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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

104. Freitagsbrief (vom 11.07.2008, Übersetzung: Gisela Niedermeyer).

Der 86jährige Herr Chalewitzkij aus Jekaterinburg – Meteorologe von Beruf – war vom 13. Mai 1942 bis zum 14. März 1945 in deutscher Kriegsgefangenschaft. Sein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen macht seinen elfseitigen Brief – hier kann er herunter geladen werden – zu einem besonders wertvollen Dokument. Hier folgt eine stark gekürzte Fassung.

Russland
Jekaterinburg
Zinowij Zacharowitsch Chalewizkij.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins Kontakte-KOHTAKTbI e.V., (…) Ich bestätige den Empfang Ihres Briefes vom 20.06.2007. Es ist sehr bezeichnend, nach mehr als 60 Jahren als Zeuge zu erleben, dass es in Deutschland und Russland Gleichgesinnte in der Bewertung des geschehenen, zum Himmel schreienden Unrechts gibt – sowohl hinsichtlich des deutschen Überfalls auf Russland (Sowjetunion) als auch hinsichtlich der grauenhaften Internierung der gefangenen sowjetischen Soldaten hinter Stacheldraht sowie ihres schweren Schicksals nach dem Krieg. (…)

Die schlimmsten Erfahrungen als Lagerinsasse machte ich hier im Lager Nr. 774 ab Ende 1942 sowie in der ersten Hälfte des Jahres 1943, wenn man die erste Woche in Gefangenschaft und die letzte Woche im Lager VI-A Hemer nicht mitrechnet. In diesen Zeitraum fällt die schwere Zwangsarbeit in den Steinbrüchen der Kalkwerke Sötenich. Von den vier Begleitmännern, die auf die Gefangenen während der Arbeit in den Steinbrüchen aufpassten, waren zwei besonders hartherzig, was in bösartigen Vorwürfen zum Ausdruck kam, sei es Faulheit oder Drückebergerei beim Laden großer Steine in die Lore, sei es absichtliches Vermengen der Steine mit Erdhaufen, die in gesonderte Loren geladen werden sollten, oder Unlust, zentnerschwere Steinblöcke mit einem schweren Hammer zu zerlegen. Allein während meiner Zeit in diesem Lager erhängte sich ein Kriegsgefangener an einer mit Steinen beladenen Lore, weil er die schweren Misshandlungen nicht länger ertrug (Schläge mit dem Gewehrkolben, Fußtritte in den Magen, in den Rücken und an den Kopf des entkräfteten Gefangenen); zwei weitere starben infolge dieser Misshandlungen. Kurz vor der Ankunft unserer Gefangenengruppe hatten sich laut Erzählung der alteingesessenen Gefangenen bereits zwei Lagerhäftlinge aus den gleichen Gründen erhängt. Gleichzeitig gab es unter den Begleitmännern einen Mann, der im Beisein von Deutschen (so zu sagen vor Dritten) die Gefangenen laut anschrie, beschimpfte und sogar vorgab, sie schlagen zu wollen. In den Augen der Gefangenen war er jedoch ein guter Deutscher. Sie wussten, dass er nichts Schlechtes tun würde. Er half sogar manchmal im Steinbruch, zentnerschwere Steine mit dem Hammer zu zerlegen, unter dem Vorwand, die Stelle zu zeigen, wo der Schlag auf den Stein zu erfolgen hat, oder unter dem Vorwand sich aufzuwärmen. Er half vor allem denjenigen Gefangenen, die hinsichtlich der Ladenorm in Rückstand geraten waren. Es kam hinzu, dass die zivilen deutschen Arbeiter, die meist in einem weit entfernt gelegenen Steinbruch arbeiteten, pro Arbeitstag 15–20 Loren mit Steinen beluden, während die infolge Unterernährung entkräfteten Kriegsgefangenen es mit Mühe schafften, im selben Zeitraum drei Loren, bei einer erfolgreichen Gesteinssprengung bis zu vier Loren voll zu laden. Und wenn der Meister (so nannte man den zivilen deutschen Vorarbeiter, der die Sprengarbeiten im Steinbruch leitete und das Zählen der beladenen Loren beaufsichtigte) der Werksverwaltung pflichtgemäß meldete, dass einer der Gefangenen weniger als drei Loren voll geladen hatte, drohte am nächsten Tag Ungemach. Die Begleitmänner pressten dann mit Geschimpfe und Prügel eine höhere Lorenzahl aus uns heraus. (…)

Lager VI-A Hemer („Grube“). In dieses Lager wurden die Insassen des Kriegsgefangenenlagers Nr. 705, bewacht von einer Eskorte, zu Fuß getrieben. In dem Lager befanden sich mehr als 30 000 Gefangene, darunter ungefähr 4000 Italiener und rund 1500 Franzosen, Engländer und Amerikaner, Der Rest waren sowjetische Kriegsgefangene. So zumindest lautete die Information nach der Befreiung dieses Lagers am 14. März 1945 durch amerikanische Truppen. Die Kriegsgefangenen erwartete in diesem Lager ein schreckliches Los. Nicht wenige starben kurz vor der Befreiung an Hunger, da an den ersten sieben Tagen der Inhaftierung unserer Gefangenengruppe in diesem Lager gerade einmal 100 Gramm Ersatzbrot ohne Suppe ausgegeben wurden und an den letzten drei Tagen bis zur Befreiung gar kein Essen mehr. Noch tragischer war unsere Lage an den ersten Tagen nach der Befreiung aus der Kriegsgefangenschaft. Dies hängt damit zusammen, dass die Darmwände vieler Gefangener nach der langen Zeit des Hungerns dünn wie Zigarettenpapier waren, wie die Lagerärzte feststellten, und deshalb dem Druck der aufgenommenen Nahrung nicht standhielten. Die Folge war ein Platzen des Darms. So besaßen längst nicht alle ehemaligen Kriegsgefangenen die Willenskraft, der Empfehlung der Ärzte, nicht mehr als 50–100 Gramm leichte Nahrung zu sich zu nehmen, zu folgen. Aber wie sollte ein stark ausgehungerter Mann bei dieser vollwertigen amerikanischen Soldatenverpflegung auch widerstehen?! (Die Essensration wurde gleich für drei Tage ausgegeben und bestand aus Zwieback, Gebäck, Fleischkonserven verschiedener Sorten, Kaffee u. a.) An den ersten Tagen nach der Befreiung starben hunderte und mehr Männer pro Tag schon nicht mehr an Hunger, sondern infolge unvorsichtiger Nahrungsaufnahme. Und dies obwohl die Lagerärzte beinahe stündlich über Lautsprecher die ehemaligen Kriegsgefangenen warnten: Wenn ihr nicht sterben wollt, dann esst nur kleine Portionen. Erst nach 7–10 Tagen begannen diejenigen von uns, die die Zeit des allmählichen Übergangs vom Hungern zur normalen Nahrungsaufnahme überstanden hatten, sich zu erholen und wieder ein mehr oder weniger menschliches Aussehen anzunehmen. (…)

Ich kann nicht umhin anzumerken, dass es in meinem Leben nach der Heimkehr trotz der großen Bildungs- und Berufschancen auch negative Erscheinungen gab, die mit dem Kriegsgefangenenstatus in meinem Vorleben zu tun haben. In meinem Vaterland entwickelte sich nämlich nach dem Krieg eine negative Einstellung nicht nur gegenüber denjenigen, die aus freiem Willen in deutsche Gefangenschaft geraten waren (es gab solche), sondern auch gegenüber denjenigen, die unfreiwillig in Gefangenschaft geraten waren (dies war die absolute Mehrzahl). Sowohl die Medien als auch hochrangige Regierungsmitglieder (des ehemaligen sozialistischen und des jetzigen kapitalistischen Regimes) drücken sich aus einem bestimmten Grund um die Frage, wie die eigenen Soldaten, die unfreiwillig in Gefangenschaft geraten waren, vor Misstrauen und Argwohn geschützt werden können. Ich verstehe es bis heute nicht: Warum wird diese Ungerechtigkeit aufrechterhalten? Dies quälte und quält die ehemaligen Kriegsgefangenen, die in den Fleischwolf des Krieges gerieten, schwerste Zwangsarbeit leisten mussten und in NS Kriegsgefangenenlagern die Hölle durchlebten. (…)

Jekaterinburg, 03.07.2007 Z.Z. Chalewitzkij, ehemaliger Kriegsgefangener (Unterschrift)

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