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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

107. Freitagsbrief (vom 21. Mai 2008, Übersetzung: Hilde Rodecker).

*von Filimonow Nikolaj Pimenowitsch, geboren 1917*, Invalide des Zweiten Weltkrieges
Stadt Koroljow (die vollständige Anschrift kann aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht werden, d. Ü.).

Sehr geehrte Freunde, guten Morgen!

(…) Am 07.02.2008 kam das Geld – 300 Euro.

Herzlichen Dank, ich möchte meine ganz besondere Dankbarkeit für Ihre Aufmerksamkeit und Güte aussprechen. Ich war sehr verwundert und sehr froh über die Hilfe für mich, einen ehemaligen Kriegsgefangenen.

Nun möchte ich kurz meine Geschichte des Krieges und der Gefangenschaft beschreiben.

Ich begegnete dem Krieg als Kommandeur eines MG-Zuges der 124. Schützendivision am 22. Juni 1941 um 4.00 Uhr früh an der westlichen Grenze des Flusses Bug, Stadt Sokal (Sokal'), Westukraine. Man gab Gefechtsalarm, der erste Kampf war ein Nahkampf mit dem zahlenmäßig überlegenen Feind. Am 24.06.1941 wurde unsere Division nach dem Fall der Stadt Gorochow eingekesselt. Am 29.06.1941 begann unsere Division nach schweren heldenhaften Kämpfen, die Einkesselung zu durchbrechen. Wir kämpften uns 32 Tage durch das vom Feind besetzte Gebiet, legten 650 Kilometer zurück, ohne Lebensmittelversorgung, wir aßen Pferdefleisch, es waren 120 Pferde, die wir aufgegessen haben. Ich hatte eine offene Wunde am Bein, eine Kontusion des Gehörs und im letzten Gefecht im Dorf Ljuterka wurde ich im Nahkampf schwer verwundet und kam Ende Juli in Gefangenschaft.

Nach der Gefangennahme unternahm ich den ersten Fluchtversuch, kam aber Ende August wieder in das Lager im Dorf Antoniyny in der Ukraine. Aus diesem Lager unternahm ich am 15. Oktober den zweiten Fluchtversuch Wir bewegten uns Richtung Osten, da wurden wir am 03. Dezember von der deutschen Patrouille in der Stadt Usin festgenommen und ins Lager von Belaja Zerkow [Stalag 334] in der Nähe von Kiew gebracht. Ende Dezember 1941 wurden 150 Leute ins Lager des Dorfes Rakitnoje gebracht, wo wir in einem Schweinestall wohnten und Pflastersteine herstellten. Im Winter 1941/1942 mussten wir bei bis -35 ° in leichter Bekleidung draußen arbeiten und froren wahrscheinlich genau so, wie die deutschen Soldaten bei Moskau. Da erkältete ich mich, bekam Furunkulose und Tuberkulose und war nur noch ein Knochengerüst.

Im Mai 1942 wurde ich zurück ins Lager Belaja Zerkow gebracht. Anfang Juni 1942 auf dem Weg mit dem Zug ins Lager der Stadt Drogobytsch [Stalag 325Z in der Ukraine](Moldawien) sägte unsere Gruppe von 8 Personen das Fenstergitter an, denn wir wollten uns bei voller Fahrt des Zuges durch das Fenster davonmachen. Aber wir hatten Pech, der Plan wurde entdeckt und jeder zehnte von uns 60 Gefangenen wurde erschossen. Ich hatte Glück, ich war in der Kolonne der neunundzwanzigste.

Aus dem Lager der Stadt Drogobytsch wurden wir am 2. Juli 1942 mit dem Zug ins Stalag 326 nach Westdeutschland unweit von Dortmund gebracht. Im Stalag 326 bekam ich die Nummer 28300 und uns, eine Gruppe von 400 Personen, brachte man in die Grube in der Stadt Oberhausen. Dort arbeiteten wir in der Tiefe von 950 Meter, höllisch schwere Arbeit, die Norm war 9,5 Tonnen Kohle, 50% der Gruppe fielen wegen Unterernährung aus. Einmal, es war Montag, Ende Juli 1942 mache ich den dritten Fluchtversuch, eine Chance von 100.

Es war am Morgen während man uns zum Aufzug durch einen Gang führte. Mein Freund und ich liefen durch eine Tür und hatten Glück, die Wache merkte es nicht. Acht Tage lang versuchten wir, Oberhausen zu verlassen, das ist eine lange Geschichte, mein Freund blieb etwas zurück und kam wieder in die Hände der Wachen.

Ich fuhr in einem Postwaggon zwei Tage und zwei Nächte von Dortmund bis nach Aachen, durch einen großen Teil des Westens von Deutschland. Am frühen Morgen wollte ich dann in den Güterzug umsteigen, der mit Vieh beladen, neben mir stand, und wurde von einem Schaffner bemerkt und der brachte mich zum Vorgesetzten, einem Offizier. Ich sage es ehrlich, der Offizier war ein guter Mensch, er verhörte mich ohne Schläge, er hat an meiner Bekleidung als Bergmann gesehen, woher ich komme, und ließ zwei Wachsoldaten kommen. Ich war äußerst überrascht, als ich diese zwei Wachsoldaten sah, die mich wieder zurück ins Lager brachten, aus dem wir geflüchtet waren.

In diesem Lager musste ich ein schweres Verhör durchmachen, drei Soldaten entkleideten mich in einem Luftschutzkeller, schlugen mich brutal, ich verlor die Sprache und wurde dann in einer Kammer eingesperrt. Am Abend wurde ich vor die gesamte Belegschaft des Lagers gestellt, der Inhaber schrie fürchterlich, nannte mich Stalins Bandit und ordnete an, mich am nächsten Morgen zu erschießen.

Am nächsten Morgen öffnete ein Soldat die Tür, gab mir 100 Gramm Brot und ein Stückchen Leberwurst und dann wurde ich nach Bocholt VI F, drei Kilometer von der holländischen Grenze gebracht, das war am 6. August 1942. Dort war ich im allgemeinen Lager 3 Tage, ich wurde nicht geschlagen, aber musste Handschellen tragen und ich hing dann so, solange ich Kraft hatte, so hatte es der Hauptmann (Wachtmann) [Original deutsch in kyrillischen Buchstaben], befohlen. Dann wurde ich in die Strafbaracke gebracht – „SK“-Strafkommando, wo noch 4 Sträflinge einsaßen. Die Isolierbaracke war mit dichtem Stacheldraht umzäunt, isoliert von den anderen Insassen. Da blieb ich bis zum 03. Februar 1943. Dann brachte man uns drei Strafgefangene in eine Sandgrube nördlich der Stadt Haltern. Die Arbeit war sehr schwer, wir mussten 18 Loren – 18 Tonnen harten Sand auffüllen. Ich war sehr schwach nach Bocholt, der Meister trieb uns zur Eile, er stieß mich mit der Pistole in die Seite und fragte immer, warum der Wagen nicht voll ist.

Kurz darauf hat mich ein Verräter denunziert, da ich für eine Flucht warb. Der Kommandant war erschrocken, sagte, die Nummer 28300 arbeitet nicht, und schickte mich in eine andere Sandgrube 7 km von Haltern am Dortmunder Kanal, das Kommando 1482. Hier war die Arbeit noch schwerer, wir arbeiteten jeden Tag außer Sonntag und mussten Lastkähne mit 500 Tonnen Sand beladen und durften nicht weg, bevor der Lastkahn voll war, so war der Befehl des Chefs Willi. Zum Lastkahn fährt man die Lore bergab, aber der Rückweg war bergauf, alleine, so dass es die Kniegelenke nicht mehr schafften vor so viel Anstrengung.

Diese Schinderei hielt ich von Mai bis Oktober 1943 aus, dann organisierten wir zu viert am 15.10.1943 erneut eine Flucht, meine vierte, aber die zweite in Deutschland.

Das ist auch wieder eine Geschichte für sich. Wir waren einen Monat unter extremen Bedingungen auf der Flucht, zwischen Himmel und Erde, zweimal sah ich dem Tod in die Augen: das erste Mal – eine Vergiftung mit einem chemischen Salz, das wir für Kochsalz hielten. Das zweite Mal vergiftete ich mich mit Wasser aus dem Straßengraben. Zwei Kumpel blieben zurück und wir zwei legten 400 km zurück und konnten in einem Zug die Weser überqueren, die Wachen haben uns nicht gesehen. Am 15.11.1943 gingen wir durch eine Siedlung, dort fasste uns die Polizei und übergab uns in ein Lager – Arbeitskommando. Der Kommandant verhörte uns in der Nacht, wir wurden geschlagen, entkleidet und in getrennten Räumen in einer Baracke eingesperrt, bei -3 Grad.

Am Morgen mussten wir in unseren schmutzigen Unterkleidern die Klos saubermachen und damit das Grundstück des Kommandanten düngen. Über den ganzen Tag bekamen wir ein Glas Wasser und 50 Gramm Brot. Am nächsten Tag wurden wir ins KZ Fallingbostel [Stalag XI D] in der Nähe von Hannover gebracht, wo, wie wir hörten, 100 000 Häftlinge untergebracht waren. Nach dem Verhör waren wir getrennt in Einzelkammern, und Anfang Dezember 43 kamen wir zurück ins Lager Bocholt, wo wir nach einem Verhör ohne Schläge (Gott sei Dank!) wieder in die Isolierkammer „SK“ kamen

Im April 1944 schickte man mich zurück in die Grube 1482, von wo wir geflüchtet waren, der Chef Willi ließ mich nicht in Ruhe und ließ mich besonders streng vom Meister und den Wachsoldaten bewachen.

Ende März 1945 war ein Luftangriff der amerikanischen Flieger auf unser Lager, es fiel eine Bombe und die fiel in den Kanal. Danach wurden wir evakuiert.

Wir haben uns zu fünft zusammengetan und flüchteten wieder. Am 31.03.1945 verließen wir den Wald und gingen zu den amerikanischen Truppen in der Stadt Olda [Oelde], wo unsere Gefangenschaft zu Ende war. Die Alliierten behandelten uns sehr gut, ich kam zu einem Sammelpunkt in Paderborn. Am 01.08.1945 setzten uns die Amerikaner in ein Auto, brachten und über die Elbe und übergaben uns an die sowjetische Besatzung.

In Goldberg [Mecklenburg ?]durchlief ich die erste staatliche Prüfung, 800 Mann des Kommandeurkaders kamen mit dem Zug zum Sammelpunkt, zur Station Alkino. Dort durchlief ich die zweite Prüfung vom SMERSCH und wurde als Unterleutnant der Reserve demobilisiert und nach Hause ins Gebiet Rjasan entlassen. So habe ich dank unserem Herrgott und meinem starken Organismus alle Heimsuchungen des Schicksals bestanden und kam in mein Elternhaus zurück, zu meiner Mutter, die die acht Jahre – von 1938 bis 09.12.1945 –, die sie mich nicht gesehen hat, für mich gebetet hat.

Nun begann mein Leben in Frieden. Am 12. April 1946 habe ich angefangen zu arbeiten, übernahm die Buchhaltung in der Kolchose und arbeitete bis Mai 1947. Ich heiratete und zog nach Moskau um. Ich schloss Meisterkurse für die Herstellung von Mineralwatte nach amerikanischer Technologie ab, dann wurde ich Obermeister, stellvertretender Abteilungsleiter. Am 07.04.1948 starb meine erste Ehefrau. 1951 wechselte ich meine Stelle und wurde Meister für die Sicherheitskontrolle, wo ich 32 Jahre in verschiedenen Funktionen, z.B. Leiter der Betriebssicherheitskontrolle, tätig war. 1950 heiratete ich noch einmal und zog nach Koroljow, Gebiet Moskau, wo ich bis jetzt in der (…) mit meiner Tochter aus der zweiten Ehe wohne.

So langsam vergeht unser wunderbares Leben auf dieser Erde in der Hast des Tages.

Am 9. Dezember 2007 bin ich 90 geworden. Das alles dank dem Schicksal und unserem Herrgott, dass man ungeachtet der schweren Zeiten am Leben ist und ein friedliches Leben führen kann. Hinsichtlich der Gesundheit muss ich sagen, dass ich mit vielen Krankheiten zu kämpfen habe, die ich mir in der Kriegszeit zugezogen habe. So musste ich eine Behindertenrente wegen allgemeiner Erkrankungen und der Kriegsverletzungen beantragen

Ich schließe meinen Brief und bitte Sie, meine Schrift und meine Schilderung mit meinem Gesundheitszustand zu entschuldigen, ich habe geschrieben, wie ich denke, mit viel Achtung vor Ihnen für das gute Verhalten zu uns, den ehemaligen Kriegsgefangenen und zu mir persönlich, auch für die materielle Hilfe. Nochmals vielen herzlichen Dank für Ihre Aufrichtigkeit. Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und Wohlergehen für die hoffentlich vielen Jahre Ihres Lebens.

Mit inniger Hochachtung.

Nikolaj Pimenowitsch und meine Tochter Raja /Mit unsere Got/ (Original deutsch] 23.04.2008.

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