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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

111. Freitagsbrief (vom 1. Juni 2008, Übersetzung: Viktoria Rau).

Russland
Gebiet Woronesh
Bezirk Olchowatskij
s. Schaposchnikowka
Wasilij Jakowlewitsch Pogorelow.

Guten Tag!

Der Brief aus Deutschland ist für uns eine große Überraschung Wir danken Ihnen herzlich, dass Sie sich an die sowjetischen Kriegsgefangenen erinnern und für die finanzielle Hilfe, die wir am 28. April erhalten haben. Wir beantworten auch Ihre Fragen und erzählen über den Lebensweg von Pogorelow Wasilij.

Er wurde 1913, noch unter dem russischen Zaren Nikolaj dem Zweiten, geboren, im Dorf Schaposchnikowo, Woronesh Gouvernement. Die Familie war 8-köpfig: der Vater, die Mutter, vier Schwestern und ein Bruder. 1918 fing der Bürgerkrieg an. Er erinnert sich, wie man mit Kissen die Fenster ausfüllte und sich in Häusern versteckte, als er fünf Jahre alt war. Eine Frontlinie durchquerte das Dorf. Der Schusswechsel dauerte nicht lange, die Rote Armee ging in die Offensive und die zaristische Armee wurde zurückgeworfen. Das Dorf lebte wieder friedlich. Bald erkrankte und starb der Vater. In der Schule beendete Wasilij nur zwei Klassen. Er sollte sich bei reichen Leuten verdingen. Arbeitetest du die ganze Saison gut, kaufte der Herr dir einen Mantel, eine Kopfbedeckung, eine Hose, eine Jacke, Schuhe, Hemd, gab auch einen Teil der Ernte von dem Felde. Mein Vater und sein Bruder kauften sich ein Pferd und fingen an, selber zu säen und die Ernte vom eigenen Land einzubringen. Leute im Dorf fingen an, gut zu leben. Alles war gut, aber dann kam das Jahr 1929. Im ganzen Land organisierte man Kolchosen, den wohlhabenden Bauern, die vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang arbeiteten, wurde alles genommen, das heißt, alles, was sie hatten, und man schickte sie nach Sibirien. Die Verbliebenen wurden gezwungen in die Kolchosen zu gehen. Wasilij weigerte sich, dafür wurde man mit hohen Steuern erdrückt. Sein älterer Bruder fuhr auf Anwerbung 1930 nach Fernost.

Auch Wasilij fuhr 1938 auf Anwerbung nach Baku. Dort erlernte er einen Bauberuf – er wurde Stukkateur. 1938 heiratete er, 1941 fing der Krieg mit Deutschland an. Wasilij wurde mobilisiert. Nach einem Jahr der Kampfhandlungen wurde sein Regiment nach Charkow überführt. Am Abend stiegen sie aus dem Militärzug aus und verschanzten sich neben einem Wald. Morgens hörten sie Motorenlärm – das Regiment war von deutschen Panzern umringt. Das erste Lager war in der Stadt Belaja Zerkow, das nächste in Stalino (jetzt Donezk), noch ein anderes in Polen, in der Stadt Krakau. Danach waren noch Lager in Deutschland, fünf oder sechs. Von einem Lager trieb man die Gefangenen in ein anderes, immer weiter landeinwärts. Wenn ich ihn über das Leben hinter dem Stacheldraht frage, mit Maschinengewehren auf den Wachtürmen, ist er aufgeregt, Tränen erscheinen in den Augen und er sagt: „Gott bewahre dich, mein Sohn, so was zu erleben, was ich damals überlebt habe.“ Er erzählt aber gern über anderes, Gutes, was mit Deutschland verbunden ist. Einmal im Frühling 1945 ließ der Kommandant die Gefangenen in Reihen aufstellen und fragte mit Hilfe eines Dolmetschers, wer früher auf dem Land gearbeitet habe. Einige Gefangene, Wasilij darunter, meldeten sich. Die sollten sich zuerst in der „Banja“ waschen, dann bekam er saubere Kleidung und wurde zu Bauern geschickt – damals nannte man so die deutschen Farmer. Dort arbeiteten schon Gefangene aus Polen und der Ukraine. Polen arbeiteten mit Pferden, Mädchen aus der Ukraine melkten die Kühe. Wasilij musste Holz sägen und hacken, ausmisten, den Garten pflegen und vieles andere. Alle frühstückten, aßen zu Mittag und zu Abend zusammen beim Hausherrn, noch dazu bekam man Stullen. Nach drei Jahren im Lager war es ein Paradies! Man musste im Lager übernachten. Morgens rief der Farmer den Kommandanten an, mit der Bitte, eine bestimmte Zahl von Menschen zur Arbeit zu schicken. Sie gingen sogar ohne Wache. Zum ersten Mal fühlten sie sich fast frei.

Befreit wurden sie von Amerikanern. Mit den Studebakers wurden sie bis zur Grenze an die Elbe gefahren und dem sowjetischen Kommando übergeben.. Die Verhöre fingen an. Letztendlich wurde Wasilij als unschuldig erkannt und er entrann somit Stalins Lagern. Nach Hause ging man zu Fuß. Die Norm war – 50 Kilometer pro Tag. Später wurden 50 Menschen aussortiert, die man mit dem Auto in die Stadt Smolensk brachte, zur Arbeit. Erst nach einigen Monaten gelangte Wasilij nach Hause, nach Baku. Er trat einen Dienst an, wurde Wächter in einem Lager für sowjetische Gefangene. In der Nähe von diesem Lager befand sich ein anderes mit deutschen Gefangenen. Sie bauten einen Radiobetrieb, wo man Radios produzierte. Am Ende der Bauzeit wurden sie nach Deutschland entlassen. Ist jemand von ihnen noch am Leben, erinnert er sich vielleicht an das warme Klima, das Kaspische Meer und Erdölbohrtürme.

1947 wurde eine Tochter geboren, aber bald danach starb sie. Nach einem Jahr wurde ein Sohn geboren, aber der starb auch. 1951 kam ein drittes Kind zur Welt, ein Junge, der schreibt Ihnen jetzt diesen Brief. Im Jahr 1951 erkrankte die Ehefrau. Ärzte rieten, die Klimabedingungen zu ändern. So verkauften meine Eltern ihr Häuschen und fuhren nach Kasachstan, zu ihren Bekannten, die unweit der Stadt Akmolinsk (jetzt Astana) wohnten. Der Zustand der Ehefrau verschlechterte sich dort. Meine Eltern sind wieder umgezogen, zuerst ins Dorf Schaposchnikowo, aber konnten dort keine passende Arbeit finden, dann wieder nach Baku. Mein Vater meldete sich in der Stadt Sumgait an und bekam eine Arbeit auf einer Baustelle. Seine Familie ist zu ihm aus Russland umgezogen. Zuerst mieteten sie eine Wohnung, später bekamen sie eigene Zimmer in einer Baracke. Das ist ein langes einstöckiges Haus, in dem 20 Familien wohnten. Jede Familie hatte ein Zimmer, circa 4 x 5 Meter groß. Keine Toilette. Jede Familie heizte ihr Zimmer mit Holz. Im Sommer und im Winter bereitete man das Essen auf dem Petroleumkocher. Dort wohnten wir bis 1960. Nach vier Jahren bekamen wir endlich eine Zweizimmerwohnung, 6. Stock, mit Meeresblick. Es gab Gas, das Wasser kam nicht immer, kein Aufzug, „nur“ 100 Stufen. Dann wechselten wir diese Wohnung gegen eine Einzimmerwohnung im zweiten Stock und wohnten dort bis zum Jahr 1973, als der Vater, Wasilij, in Rente ging. Wir haben uns entschlossen, zu Verwandten in die Ukraine zu ziehen. Es kamen unruhige Zeiten. Russen fingen an, aus Aserbaidschan weg zu ziehen. So kauften wir ein kleines Haus in der Stadt Melitopol, Gebiet Saporoshje, Ukraine, und zogen um. Wir blieben dort fünf Jahre, zwei Mal waren Überschwemmungen, Grundwasser kam hoch. 1978 zogen wir nach Russland, in Wasilijs Heimatdorf Schaposchnikowo, seitdem leben wir hier schon 30 Jahre. 1995 ist seine Ehefrau Maria gestorben. Zurzeit wohnt Wasilij mit seinem Sohn.

Was kann ich noch erzählen?

In unserem Dorf sind die Straßen asphaltiert, alle Häuser haben Gasheizungen. Eine Sehenswürdigkeit – die Kirche, die 1855 erbaut wurde, hier findet noch immer Gottesdienst statt. Neben dem Dorf fließt ein Fluss namens „Schwarze Kalitwa“. Das ist alles. Wasilij ist jetzt 96 Jahre alt. Wir schicken Ihnen seine Fotos, damals war er 75–80 Jahre alt. Er lebte bei Ihnen in Deutschland drei Jahre in Gefangenschaft, das ist nicht wenig.

Alles Gute Ihnen.

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