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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

102. Freitagsbrief (27.06.2008).

Russland
Gebiet Lipezk
Bezirk Dan´kowskij
Wasilij Petrowitsch Kirilow.

Einen guten Tag; ich grüße Sie!

Ich habe Ihren Brief und die materielle Unterstützung erhalten; vielen Dank. Ich bin Ihnen dankbar für Ihr Verständnis und Ihre Anteilnahme. Der Frieden auf diesem Planeten ist jederzeit möglich, wenn er nur gewünscht wird und wenn ein aktives Streben danach besteht. Fehler, die von den regierenden Köpfen einzelner Staaten begangen werden, kommen das eine oder andere Volk manchmal teuer zu stehen. Ich für meinen Teil hege keinen Groll. Die Zeit heilt die Wunden. Der jungen Generation in Ihrem Land würde ich gerne wünschen, nie wieder jene vergangenen Fehler unserer Völker zuzulassen, die uns in gegenüber liegenden Gräben haben zusammenstoßen lassen. Schließlich sind wir alle Menschen und haben den einen Gott.

Mein Name ist Wasilij Petrowitsch Kirilow, geboren bin ich am 23.04.1922 im Dorf Dmitrijewka, Bezirk Dan´kowskij, Gebiet Lipezk (zuvor Gebiet Rjazan'). Im November 1941 bin ich zur Armee einberufen worden. Gedient habe ich in der 3. Armee, 6. Gardedivision. In den Jahren 1941 und 1942 war ich an vorderster Frontlinie. Habe in der Schlacht am Orlowsk-Kursker Bogen gekämpft. In Gefangenschaft geriet ich bei der Ausführung einer Gefechtsaufgabe. Unser Bataillon war zur Aufklärung in ein nahe gelegenes Dorf marschiert. Dort gerieten wir unter Beschuss. Als ich zu mir kam, verstand ich, dass ich mich im Gefängnis der Stadt Orel befinde. Es stellte sich heraus, dass außer mir keiner von meinen Kampfgenossen dort war. Bloß kriegsgefangene Kasachen umringten mich.

Von 1942 bis 1943 befand ich mich im Gefängnis von Orel. Im Sommer 1943 wurden wir zunächst nach Smolensk verlegt, danach nach Minsk und weiter nach Buchenwald. Von Buchenwald aus brachte man uns in einem anderen Lager unter: Zeithain. Ich habe für Gutsbesitzer arbeiten müssen, im Steinbruch (unklar; möglich auch: Lehm- oder Sandgrube d. Übers.). Später fand ich mich bei der Holzbeschaffung wieder. Meine Gruppe bestand aus 35 Mann. Das Leben war uns zur Hölle geworden. Sich damit abzufinden schien uns nicht möglich. Zu verlieren hatten wir nichts. So haben wir den Entschluss gefasst, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Hungrig, frierend, kaum bekleidet und ohne Schuhwerk, haben wir übernachtet, wie es gerade kam. Wir verloren die Orientierung und sind der Sonne gen Osten gefolgt. Dann wurden wir gefangen genommen, man schickte uns wieder zurück ins Lager. Dort war man erneut gezwungen, für verschiedene Gutsbesitzer zu arbeiten. Wir liefen mit Fußfesseln umher und waren in Lumpen eingehüllt. Ich magerte stark ab. Wir haben einander beigestanden, soweit es die Kräfte zuließen. Bei Nichtgehorsam konnten sie einen zu Tode prügeln, zu zusätzlicher Arbeit zwingen, obendrein hat es Schläge mit dem Gewehrkolben oder mit einem Knüppel gegeben.

Bis April 1945 befand ich mich in Gefangenschaft. Befreit haben uns die Amerikaner. Nach der Befreiung sind wir in die Westukraine abkommandiert worden, um die Wälder von den Bandera-Leuten zu säubern. Wir mussten lange Untersuchungen durchlaufen; mir hat man keinen Pass ausstellen wollen, da ich als Verräter galt. Von Januar 1946 bis ins Jahr 1947 hinein habe ich dann das zerstörte Stalingrad wiederaufgebaut. An die Jahre des Krieges denke ich mit Schrecken zurück. Ich erinnere mich, wie man in der Gefangenschaft einen Popen in unsere Mitte einschleuste. Das war ein verkleideter Verräter. Fortan wurde jeder, der sich über das schwere Leben beklagte, am nächsten Morgen abgeführt und erschossen. Unter den Gefangenen wurde eine rege Agitation entfaltet. Sie täuschten einen, damit man sich verriet. Auch zum Eintritt in Wlassows Armee wurde man agitiert. Ich habe mich von dieser Provokation nicht beeinflussen lassen. Was für eine Art Armee das gewesen ist, habe ich von Kameraden am Ende des Krieges erfahren. Im Winter pflegten sie uns manchmal in die Banja zu hetzen; dort seiften wir uns ein – und raus auf den Schnee, wo sie uns mit eiskaltem Wasser übergossen. Ausgezehrte Menschen haben das nicht überlebt. Es ist sogar vorgekommen, dass sie kaum bekleidete Russen lebendig im Schnee vergraben haben. Tag und Nacht kam Rauch aus dem Krematorium. Es ist zu Fällen von Kannibalismus gekommen in dieser Ausweglosigkeit.

Nach dem Krieg und vor dem Gang in den verdienten Ruhestand habe ich in meiner heimatlichen Sowchose als Fahrer gearbeitet. 1950 habe ich geheiratet. Meine Frau war ebenfalls an der Front gewesen, als Flakhelferin. Sie ist mit 18 Jahren an die Front, gleich nach der Schule. Gedient hat sie in der 2. Ukrainischen Front. Der Sieg traf sie in der Tschechoslowakei an. Sie pflegte sich mit Grauen daran zu erinnern, wie der Dnepr forciert wurde. Nach dem Gefecht liefen sie, also die Mädchen, zum Fluss, um zu baden … Voller Entsetzen stürzten sie wieder vom Wasser weg, als sie sahen, dass der Dnepr blutig rot war, und dass unzählige Leichen den Fluss hinab trieben. In der Tschechoslowakei hat die ansässige Bevölkerung während der Siegesparade geschaut, wo denn die Russen ihre Hörner hätten. Solch ein Stereotyp hatte sich bei ihnen gebildet in Bezug auf Russen. Zusammen mit meiner Frau habe ich drei Töchter großgezogen. Die Älteste ist 1994 gestorben, vor zwei Jahren dann habe ich auch meine Frau verloren. So blieb ich alleine zurück. Ich lebe in einer kleineren Wohnung, die der Sowchose gehört. Was die Ausstattung anbelangt, so verfügt sie über eine Gasheizung (wörtlich: Gasherdheizung; gemeint ist wahrscheinlich: Gasherd und Gasheizung, d. Übers.) und ein Telefon. Das Leben hat bei mir seine Spuren hinterlassen, meine Gesundheit ist stark angeschlagen. Wegen meiner Sehbehinderung bin ich als Invalide der 1. Gruppe eingestuft; zudem habe ich noch eine ganze Reihe anderer Berufskrankheiten. Schwer war mein Leben, doch für andere mag es noch schwerer gewesen sein. Alles zu beschreiben wäre unmöglich. Ich bin Euch guten Menschen dankbar für Eure Aufmerksamkeit und die Anteilnahme. Frieden Euch und Euren Familien, Glück, Gesundheit und Wohlergehen.

Kirilow W. P.

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