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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

112. Freitagsbrief (vom 22. März 2008, Übersetzung: Viktoria Rau).

Alexander Pawlowitsch Chomenko
Ukraine.

Sehr geehrter Dmitrij Stratievski !

Vielen Dank für Ihren Brief vom 12.03.2008. Sehr erfreulich, dass Sie einverstanden sind, uns zu besuchen.

Ich teile einige Einzelheiten über meine Zeit in dem Arbeitskommando auf dem Flughafen München mit.

In diesem Kommando bin ich Ende Mai 1943 mit 50–60 Kriegsgefangenen gelandet, nach der Bestrafung für meinen ersten Fluchtversuch – 21 Tage Einzelzelle. In dieser Gruppe waren zwei meiner Verbündeten bei diesem Fluchtversuch, Golubew Wiktor aus dem Gebiet Gorkij und Tscheridnitschenko Nikolaj aus dem Gebiet Nikolaew, Stadt Perwomajsk. In dem Kommando herrschte ein hartes Regime: für das kleinste Vergehen gab es eine einzige Bestrafung: Erschießung. Unser Leiter war ein Unteroffizier, ein Frontkämpfer, er hatte Verwundungen, dass konnte man an der Litze auf der Jacke erkennen.

Ein Beispiel der Brutalität: Im Juni 1943 versuchte einer der „Alteingesessenen“ des Lagers, der Moskauer Baranow, der als Dreher in der Dreher-Schlosser-Abteilung arbeitete, zu fliehen. Er war ein sehr talentierter Fachmann für Metallarbeiten, ihn respektierten sogar die deutschen Meister. Er fertigte einen Schlüssel für den Hohlraum eines unterirdischen Wasserspeichers an, der in dieser Abteilung war. Heimlich versteckte er sich da unten, um später in der Nacht zu fliehen. Leider bemerkte der Meister und auch die Bewachung , dass Baranow nicht da war. Es wurde eine Suchaktion organisiert, aber bis zum Ende des Arbeitstages konnte ihn niemand finden. Doch der Meister, unter dem Baranow arbeitete, kapierte, dass Baranow im Stande war, einen Schlüssel zu fertigen und sich im Kollektor verstecken konnte. So war es auch. Nach den Demütigungen in einem Karzer (den gab es auf dem Flughafen auch), erschoss ihn der Unteroffizier persönlich. Viele von uns hörten die Schüsse; Baranow hat keiner mehr gesehen (die Wächter hatten es nicht verheimlicht).

Diese Ereignisse überzeugten mich und meinen Kameraden vom ersten Fluchtversuch, dass wir es wieder versuchen müssen. Obwohl wir keine praktische Möglichkeit dazu hatten, alles war sehr riskant. Wenn etwas schief ginge, würden wir erschossen. Aber wir waren entschlossen zu fliehen, wir berieten uns, wir schmiedeten einen Fluchtplan. Ein Detail: wurden die Flüchtlinge vom Bewachungskommando gefangen, wurden sie erschossen, wurden sie von anderem Personal oder von der Polizei erwischt, schickt man sie ins Hauptlager. Dort organisierte man ein Gericht und legte eine Bestrafung fest.

Das Leben in den Flugzeughallen ging weiter. Ich arbeitete als Elektriker unter einem Meister, der Flugzeuge „Ju-8“ vervollständigte. Der Meister war gut zu mir, manchmal gab er mir ein Stückchen Brot. Beruflich sollte ich in den Flugzeugtragflächen elektrische Leitungen verlegen. Ich hatte die Möglichkeit, die Maschinen etwas näher zu erkunden, als Kampftechnik gefielen sie mir sehr. Einmal drang ich in die Pilotenkabine ein und wurde aufmerksam auf die Querruderlenkung. Ich stellte fest, wenn ich einen Schutzdeckel unten an der Querruderlenkung anhebe und dort eine Scheibe von bestimmtem Durchmesser platziere, fällt diese Scheibe bei der Steuerbewegung auf den Mechanismus, und der wird blockiert. Ich fand eine passende Scheibe am Tisch vom Meister und platzierte sie wie geplant. Es war in den ersten Julitagen 1943. Nach ein paar Tagen wurde dieses Flugzeug aus der Halle geleitet. Flieger, die ihre Maschinen abholten, machten zuerst eine Platzrunde und dann flogen sie weiter, vielleicht in die Kampfzone. Eines der Flugzeuge stürzte sofort nach dem Abflug (das konnte man vom Hangar gut sehen) ab und brannte aus. Ich glaubte, glaube auch jetzt, dass es genau dieses Flugzeug war. Ich hatte keinem meiner Kameraden etwas davon gesagt, es wäre zu riskant gewesen.

Zwei Tagen nach diesem Vorfall, am 4. oder 5. Juli, entschied sich unsere Gruppe, während der Arbeitszeit zu fliehen, das heißt in der Mittagspause. Wir hatten Berufsbekleidung an, solche, wie es normale Arbeiter auch hatten. Die Kennzeichnung [SU mit Farbe auf die Kleidung gemalt] war schon abgewaschen. Wir gingen vorbei an der Polizeistation, die sich an der Vorderfront des Hangars befand, zu der Straße München – Wien (wie wir dachten). Nach 2 km bogen wir auf die Felder ab, die waren schon teilweise abgeerntet, legten uns hin und warteten auf die Nacht. Weiter gehen war gefährlich, weil vorne neben der Trasse Leute arbeiteten. Nach 1–2 Stunden hörten wir Schritte und Hundegebell, ganz in der Nähe von uns. Es war richtig von uns, dass wir einen Vorrat Tabakstaub bei uns hatten und wir zerstreuten ihn auf unseren Spuren. Wie wurden nicht entdeckt, so waren wir vor der Erschießung gerettet.

Wir wählten Waldwege und bewegten uns nur nachts in Richtung Osten. Aber der Wald wurde lichter, dann wurde aus dem Wald Buschwerk und dort haben uns Leute bemerkt. Wir wurden von einer Wache französischer Kriegsgefangener festgenommen. Wieder Pech gehabt, 14 Tage Flucht, bis zum Mündung des Flusses Inn gelangt. Man brachte uns ins Basislager nach Marburg [Stalag VIIA Moosburg]. Die Bestrafung war 28 Tage Einzelzelle. Nach der Bestrafung war ich bis Ende April 1944 in der „Sonderbaracke-30“, später war noch ein Fluchtversuch aus der „Eisenfabrik“ (München-Maibach), noch eine Bestrafung in einem Strafkommando N 190.

Hier beende ich zunächst meinen Brief.

Mit Hochachtung

A.N. Chomenko.

P.S. Das Material über die Tätigkeit ihres Verein „Kontakte-KOHTAKTbI“ leitete ich der Redaktion der Zeitung „Ukrainische Jugend“ zu. Es ist mit dem Chefredakteur besprochen.

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