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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

113. Freitagsbrief (vom 18. Juni 2007, Übersetzung: Erhard Kummer).

Russland
Gebiet Woronesh
Michail Grigor'jewitsch Kolobajew
Jekaterina Kusmintschna Kolobajewa.

Guten Tag, ich weiß nicht einmal, wie ich Sie anreden soll; wenn Sie einverstanden sind, nenne ich Sie „unsere Verbündeten“. Ich beantworte Ihren Brief an den ehemaligen Gefangenen Kolobajew Michail Grigor'jewitsch, der bei Kriegsbeginn in Gefangenschaft geriet und 1945 von amerikanischen Truppen befreit worden ist. Zu meinem großen Bedauern ist er jedoch am 12. August 2006 verstorben. Und so habe ich mich als Ehefrau Kolobajewa Jekaterina Kusmintschna entschlossen, Ihnen zu antworten und mich bei Ihnen zu bedanken für die von Ihnen erwiesene Hilfe. Wir erhielten in unserer Währung 10 000 Rubel. Er war sehr erfreut, dass man ihn nicht als Vaterlandsverräter einordnete – so, wie das damals in jenen Jahren üblich war.

Zurückgekehrt ist er im Mai 1946. Ich selbst war 14 Jahre alt als der Krieg ausbrach; ich wurde erwachsen und mit 18 Jahren habe ich ihn 1946 geheiratet. Im Oktober 1947 wurde unsere Tochter geboren. Wir liebten und schätzten uns, hatten viel Freude miteinander und haben viel gemeinsam durchgemacht.

Wir richteten uns ein, haben uns umgestellt, der Lohn war niedrig, das Land zerstört. Ich bin eine einfache Bäuerin, oder aus sowjetischer Sicht, eine Kolchosbäuerin. Schwer mussten wir arbeiten, aber bei allem anerkannten wir das Wichtigste: kein Krieg; alle Schwierigkeiten haben wir ertragen. 1958 wurde unser Sohn geboren, er hat sich so gefreut. Wir haben sieben Enkel und einen Urenkel von unserer ersten Enkelin, die 19 Jahre alt ist. Aber, wie das so ist, im Juli stirbt unser Sohn auf tragische Weise und der Vater wurde trübsinnig und überlebte ihn um 39 Tage.

Wir haben 59 Jahre und 10 Monate gemeinsam gelebt. Ich, seine Witwe, bin übrig geblieben; ich bin 80 Jahre alt, jedoch für mein Alter fühle ich mich gut und lebe in meinem Haus. Ich habe Wasser- und Gasanschluss, einen kleinen Hausgarten, in dem ich Gemüse, Kartoffeln, Kohl, Tomaten ziehe. Ohne meinen Michail fällt mir das natürlich schwer. Er bekam eine Kriegerrente, aber einer von uns musste in die jenseitige Welt abtreten, er war 7 Jahre älter als ich. Ich bedanke mich für Ihren Brief. Er erinnerte mich an meine Kindheit, wie der Krieg begann, wie alle eingezogen wurden, nur die Frauen mit ihren Kindern und die Alten blieben.

Wir haben früh die Schwere der Arbeit kennen gelernt, aber das Wichtigste: Es gab keinerlei Vergewaltigungen, getötet wurde nur im Krieg; durch unser Dorf zogen Truppen, aber kein einziges Mädchen wurde angerührt. Jetzt gehen die Menschen zugrunde, was ist geschehen? Was ist geschehen? Wahrscheinlich hat das Geld sie verdorben. Wir hatten keins, ein Kleid, Pantoffeln, und trotzdem war es schön. Ich vergleiche die Zeiten und wundere mich, was aus den Menschen geworden ist, warum sind sie so bösartig, so gleichgültig?

Man könnte noch viel schreiben, aber ich weiß nicht, ob das Alles von Interesse ist. Ich habe ein wenig aus meinem Leben erzählt, denn wir haben das durchlebt. Wir bedanken uns für Ihren Brief. Ich möchte Ihnen mitteilen, dem Fonds für Verständigung und Aussöhnung, dass ich Ihre Einweisung in ein Sanatorium erhalten habe, aber leider ist er nicht mehr; am 12. August ist es ein Jahr her, dass er verstarb.[*] Ich habe seinen Weggang sehr bedauert, bin allein geblieben, die Pension ist sehr gering. Der Veteranenrat hat ihm eine marmorne Gedenktafel kostenlos gewidmet. Für den Sohn habe ich das für 4000 Rubel selbst erledigt, ich bin die Mutter – und nur eine Mutter sorgt sich um ihre Kinder. Mein Sohn ging frühzeitig aus dem Leben mit 48 Jahren; das ist sehr schmerzlich.

Da ist alles, man könnte viel schreiben, aber die Zeit kann man nicht anhalten und das Leben geht weiter. Auf Wiedersehen.

Ich möchte weiter mit Ihnen in brieflichem Kontakt bleiben. Es wäre sehr angenehm, mich mit Ihnen zu schreiben. Ich werde auf Ihren Brief warten.

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[*] Sanatorium: Weil der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ Zahlungen an ehemalige Kriegsgefangene vom Gesetzgeber nicht erlaubt wurden, gab man aus den Restmitteln der Stiftung humanitäre Leistungen in Form von Kuraufenthalten in Sanatorien.

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