsten ist, eine gute Gesundheit!

Mein Name ist Wasilij Kuzmitsch, geboren wurde ich am 29. September 1921 in der Siedlung Podkletnoje, gelegen im Bezirk Semilukskij, Gebiet Woronesh. Meine Familie bestand aus unserem Vater, Kuzma Michajlowitsch, der Mutter Uljana Matwejewna und den Kindern Maksim, Wasilij, Iwan, Jewdokija und Maria.

Doch nun zu meinen Erlebnissen: Nach dem Abschluss der siebenjährigen Allgemeinschule habe ich in eineinhalb Jahren das Eisenbahner-Technikum absolviert, dann folgten drei Monate an einem pädagogischen Institut. Danach hat man mich an der Berufsschule (offenbar ist eine Offiziersschule gemeint – Anm. d. Ü.) aufgenommen, welche ich im Rang eines Leutnants abgeschlossen habe. Am 22. Juni 1941 setzte schließlich das Durcheinander ein, das für mich in der Gefangenschaft endete, in der ich mich vom 27.08.1941 bis zum 1. Mai 1945 befand.

Die Gefangenschaft fristete ich zunächst, vom 27.08.1941 bis zum 12.03.1942, auf eigenem, nunmehr okkupiertem Territorium; danach auf rumänischem Staatsgebiet in der Nähe der Stadt Jassy. Darauf folgte einige Zeit in Österreich, dann die Verlegung nach Hammelburg. (Stalag XIII-C) Die Zeit vom 02.06.1942 bis zum 01.05.1945 schließlich verbrachte ich bei Obertraubling, in einem Lager für Kriegsgefangene. Dort war ich einem Arbeitskommando zugeteilt und arbeitete in einem Messerschmidt-Werk als Lackierer. Befreit worden bin ich durch die Verbände unserer Verbündeten, das war am 01.05.1945.

Wenn man es jedoch genau nimmt, dann haben wir, die Kriegsgefangenen, uns damals selbst befreit. Das Werk war gerade von den Amerikanern bombardiert worden – ich muss dazu sagen, dass wir in einem Waldstück gewohnt haben, dort befand sich auch eine Fertigungshalle des Werkes – und man hat uns nach diesem Bombenangriff aus dem Lager geführt und trieb uns in die Richtung eines bei München gelegenen Konzentrationslagers. Noch bevor wir die Trasse erreichten, die von München nach Berlin führte, etwa eineinhalb oder auch zwei Kilometer davor, hießen sie aber den Treck haltmachen und brachten uns in einer Scheune bei einem Bauern (dt. mit kyril. Buchstaben – Anm. d. Ü.) unter, d.h. also bei einem Landwirt. Und uns wurde verboten, die Scheune zu verlassen, denn gerade zu dieser Zeit waren in der Gegend die Verbände der SS auf dem Rückzug. Ihnen waren amerikanische Einheiten auf den Fersen und irgendwann konnten wir aus der Scheune sehen, dass die SS-Verbände bereits passiert hatten und dass es nun die Verbündeten waren, die sich auf der Straße fortbewegten. Und dann, am Morgen des 1. Mai, haben wir den Begleitmannschaften eigenhändig die Gewehre abgenommen und waren somit frei: jeder konnte gehen, wohin er wollte.

Kurz, am 1. Mai waren wir frei, und wir traten in kleinen Gruppen zu 15 oder 20 Mann unseren Weg an, bis wir in irgendeinem Städtchen anlangten und in einer Schule Obdach suchten. Es war in dieser Schule, da erhob sich irgendwoher ein Leutnant, und er begann damit, Leute um sich zu scharen, die in Freiheit gelangt waren. Derselbe Leutnant ist später mit drei Lastwagen aufgetaucht und brachte uns nach Dresden, danach von Dresden aus nach (schwer zu entziffern; möglicherw. Nossen bei Dresden – Anm. d. Ü.). Und von Nossen aus hat man uns dann in Eisenbahnwaggons bis nach Welikije Luki befördert, wo damals die 1. Gorki-Division stationiert war. Hier wurde ich durch die Filtration geschleust und man händigte mir Dokumente aus, worauf ich mich in Richtung meiner Heimatstadt Woronesch aufmachte (wo ich einst aufgebrochen war, dorthin kam ich nun auch zurück).

Als ich in Woronesch ankam, war es Winter, Januar. Ich lief aus dem Bahnhofsgebäude und konnte erst nicht verstehen, welchen Weg ich zu nehmen hatte, denn um mich herum sah ich nur Trümmer und Haufen von Schnee. Schließlich fand ich aber zu unserem Haus, d.h. dem Platz, wo es gestanden hatte, denn allein der Ofen war unbeschädigt geblieben. Allerdings hatte mein Vater zusammen mit den Verbliebenen, meiner Mutter und den Töchtern Ewdokia und Maria, das Haus wiederaufgebaut (so notdürftig, dass es diesen Namen kaum noch verdiente). Mein Bruder Maksim war bei Kingissep gefallen. Mein Bruder Iwan fiel bei Smolensk.

Und so begann ich, nachdem ich meine Dokumente erhalten hatte, mich nach einer Arbeit umzusehen. Ich bekam vielerlei Angebote, aber es war alles nicht meine Kragenweite, wie man so sagt. Am Ende fand ich eine Stelle in der Fabrik Nr. 17, als Lehrling in der Reparatur von Leistungstransformatoren. Nachdem ich deren Funktionsweise in nur einem halben Monat verinnerlicht hatte, wurde ich zu den städtischen Stromwerken versetzt, wo ich fast 2,5 Jahre gearbeitet habe, solange, bis ich sämtliche Transformatoren wieder instand gesetzt hatte. Anschließend kam ich wieder zu meiner Fabrik Nr. 17.

Bis 1965 habe ich bei Severnyje Seti (zu dt. etwa „Nordstrom“ Anm. d. Ü.) gearbeitet; 1993 ging ich altersbedingt in Rente. Meine Gesundheit ist heute erstaunlich gut, und das, obwohl ich zwei Operationen hinter mir habe. In der Gefangenschaft habe ich Mancherlei erlebt, habe Hunger und Kälte gelitten, doch am Ende irgendwie überlebt. Alles hat es gegeben damals; in verschiedenen Konzentrationslagern bin ich gewesen und habe alles durchgemacht, das Gute wie auch das Furchtbare. Ich möchte davon nicht wieder anfangen.

An dem Ort, wo ich zuletzt gewesen bin, also im Messerschmidt-Werk, haben sich die deutschen Arbeiter uns gegenüber anständig verhalten, vor allem die Frauen, die mit uns zusammen dieser gesundheitsschädigenden Tätigkeit, nämlich der des Lackierens, nachgingen. Denn die Farben waren äußerst ätzend; ganz besonders schwer war es, im Innern der Tragflächen eines Flugzeugs zu arbeiten.

Damit schließe ich meinen Bericht. Ich habe vieles gesehen und erlebt, doch des Schlechten mehr als des Guten.

Ihr geschätzten Deutschen, ich bitte um Vergebung, falls ich etwas nicht so gesagt haben sollte, wie es richtig gewesen wäre. Ich danke euch allen, ich danke all den einfachen Menschen in Deutschland. Ich wünsche euch alles Gute und vor allem eine kräftige Gesundheit.

[Unterschrift] 05.05.2008.

[P.S.:].

Ich bitte um Verzeihung – fast hätte ich vergessen, für die mir übermittelte Hilfe zu danken. Das Geld habe ich ohne jedwede Schwierigkeiten bekommen. Vielen Dank dafür.

Hochachtungsvoll,

Wasilij Kuzmitsch.

[Unterschrift].

[P.S.S.:].

Am 8. Mai habe ich in meinem Betrieb den Tag des Sieges gefeiert, man hat uns, die einstigen Kriegsteilnehmer, beglückwünscht und es wurde ein reicher Tisch gedeckt. Am Ende sind alle mit der Feier zufrieden geblieben.

Ich möchte auch Sie und die ganze deutsche Nation anlässlich des Jahrestags des Kriegsendes grüßen. Ich wünsche Ihnen und allen deutschen Menschen Gesundheit, gute Gesundheit und auch sonst das Allerbeste. Möge es nie wieder Krieg geben! Ich bin Ihrem Volk zugeneigt, denn es ist sehr respektabel und tüchtig.

Anbei schicke ich Ihnen mein Bild sowie eins von mir und meiner Frau Maria Dmitrijewna.

Sehen Sie es mir nach, falls etwas sein sollte: ich kränkel etwas und bin zudem recht aufgeregt.

[Unterschrift] 12.05.2008.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.