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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

109. Freitagsbrief (Poststempel 5. 06. 2008, Übersetzung: Viktoria Rau).

Sergej Stepanowitsch Gratschew
Gebiet Rostow.

Sehr geehrter Doktor Gottfried Eberle, Herr Eberhard Radczuweit, Herr Dmitri Stratievski.

Ihnen allen mit herzlicher Dankbarkeit.

Ihren Brief habe ich erhalten und bemühe mich schnell zu antworten.

Am 25. September werde ich 88 Jahre alt. Ich bin krank und habe schwache Augen. Ich wurde operiert, trotzdem sehe ich schlecht wegen grauem Star.

Ich bin am 26. Juni 1941 gefangen genommen und in ein Lager in den Stadt Witebsk (Weißrussland) gebracht worden. Später wurden wir in ein größeres Lager überführt. Es ist schrecklich zu beschreiben: Man wurde geschlagen, Hunde wurden auf uns gehetzt. Zu essen bekamen wir nur Balanda und 45 Gramm Brot. Gefangene starben vor Hunger und Kälte, zuerst 50 Menschen pro Tag, dann mehr und mehr, im Dezember, Januar und Februar 180 bis 200 Menschen jeden Tag. Die wurden auf Wagen geladen und weggefahren.

Es gab sehr viel Läuse, die krochen auf den Körpern, fraßen uns, zogen aus uns die letzten Blutstropfen. Und die schrecklichen Karren mit den Leichen, dort ist schon ein Platz für dich vorbereitet. Auch Lebendige wirft man manchmal da in die Grube. Wegen welcher Sünden mussten wir dieses Leid ertragen? Wenn die Menschen, die uns damals bewachten, noch leben, mögen sie sich an uns erinnern. Ich bin einen langen, schweren Weg gegangen, ich bat Gott, mir den Tod zu schicken. Doch ich überlebte.

Im April 1942 wurden wir zusammen mit Zivilisten mit einem Zug nach Deutschland abtransportiert, der Zug kam zum Verteilungspunkt in der Stadt Ulm. 80 Menschen von uns landeten in Freiburg. Dort arbeitete ich in einer Fabrik, die Dachpappe produzierte. Es war sehr schwere Arbeit, Dachpappe musste auf den Wagen geladen und weggebracht werden.

1943 wurde Freiburg bombardiert, wir sind fast umgekommen.

1945 war der Krieg zu Ende. Wieder verdammte Lager. Die Amerikaner übergaben uns im August in die sowjetische Zone. Ich gelangte ins 145. Reserveregiment, Weimar, Buchenwald. Nach Weimar kam Erfurt, dann Cottbus. In Cottbus wurde ich demobilisiert und durfte nach Hause, weil ich in der Armee war. Diejenigen, die verdächtigt wurden, gelangten in den Norden, wieder in Lager, Karzer. Und zu Hause sah man mich als zweitklassig an, ich erledigte nur schwere körperliche Arbeit in der Grube. Ich heiratete, habe 4 Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Mein jüngster Sohn ist tragisch umgekommen, ihn tötete ein Stromschlag, er war damals 42 Jahre alt.

Ich möchte mich nicht an all diese Schrecken erinnern. 1933 erlebte ich die Hungersnot, überlebte den Krieg, jetzt ist das Leben schon zu Ende, keine Kraft mehr, der Verstand baut ab.

Ich bin dankbar für Ihre Hilfe. Natürlich, in Freiburg waren auch gute Leute. Möge es niemals mehr solche Schrecken geben! Menschen sollen unter friedlichem Himmel leben. Ich grüße alle Deutschen und wünsche Jugendlichen friedliche Wege, alten Leuten wünsche ich Ruhe und Respekt, mögen sie keinen Krieg und keine Gewalt erleben, einander lieben. Niemandem habe ich Leid zugefügt, niemanden vergewaltigt oder beraubt.

Entschuldigen Sie, dass ich schlecht schreibe, ich sehe schlecht.

Auf Wiedersehen. Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und ein langes Leben.

Mit Respekt,

Gratschew.

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