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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

106. Freitagsbrief (25.07.2008).

Die uns beschriebenen Nachkriegsschicksale sind höchst unterschiedlich. Nicht alle aus deutscher Gefangenschaft kommenden Sowjetsoldaten waren Repressionen ausgesetzt. Die hier geschilderte freundliche Nachkriegsgeschichte ist jedoch eine Ausnahmeerscheinung.

Russland
Moskau
Boris Timofejewitsch Kiselew.

Guten Tag, sehr geehrte Herren Eberhard Radczuweit und Dmitri Stratievski! Vielen, ganz vielen Dank für den Brief aus Berlin vom 20.02.2008.

Ja, ich bin einer von denen, die durch eine Verwundung in Kriegsgefangenschaft gekommen sind.

Es war am 02. Juli 1942 in der Heldenstadt Sewastopol (Hospital in der Bucht Kamyschowaja). Uns, die Verwundeten, brachte man mit Pferdewagen ins Gefangenenlager in Bachtschisaraj. Man gab uns Kleie, eingerührt in Wasser aus dem Fluss, sowie einen Laib Brot für 6 Personen. Am Sonntag legte man in die „Suppe“ ein Stück ranzig gewordene Margarine. Es gab keine medizinische Betreuung. In den Wunden gab es Maden, in der Kleidung – Läuse. Dann kam Simferopol. Bei der Ausfahrt versuchten wir zu fliehen. Wieder gefangen genommen, geschlagen (mir wurden zwei Schneidezähne ausgeschlagen), dann brachte man uns ins Gefängnis von Dnepropetrowsk. Dann das Todeslager Slawuta, danach Schepetowka. 1943 bin ich gesund geworden, man schickte uns zur Arbeit, wir ernteten Zuckerrüben. Dann – Polen, Kreis Katowice, Tscherwony Grube. Dort arbeitete ich als Kohleschürfer (in der Tiefe von 800 Metern warfen wir die Kohle in Loren). Meine Wunden begannen zu eitern, und ich wurde an die frische Luft geschickt (Gefangenenklos reinigen). Die Sowjetarmee war in der Offensive, da wurde das Lager aufgelöst, und wir kamen über die Tschechoslowakei nach Deutschland. Wir fanden uns in Lamsdorf wieder.

Aber bald waren dort amerikanische Panzer. Nach zwei Tagen wurden wir den sowjetischen Truppen übergeben. Die Amerikaner setzten uns in Lastkraftwagen und brachten uns zur Demarkationslinie. Wir gingen zu Fuß durch Polen bis zum Lager Wallau. Dort wurden wir geprüft. Mich ließ man im Lager. Ich wurde Redakteur der Wandzeitung. Einmal kamen Vertreter von Kurhospitälern für sowjetische Offiziere aus Solnze-Sdruj. Sie wählten 20 Personen aus, ich war auch dabei. Dort wurde ich Kommandant des Sanatoriums. Dann schrieb ich einen Brief an Rokossowskij nach Litschnisa (?) mit der Bitte, mich nach Hause zu lassen. Nach einem Monat wurde ich entlassen und kam ins Lager Wallau, dann nach Grodno. Nach der Prüfung wurde ich entlassen.

In Moskau wurde ich wieder geprüft und begann mit den Aufnahmeprüfungen an der Pädagogischen Hochschule „W.I. Lenin“ und wurde immatrikuliert. 1951 absolvierte ich die Hochschule mit Auszeichnung. Freiwillig fuhr ich nach Ulan-Ude (Burjatien) als Geographielehrer.

1954 kehrte ich nach Moskau zurück und begann als Lehrer in der Schule Nr. 31 des Frunsenskij Stadtbezirks von Moskau. 1958 wurde ich Direktor der Siebenklassenschule. 1962 bekam ich die neu gebaute Schule Nr. 256 des Gagarinski Stadtbezirks. 1978 ging ich an die Schule für Blinde und Sehbehinderte. Ungeachtet meines Alters, ich bin am 12. September 1923 geboren, arbeite ich immer noch paar Stunden, weil man mich nicht gehen lassen will. Ich bin auch noch ehrenamtlich sowohl bei meiner Arbeitsstelle als auch da, wo ich wohne, tätig, ich bin Vorsitzender des Sowjets der Veteranen. Oft halte ich Vorträge in der Schule und dichte. Ich habe einen Sohn und bin mit meiner Frau schon 56 Jahre verheiratet, Kriegsveteran, Ehrenmitglied der Volksbildung der Russischen Föderation. Ich bitte um Entschuldigung für meine schlechte Schrift, es ist die Folge einer Schädelprellung aus dem Jahr 1942.

Kiseljow Boris Timofejewitsch.

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