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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

116. Freitagsbrief (vom August 2008, Übersetzung: Viktoria Rau).

Mehrere ehemalige Kriegsgefangene geben in Fortsetzungen ausführlich ihre Erinnerungen preis. Hier veröffentlichen wir den letzten Brief von Herrn Petrow.

Dmitrij Iwanowitsch Petrow
Orenburg / Russland

Petrow, 4. Brief

22 August, Freitag..

Im vorigen Brief sind wir bis zum sommerlichen Stalag (316 / 366) bei der Stadt Sieldce, Polen, gekommen. Der Sergeant bringt mich mit Zimin in großen französischen Zelten unter, er in eins, ich in das andere, also wurden wir getrennt.

Das Essen hier war schlecht. Zum Frühstuck bekamen wir eine Suppe, fast immer war es Erbsensuppe, ein Eimer für 10 Personen. Unten ein bisschen Erbsen, oben nur Hülsen, das dünnflüssige Gemisch wurde in Ein-Liter Konservendosen gegossen, die Hülse teilte mal löffelweise aus. Um 14 Uhr war Mittagessen. Wir bekamen einen Eimer „Kaffee“ aus klein geschnittenen Roten Beten. Den flüssigen Teil goss man uns in dieselbe Dose, und die Roten Bete verteilte ein Offizier mit einem Löffel, manchmal bekam jeder zwei Löffel,, manchmal sogar drei. Wir bekamen zu diesem „Kaffee“ auch gutes sauberes Brot, ein Laib wog 800 Gramm und wurde für vier Personen aufgeteilt, das heißt 200 g für jeden. Zum Abendessen war wieder Erbsensuppe, wieder teilte man löffelweise den Hülsenbrei auf.

Manchmal bekamen wir gar kein Brot, man sagte „nicht angekommen“, und sollten nur mit der Suppe zufrieden sein. Und niemals gab man uns eine zweite Portion. Ich blieb in diesem französischen Zelt drei Wochen lang und in dieser Zeit nahm ich mangels essen stark ab. Manche jungen Offiziere gingen von den Zelten bis zum Stacheldraht, zupften Kraut und aßen es, das gesamte Gras wurde gegessen. Ich lag meistens im Zelt, um die letzte Kraft zu bewahren.

Einmal wurde einem Offizier eine Glasflasche geklaut. Während der Suchaktion entdeckt man sie bei einem anderen Offizier. Man fragte ihn „Wozu hast du sie geklaut?“ Die Antwort war „Möchte mir den Kaffeebrei erhandeln.“ Gericht – wie sollen wir den Dieb bestrafen? Ein Vorschlag war, ihm diesen Kaffeebrei wegzunehmen. Der Dieb bat: „Lieber schlagt mich!“ Dann vergab man ihm, er wurde nicht bestraft. Später erkannte ich, dass in der Küche im Mannschaftslager verschiedene Suppen gekocht wurden, mit Nudeln, mit Graupen. Nur für Offiziere verteilte der Koch ausschließlich die Suppe mit Erbsenhülsen. Er sagte: „Das ist für Sie, meine Herren Offiziere, weil sie uns so schlechte Befehle gaben, dass wir in Gefangenschaft geraten sind“. Ich von meiner Seite glaube, dass die Offiziere am schlechten Kriegsanfang nicht schuld waren.

Alle in den Offizierszelten nahmen stark ab, aber es gab keine Toten.

Einmal hören wir einen Befehl – raus aus den Zelten, in Viererreihen aufstellen. Wir haben uns aufgestellt. Vor uns ein deutscher Offizier, der gut russisch sprach. Es hat sich herausgestellt, er war Arzt. Er fragte uns, ob es zwischen uns Mediziner gäbe. Zimin und ich waren die Einzigen. Wir sollten aus der Reihe treten, der Arzt führte uns mit. Mit uns kam auch ein junger, sehr geschwächter Offizier. Wir sind wieder zum Lazarett gekommen, aus dem wir früher entlassen worden waren. Der kriegsgefangene Oberarzt fing wieder an, zu sagen, dass er keine Stellen für uns hätte. Aber der deutsche Offizier sagte: „Die sind sehr geschwächt, die sollen eine Zeit lang bei Ihnen im Lazarett arbeiten, dann kommen sie zu Kräften“ Etwas später wurde dieser kriegsgefangene Oberarzt entlarvt: es kam ein neuer Gefangener aus seiner Kavallerieeinheit, der erzählte, „bei uns behandelte er die Pferde, er ist Tierarzt!“ Da wurde er vor diesem Posten schnell entlassen. Zum obersten Arzt des Lazaretts wurde Akimow ernannt. Jetzt wurde ich angenommen, Zimin auch.

Ich beschreibe den Aufstand, der im Mannschaftslager passierte, genau an dem Tag, als Zimin und ich gesund geschrieben wurden. Dieser Aufstand fing im Morgengrauen an. Gruppen von gefangenen Soldaten und Sergeanten stürmten die erste Küche. Im Lager gab es circa 70 Tausend Kriegsgefangene

(Plan des Lagers ist gezeichnet)

Das Lazarett war auf einer Anhöhe, so dass wir alles gut sehen konnten. Am Morgen des Aufstands plünderte man die Küche Nr. 1, aber was konnten sie dort finden? Vielleicht nur Nudeln, Erbsen … Eine große Masse der Gefangenen warf die Militärmäntel auf den Stacheldrahtzaun und kletterte über deren zwei Reihen nach draußen, Ich sah, wie eine Teil über die Eisenbahngleise zum Wald rannte, viele haben ihn auch erreicht, viele wurden getötet oder verwundet. Zwei-drei Menschen hingen im Stacheldraht, getötet. Zimin und ich gingen aus dem Lazarett an der Küche vorbei, dort lagen viele Leichen mit zerbrochenen Köpfen, manchmal lag das Hirn auf dem Boden neben dem Kopf. Ja, solcher Aufstand – Flucht passierte damals. Zimin und ich gingen an allen Küchen vorbei und kamen zu den französischen Zelten.

Ich erzähle, welchen Posten ich im Lazarett gehabt habe, noch als dort der kleine Tierarzt mit breitem Hintern das Sagen hatte. Er schickte mich ins Mannschaftslager, zwei kleine Gruppen Sanitär zu leiten. Jede Gruppe bestand aus vier Leuten, also 8 Leute und ich der Neunte. Jeden Tag mussten diese zwei Gruppen die Tragen mit Chlorkalk beladen und alle Latrinen im Lager bearbeiten, auch vor jeder Küche sollte etwas Chlorkalk gestreut werden. Chlorkalk hatten wir genug, ein paar Fässer. Solche sanitäre Arbeit gab es jeden Tag. Einer von den Trägern, sein Name war Saweljew, war ein Meister darin, sich eine zusätzliche Portion Suppe zu erbitten. Ging die Chlorarbeit zu Ende, kommt Saweljew zu einer beliebigen Küche, zeigt auf unsere Gruppe und sagt etwas zum Koch. Manchmal gab man ihm zu verstehen, dass es in die Küche nichts gibt, manchmal gab man ihm einen ganzen Eimer mit der guten Nudelsuppe. Die wurde für alle geteilt, hatten wir sie aufgegessen, ging Saweljew zu einer anderen Küche, dort bekommt er auch die Suppe eingegossen. Sie praktizierten das schon lange, alle Jungs in den Gruppen waren bei gutem Leib, nur ich war noch sehr dünn, verhungert in den französischen Zelten.

So vergingen Tage, Saweljew brachte regelmäßig Beilagen zum Mittagessen und ich nahm allmählich zu. Ich übernachtete in einer der Lazarettbaracken. Beide Gruppenleiter wohnten jeder in seiner Baracke. Der Herbst näherte sich, die Abende wurden kühler. Einer der Sanitär beschlagnahmte bei einem „reichen“ Kriegsgefangenen eine Matrosenjacke und eine ziemlich abgenutzte Regenjacke. Die Regenjacke hat er mir abgegeben. Aber ich hatte keine Kopfbedeckung. Ich habe schon erzählt, dass meinen Lastwagen bei den ersten Kriegshandlungen mit Deutschen eine Bombe erwischt hatte, alle meine Sache waren in diesem LKW, der Koffer mit persönlichen Sachen, Militärmantel. Das war nicht so schlimm, aber ein uns zugewiesener Arzt, ein Man über 55 Jahre, springt raus aus der Fahrerkabine und guckte auf die Flugzeuge – und wurde von dieser Bombe getötet. Er hätte doch in den Graben springen sollen, sich verstecken...

Im Mannschaftslager war reger Handel im Gange. Alles wurde gekauft und verkauft – für sowjetische Rubel. Und Leute hatten diese Rubel! Ich aber hatte keine Kopeke, und warum? Der Finanzabteilungsleiter unserer Division, Oberleutnant Grizenko, war zu uns in 602. Regiment gekommen und hatte mich gefragt: „Was sollen wir mit deinem Geld machen, es ist nicht wenig. Zum letzten Mal hatte ich meinen Lohn – es waren 800 Rubel pro Monat – für März 1941 bekommen. Also für die Monate ab April bis Juli sollte ich eine gute Summe bekommen. Aber ich antwortete Grizenko „ich brauche an der Front kein Geld, schicken Sie es meiner Mutter, ihre Adresse steht in meiner Akte“. Der Finanzabteilungsleiter sagte, dass er das gemacht hätte. Doch dieses Geld bekam meine Mutter nicht und ich meinerseits blieb auch ohne jeden Rubel.

Auf dem Lagermarkt kostete eine Brotportion 500 Rubel, eine Mütze 200 Rubel und so weiter. So kaufte ich mir von einer Brotportion eine Milizmütze, ich trug sie lange.

Die Zeit verging, mit der Kälte kam der Herbst. Man sagte, dass das Lager in die Stadt umziehen werde. Und wirklich, Ende Oktober sind unser Lazarett und die am Leben gebliebenen Gefangenen in die Stadt Siedlce überführt worden, es ist nicht weit von Warschau. Über das dortige Leben erzähle ich in den nächsten Briefen.

Sehr geehrte Dmitri Stratievski und alle anderen Vereinsmitglieder! Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen viel Erfolg in Ihrer Tätigkeit. Ich habe vor mir nur wenig Zeit. Ich hätte gern alles weiter erzählen:

  1. Das Leben im Lazarett im Stalag 366;
  2. Das Leben im Arbeitslager in der Stadt Biala Podlaska;
  3. Wie wir bei der Annäherung der sowjetischen Truppen in einer Kolonne nach Westen geführt wurden;
  4. Der Flucht aus dieser Kolonne. Langwieriger Aufenthalt im Dorf Zichri, weil die sowjetische Frontlinie vor Warschau lange stehen blieb;
  5. Die Suche in den Wäldern nach irgendwelchen Kampfeinheiten;
  6. Die Begegnung mit einer polnischem Abteilung, unter der Leitung von Mikolajtschik, der polnischen Exilregierung. Die haben uns alle nicht aufgenommen;
  7. Die Begegnung mit einem Russe in dieser polnischen Abteilung;
  8. Ab 1. August – Warschauer Aufstand;
  9. Und endlich am 17 Januar das Ankommen unserer Abteilungen in Zichri, die Rückkehr nach Warschau, Filtrationslager, 71. Reserveregiment in der Stadt Bobrujsk;
  10. Demobilisierung 1946.

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Wer an den anderen Petrowschen Briefen interessiert ist, möge sich melden.

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