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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

115. Freitagsbrief (vom 9. Juni 2008, Übersetzung: Sibylle Albrecht).

Jakow Semjonowitsch Burlakow
Krasnodar
Russland.

Guten Tag all denen die im Verein Kontakte-KOHTAKTbI mitwirken

Mit großer Freude habe ich Ihren Brief erhalten in dem Sie sich bedanken für meinen Brief sehr froh bin ich und danke Ihnen sehr für die Aufmerksamkeit und Sorge um uns Ehemalige

Am 22.06. dieses Monats sind es 67 Jahre, an diesem Tag begeht man bei uns den Tag des Gedenkens und des Trauerns um die Gefallenen und die Gequälten, die grausam gefolterten unschuldigen Menschen in dem nicht erklärten, von Hitler und seinen Handlangern aufgezwungenen Krieg. So ein Schrecken bleibt für immer unvergessen. So viel haben wir durchgemacht in diesen vier Kriegsjahren, wurden in schlimme Situationen versetzt, bei schwerer Arbeit an die Grenzen des Menschenmöglichen gebracht.

Ich arbeitete als Gehilfe auf einer Erntemaschine. Nach einem Appell, zu dem man uns, Jung und Alt, auf einem Platz zusammenrief, mussten wir uns verpflichten, die Halmfrüchte schnellstmöglich, ohne Verluste, in 3 Tagen einzubringen. Kein Auge haben wir zugemacht, haben alles gegeben, um der Heimat soviel Brotgetreide wie möglich zu geben. Nach der Ernte kam die militärische Ausbildung. Im April 1942 wurde ich eingezogen, zurücklassen musste ich die Mutter, die kleineren Schwester und Bruder und das Mädchen, mit dem ich schon fast zusammenlebte. Auch das ein trauriges Erlebnis. In der Armee war ich zu Bauarbeiten eingesetzt, wir bauten Bunker und Feuerstellungen, befestigten Verteidigungsanlagen für die Städte, arbeiteten 18 Stunden am Tag. Als unser Regiment verlegt wurde von der Ukraine in den Nordkaukasus, war auch das kein Vergnügen.

Im Fußmarsch waren wir unterwegs, die ganze Zeit von faschistischen Messerschmidts und anderen Flugzeugen begleitet, die uns beschossen und uns während des Übersetzens über die Flüsse bombardierten. Auch ein schreckliches Erlebnis. Wir versuchten nachts zu marschieren, aber da setzten sie Leuchtraketen und bombardierten uns. Aber wir erreichten den Fluss Terek, errichteten drei Verteidigungslinien, um die Faschisten nicht zu den Ölfeldern von Grosny durchzulassen, so kam es denn auch – weiter als bis zum Elchotowo-Tor hinaus kamen sie nicht. Unsere Baubataillone wurden dann eingegliedert in eine Division, wir erhielten Ausrüstung und kamen an die Front zwischen Naltschik und Digora, haben uns eingegraben und Beobachtungen durchgeführt. Zu dieser Zeit gab es von beiden Seiten keine Angriffshandlungen, etwa 2 Wochen lang hielt das an. Dann rief man einige von uns in den Regimentsstab, wo wir den Befehl erhielten, die Waffen abzugeben. Man sagte uns, dass wir in den Stab der Division geschickt würden zur Ausbildung. Als wir dort ankamen, zeigte man uns einen Platz – hier ist euer Standort, richtet euch ein. Wir werden hier eine chemische Kompanie aufbauen, ihr werdet zuständig sein für die chemische Ausstattung der Division. Der Divisionsstab befand sich 9 km von der Front entfernt, Dorf Osrek in der ossetischen Republik. Bitte wenden. Entschuldigung, ich schreibe auf der Rückseite weiter, damit alles in den Umschlag passt.

Es war im Oktober 1942, noch war es warm und zur Ausbildung gingen wir außerhalb des Dorfes. Der Stab und wir befanden uns in einem Schulgebäude, die Ausbildung ging bis 26. Oktober. Wir kommen zum Mittagessen, da ist kein Stab mehr da, die Türen standen weit offen, der Diensthabende sagte, dass niemand etwas angekündigt hatte. Autos waren vorgefahren, die Mitarbeiter des Stabes waren eingestiegen und fortgefahren. Die Kompanie nahm das Mittagessen ein und machte sich auf den Weg zur Ausbildung, ich wurde als Posten zurückgelassen, mach du den Diensthabenden der Kompanie los, räumen wir auf, bring Wasser her, unser Kutscher fuhr los, um Futter zu holen, fährt zum Feld und da kommen ihm die Deutschen entgegen, er dreht und fährt so schnell er kann zurück, springt am Hausvorbau raus und schreit mit sich überschlagender Stimme: „Die Deutschen sind schon am Dorf“, der Diensthabende setzt sich in das Fuhrwerk, schreit mich an, lade die Geräte der Kompanie auf schnell, ich trage 1–2 Mal etwas heran, er sitzt und schreit „schneller“. Dann kreisten Flugzeuge und begannen den Beschuss aus Maschinengewehren Scheiben zersplitterten und als eine Bombe gleich neben der Schule explodierte, konnte der Kutscher die Pferde nicht halten, ich komme angelaufen mit den letzten Gerätschaften, da sehe ich das Gefährt nur noch von hinten davonfahren, die Flugzeuge kreisen über dem Dorf. Am Hausvorbau ließ ich alles fallen stürmte davon in den Schützengraben, vom Schützengraben in den Unterstand, sehe schon wie die Erde runterrieselt, also weiter – aber weiter geht nicht: die Fritzen kommen mit gezogenen Maschinenpistolen und rufen „Hente hoch“, aber ich verstehe nicht was das heißt, im Rücken spürte ich einen Gewehrkolben, dann greift jemand meine Arme, dreht sie nach oben, durchwühlt alles und zeigt mir geh dorthin dort stehen noch zwei, von Fritzen umgeben, dann bleibt einer bei uns, der uns Befehle gibt und zeigt uns, da nehmt mal den Verwundeten, der hat eine Bauchverwundung, tragt ihn zu diesem Hof, wir haben ihn hingetragen dann führte er uns weiter, wir trugen noch mehr und dann brachte er uns zum Sammelpunkt hinter dem Dorf an der Farm. Wir sahen, wie viele Gefangene sie gemacht hatten. Die Sonne ging schon unter, man brachte uns in das kleine Kulturhaus des Dorfes, das war schon so voll. Wer konnte, schlief im Stehen. Dann versagten die Beine. Auch ein schlimmes Erlebnis.

Bei Sonnenaufgang kamen die sowjetischen Flugzeuge angeflogen, die Deutschen fühlten sich schon sicher, und unsere zerstörten deren leichte Technik. Dachpappe, Lappen hingen an den Zweigen und wir brachen die Schlösser auf, und aus dem Kulturhaus liefen wir durch die Gärten, flohen und dachten, bis zu den Bergen schaffen wir es, aber nichts da. Hinter dem Dorf lag eine Schützenkette mit Maschinenpistolen, sie wiesen uns an, geht dahin zurück zur Farm, sie hielten uns ca. 2 Stunden fest und führten die Kolonne dann zur Staniza (Kosakendorf --d.Ü.) Alexandrowskaja /Alexandrowka. Der Weg unter uns – ein Bergpfad, ein Bach, Gestein. Plötzlich vor uns Gebrüll der Faschisten, irgendwas schrien sie und riefen den Begleitposten. Wie sich herausstellte, war ein Sumpf vor uns, und die Kräder hatten sich festgefahren und kamen nicht weiter. Knietiefer Sumpf. Los, geht durch den Sumpf, stützt euch mit irgendetwas und helft den Krädern durch. Wir gingen nicht. Die Begleitposten stießen uns mit den Gewehrkolben in den Dreck, sie schrien, nehmt das, gebt das, der Lärm zog über das ganze Feld.

Die Kräder haben wir rübergeschleppt und es wurde Abend, kühle Luft zog heran. Solange wir uns bewegten, war es noch erträglich, aber als man uns in dieses Alexandrowka brachte, wo der Terek sich von den Bergen schlängelt und kalte Luft mit sich bringt, da ließ man uns antreten und die Kolonne ausrichten und sprach zu uns über einen Dolmetscher, der plötzlich auftauchte, so müsst ihr stehen, an den Füßen legt alle eure Habseligkeiten ab, wie Riemen, Fußlappen, Uhren, Geldbörsen, alles legt heraus, wer das nicht macht und dann bei der Kontrolle erwischt wird, der wird bestraft. Dann ertönte das Kommando: 6 Schritt nach vorn und stehen bleiben. So standen wir, es kam ein Fuhrwerk, nahm alles mit, was wir abgelegt hatten und uns wurde befohlen, wer wo steht dort und hinlegen, weiter nicht bewegen und beschweren gab es nicht, schmutzig waren wir und nass, so überstanden wir die Nacht und man hatte uns gewarnt, wenn jemand aufsteht wird geschossen.

So war die zweite Nacht in Gefangenschaft, wir zitterten, waren durchgefroren und konnten den Morgen und die Sonne kaum erwarten. Am Morgen dann der Aufbruch, wir wurden in Richtung der Stadt Prochladny getrieben. Die Einwohner begleiteten uns mit gesenkten Köpfen, manch einem gelang es, etwas zuzustecken meist Brot, die Begleitsoldaten waren brutal, sie stießen die Einwohner fort. Wir liefen durch die Staniza, das Feld war zugewachsen wir dachten, vielleicht kann man im Unkraut zurückbleiben, zogen die Kolonne absichtlich auseinander, vielleicht würde es jemandem gelingen, sich zu entfernen. Aber dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Aus der benachbarten Staniza kamen berittene Kosaken mit Peitschen und drängten uns, aufzurücken in der Kolonne ohne Wissen der Deutschen. Wir versuchten, mit ihnen zu reden. Statt uns zu drangsalieren, sollten sie lieber jemandem helfen zu fliehen. Sie sagen, ihr fehlt uns hier gerade noch, wollt nur Partisanen spielen. Und so zogen sie mit uns, bis wir aufs freie Feld kamen. Wir liefen eine Weile, da sahen wir in der Ferne eine Siedlung, das war die Siedlung Maiskoje, in der es eine Bastfabrik gab. Plötzlich war da in einem Auto jemand mit geflochtenen Schulterstücken, er stoppte die Kolonne, sprach mit den Begleitsoldaten, war so ein prahlerischer, untersetzter Typ mit einer Peitsche in der Hand und zeigte auf das Tor, bringt die Kolonne in den Hof der Fabrik. Man führt uns hin, aufstellen, ausrichten, aufteilen, alle hören auf seine Befehle und plötzlich brüllt er: Sind Kommunisten unter euch? Alle schweigen. Sind Komsomolzen unter euch, wieder Schweigen: na, dann werde ich selber nachschauen, wer Kommunist ist und wer Komsomolze und fügte über die Dolmetscher hinzu: Ich werde die Reihen abgehen, ihr schaut mich an, so geht er und durchbohrt jeden mit den Augen eines Faschisten. Die halbe Kolonne hatte er abgelaufen, da befahl er 5 Gefangenen vorzutreten, er war bei mir angelangt ich tat so als ob ich ihn ansehe, aber der Kopf wargesenkt, da stieß er mir seine Peitsche dermaßen unters Kinn, schubste meinen Kopf hoch, brummte etwas und wies mit der Peitsche an – raustreten. Ich trat vor, dann suchte er noch 7 Leute aus, wir wurden von der Kolonne getrennt und weiter in den Hof gebracht, dann wurden einige Wachleute gerufen, die uns umringten, er ging schnellen Schrittes hinter das Gebäude, kam sofort wieder und befahl den Wachleuten, uns hinter das Gebäude zu führen und an die Wand zu stellen, was sollte man da denken, das war die klare Vorbereitung zur Erschießung. Die Wachleute verteilten uns und dieses Scheusal wird indessen von einem Offizier zur Seite geführt. Wir müssen stehen dürfen nicht liegen, nicht sitzen, bis andere Schützen zur Ablösung kommen und uns das Sitzen erlauben.

Das war also die dritte Nacht in der Gefangenschaft, schon hier hätte man den Verstand verlieren können. Aber Gott sei dank ließ sich dieser Führer bis zum Morgen nicht blicken nach dem Wecken wurde die Kolonne aus dem Hof geführt, wir ebenfalls und so ging es nach Prochladny, wo wir einer Schweinefarm zugeteilt wurden, Ziegelfußboden, leg dich mal hin zum Ausruhen ohne Pritschen. Nach 3 Tagen solcher Anspannung schläft man natürlich ein, aber irgendwann macht sich der Ziegelfußboden wieder bemerkbar. Am vierten Tag begann man uns Essen zu geben: Vorspeise unreife Sonnenblumenkerne. Hauptspeise abgekochtes Wasser, aber Gefäße gibt es nicht, die Kochgeschirre waren eingesammelt worden, Löffel auch....ein richtiger Alptraum. Am fünften Tag gab es warmes Essen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, dümmer ging es nicht. Kohlwurzeln, ungewaschen und voller Erde, darin Mischfutter, so eine Führersuppe war das, und wieder keine Gefäße, der Koch brüllt, willst du was zu fressen such dir einen Behälter, und so bekam es der eine in der Uniformjacke, der andere in die Mütze, unreife Kerne. So ein Märchen gab es noch nirgends auf der Welt. Einige Tage später gab es Kochgeschirr, die Löffel waren handgemacht, irgendwer hatte aus Brettern ausgeschnitzt, ein anderer aus einer Büchse. Du gehst durch das Lager immer voller Unruhe, voller Sorge durch diesen Schweinestall und jeder von uns Gefangenen dachte an etwas und schwieg und jeder war beschäftigt mit seinem Gefangenenschicksal, das sich hier abspielt. hier neben der blanken Erde.

Aber nein, nicht an den Tod denken, streng dein Gehirn an. Ein vorzeitiger Tod ist nicht erlaubt, jammere nicht. Halte dich bis zum letzten, glaub, der Faschismus wird ein Ende haben, du musst deinen Weg wie eine Saite spannen, sei wie ein Seiltänzer. Russland wird den Krieg gewinnen und wieder alles richten, die Verbrecher werden bekommen, was sie verdienen.

Mit solchen Gedanken lebten wir, besser gesagt, existierten wir und erleichterten uns damit das Schicksal zum Überleben, aber wie man so sagt (wörtlich): „Ein Leben zu leben ist anders als ein Feld zu durchschreiten.“ In diesem Brief habe ich die schlimmsten Tage meines an der Wurzel verdorbenen Lebens beschrieben/. /Dieser Krieg hat alle und alles korrumpiert (beschädigt)

Meine Lieben, die Ihr mir treu gesonnen seid, ich beende meinen Brief und bitte um Entschuldigung wegen der Fehler und der verspäteten Antwort. Krankheiten gehen um in unserer Familie, meine (wörtlich „zweite Hälfte“) Frau hat des öfteren Anfälle, ich tue es ihr nach, also nochmals Entschuldigung.

Ihnen wünschen wir Glück, Gesundheit und ein langes Leben und alles Gute sowie Erfolg bei allem, was Sie anpacken. Auf Wiedersehen!

Mit herzlichem Gruß

Burlakow.

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