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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

110. Freitagsbrief (22.08.2008).

Russland
Gebiet Tula
Grigorij Iwanowitsch Tkatschuk.

Guten Tag, gute Freunde aus dem weit entfernten Land Deutschland!

Als ich Ihren Brief und ihr Geschenk von 300 Euro erhalten hatte, weinte ich vor Glück; dass es solche Menschen gibt, die uns nicht vergessen haben. Ich konnte gar nicht glauben, dass ich einen so herzlichen Brief bekomme. In deutscher Gefangenschaft war ich vor mehr als 60 Jahren und Gott bewahre jeden davor, so etwas zu erleben!

Ich wurde bei Sewastopol gefangen genommen, ich war verwundet an der linken Seite und hatte eine Schädelprellung. In diesem Gefecht sind viele, viele meiner Kameraden gefallen. Das Gefecht war ungleich, wir hatten wenig Munition und Gewehre: ein Gewehr für zwei Soldaten. War ein Soldat gefallen, nahm ein anderer sein Gewehr. Wir waren auch schlecht ausgebildet, hatten wenig Zeit, uns zum Kampf vorzubereiten.

Erst in der Gefangenschaft kam ich wieder zu mir, wie ich dorthin gelangt war, wusste ich nicht. Meine Kameraden verbanden meine Wunden, wie sie es konnten, aus den Ohren rann Blut. Trotzdem, der erste Gedanke war: weglaufen! So waren wir erzogen - ein richtiger Soldat ist Verteidiger seines Vaterlandes; er darf nicht in Gefangenschaft geraten. Ich floh, aber ohne Glück, weil ich noch sehr schwach war. Später wurde ich nach Deutschland überführt, in die Stadt Merzig [Saarland]. Wir arbeiteten in einem Kalksteinwerk. Ich erzähle es jetzt und weine. Dass ich alle Demütigungen und schwere Arbeit überlebte, verdankte ich meiner Jugend. Bei Kriegsbeginn war ich erst 18 Jahre alt! Damals glaubte ich überhaupt nicht, dass ich überleben werde. Aber ich möchte noch eines sagen. Obwohl wir wie Sklaven schufteten, (das Essen war schlecht, die Kleidung - zerrissene Lumpen), blieb das Verhältnis zu uns, den russischen Gefangenen, von der Seite der deutschen Ortsbewohner immer menschlich. Sie ernährten uns, brachten uns warme Bekleidung. Sehr oft kam eine Frau mit einem kleinem Mädchen zu unseren Betriebstoren. Ich war der jüngste von allen und diese Frau gab mir immer Brot mit Speck. Wie wir später erfuhren, geriet ihr Sohn auch in die Gefangenschaft - in Russland. Ich danke dieser unbekannten Frau von ganzem Herzen; hätte sie bloß gewusst, wie sie mich an meine Mutter erinnert! Mit der Zeit konnte ich ein bisschen Deutsch sprechen und sagte ihr, dass ich hoffe, ihrem Sohn in Russland würde auch von jemandem geholfen werden und dass er gesund nach Hause komme. Jetzt, nach vielen Jahren, erinnere ich mich mit Dankbarkeit an die einfachen deutschen Bürger, die, wie das russische Volk auch, unter dem Krieg litten.

Nach Kriegsende bekam ich noch einen harten Schlag. Wir Kriegsgefangene wurden in der Sowjetunion als Verräter eingestuft. Und aus Deutschland schickte man mich nicht nach Hause, sondern nach Kirgisien, in eine Sondersiedlung. Ich wurde zu 10 Jahren Strafe verurteilt. Meine lieben Freunde, viele Jahre sah ich mich selbst nicht als Vaterlandverteidiger, sondern als Verräter. Erst jetzt verstehe ich, dass ich unschuldig war, ich wurde doch verwundet gefangen genommen.

Ich bin jetzt sehr alt, sehe schlecht, hatte zwei Operationen an den Augen, gehe am Stock. Diesen Brief schreibt Ihnen meine Urenkelin, ich diktiere ihn lediglich.

Ihr Brief – ein großes Geschenk für mich. Für ihre Spende habe ich mir ein Hörgerät gekauft, das ich schon lange brauchte. Aber am wichtigsten für mich ist Ihre Aufmerksamkeit. Herzlichen Dank an Ihren Verein, Ihre Tätigkeit ist sehr wichtig und nützlich. Und obwohl diese Erinnerungen mich zu Tränen zwingen, ist mir leicht ums Herz, ich vergesse alles Schlimme und kann in Ruhe sterben.

Bitte, sagen Sie meinen Dank allen Leuten, die das Geld für uns, ehemalige Kriegsgefangene, spenden. Auch eine aufrichtige Verzeihung allen ehemaligen deutschen Soldaten, die nur Soldaten ihres Landes waren und ihre Pflicht erfüllten.

Mit besten Wünschen.

Tkatschuk Grigorij Iwanowitsch.

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