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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

103. Freitagsbrief (4.07.2008).

Bei der Ablehnung unseres Appells, den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen die Anerkennung als Naziopfer nicht länger zu verweigern, wird von regierungsamtlicher Seite die Begünstigung von kriegsgefangenen KZ-Häftlingen genannt. Dabei wird verschwiegen, dass ehemalige KZ-Insassen abgelehnt werden, deren Karteikarten von der Wehrmacht verwaltet wurden. Erst wenn die Karten in die SS-Verwaltung überführt worden waren, galt der Bundesrepublik Deutschland ein ehemaliger Kriegsgefangener als „leistungsberechtigt“. Höchstens 3000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, die im KZ waren, wurden „entschädigt“. Herr Tabartschuk zählt nicht dazu.

Ukraine
Kiew
Wasilij Nikolajewitsch Tabartschuk.

An Herrn Eberhard Radczuweit von Tabartschuk, Wasilij Nikolajewitsch, dem ehemaligen Kriegsgefangenen von Nazideutschland.

Ich möchte Ihnen meine Dankbarkeit für die humanitäre Geldhilfe aussprechen, die mir der Verein „Kontakte“ hat zukommen lassen. (…) Es ist nur schade, dass es von Seiten der deutschen Regierung keine gebührende Aufmerksamkeit und Aktivitäten in dieser Richtung gibt, denn solche Überlebende gibt es nicht mehr viele. Am 14.07.2008 werde ich 90. Vor Kriegsbeginn habe ich in einer Grube in Donbass, einem ähnlichen Gebiet wie das Ruhrgebiet in Deutschland, gearbeitet. Anfang des Krieges wurde ich eingezogen und zur Verteidigung von Dnepropetrowsk entsandt. Nach dem Verlust der Stadt wurde die Division verlegt und zur Verteidigung von Charkov entsandt. Am 4. November 1941 geriet die Division in einen Kessel, ich wurde durch einen Splitter am Arm verwundet und kam in Gefangenschaft; ich wurde in einem Eisenbahnwaggon nach Deutschland abtransportiert. Anfang Januar 1942 landete ich im Lager Nr. 305, 60 Kilometer von Berlin entfernt[*]. So begann mein Leben in der Gefangenschaft. Täglich wurden wir unter Geleit zum Bau einer Straße gebracht. Wir haben Eisenbahndämme aufgeschüttet, Eisenbahnschwellen und -schienen verlegt. Von morgens früh bis abends spät. An einem von solchen Tagen haben mein Kamerad und ich einen Fluchtversuch in den nahegelegenen Wald unternommen, dann kamen Verfolgung und Schießerei. Mein Kamerad wurde verwundet, ich jedoch irrte drei Tage im Wald herum, bis man mich mit Hilfe von Hunden erwischt und in ein Berliner Gefängnis verbracht hat. Ungefähr drei Monate war ich in einer Zelle für Strafgefangene, wo außer mir noch gegen 100 Menschen waren. Dann hat man uns, insgesamt cirka 500 Personen, in Güterwagen in das Vernichtungslager Mauthausen verbracht, wo auch der gut bekannte sowjetische General Karbyschew war. Es ist wahrscheinlich nicht nötig, an dieser Stelle all die Schrecken zu beschreiben, die ich und hunderttausende Gefangene deutscher Konzentrationslager in den langen Jahren der Gefangenschaft durchmachen mussten. Ich kam in die Baracke Nr. 20, von da war der Schornstein des Krematoriums, aus dem immer dicke Rauchschwaden kamen, gut zu sehen. Dort wurden die Körper der Gefangenen verbrannt, die die schweren Lebensbedingungen nicht ausgehalten haben. 1943 wurden in der Gegend von Graz Bauarbeiten für ein unterirdisches Werk geführt. In unserem Lager wurden solche aussortiert, die mit Technik umgehen konnten, so kam auch ich als Grubenarbeiter in diese Gruppe. Wir wurden bei Sprengarbeiten in einer Gebirgsgegend in der Nähe von Graz eingesetzt. Hier war es nicht so streng wie in Mauthausen, aber als sich die Sowjettruppen der österreichischen Grenze näherten, wurden wir zurück nach Mauthausen geschickt und blieben dort bis zum 05. Mai, als uns die amerikanischen Truppen befreit haben. Zum Moment meiner Befreiung war ich 27 Jahre alt und wog 43 Kilo, sodass es mir selber schleierhaft ist, wie ich überleben konnte. Drei Monate wurde ich im sowjetischen Hospital in Wien behandelt und kehrte erst im August 1945 in die Heimat zurück. Zur Zeit wohne ich zusammen mit meinem behinderten Sohn in der Hauptstadt der unabhängigen Ukraine – in der Stadt Kiew. Leider ist unser eigenes Land nicht so reich, um vollständig seine Pflicht gegenüber den Verteidigern vor dem faschistischen Regime zu erfüllen. Ich kann nur mit großer Mühe gehen, dabei muss ich oft in die Poliklinik, also mit dem öffentlichen Verkehr fahren, was für mich ein großes Problem ist. Wenn Sie Interesse an meinem Brief haben, bin ich gerne bereit, auf Ihre Fragen betreffend meine Lebenserinnerungen zu antworten. Es ist unmöglich, alles in einem Brief zu schreiben. Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit, haben Sie und Ihr Kollektiv nochmals meinen aufrichtigen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Hilfe. Ich wünsche Ihnen allen gute Gesundheit, Kraft und Beharrlichkeit in Ihrer edlen Sache.

Hochachtungsvoll

Tabartschuk W. N.

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[*] Das Stalag 305 wurde in Ludwigsburg/Württemberg aufgestellt und in die Ukraine verlegt. Lager in Deutschland wahrscheinlich Stalag 304 Zeithain und Verlegung nach Stalag IIIA Luckenwalde. (S. Suchan-Floss).

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