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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

101. Freitagsbrief (20.06.2008).

Russland
Gebiet Lipezk
Lasar´ Wladimirowitsch Klimow.

Sehr geehrter Herr Radczuweit,

Es schreibt Ihnen die Tochter des ehemaligen Kriegsgefangenen Klimow Lasar´ Wladimirowitsch. Im Namen meines Vaters übermittle ich Ihnen mit dessen Erlaubnis seine Erzählung über sein Leben.

Ich bin schon 96 Jahre alt. In der Familie meiner Mutter waren sieben Kinder. Vater verstarb bereits 1933. Schon mit 8 Jahren begann ich zu arbeiten, meiner Familie zu helfen. Mit den Jahren wuchsen meine Geschwister heran, der Wohlstand meiner Familie verbesserte sich, … doch alles wurde vom Krieg durchkreuzt. Schon 1939 nahm ich teil an den Kämpfen mit Finnland. Von 35 jungen Soldaten aus meinem Dorf kamen 1940 lediglich 10 zurück. Ohne der Familie irgendwie helfen zu können, wurde ich am 19. März 1941 erneut zur Armee einberufen. Zu Hause verblieben meine Frau und zwei Kleinstkinder.

Unser 193. Pionierbataillon befand sich in Litauen, 4 km von der Westgrenze entfernt. In der Nacht zum 22. Juni 1941 waren wir als eines der ersten Angriffen der Hitlertruppen ausgesetzt. Infolge der Explosionen heulten Himmel und Erde. 4 Uhr morgens war der Krieg erklärt worden. Das Feuer erwidernd zogen wir uns in einen Wald zurück. Patronen und Nahrung gingen zu Ende, es gab kein Wasser. Am 10. Tag wurden die überlebenden Soldaten umzingelt und gefangen genommen. Die Verwundeten abtransportiert, die übrigen abgeführt. Angekommen am Bestimmungsort wurden alle in Baracken untergebracht.

Im Herbst 1941 wurden wir in einen Wald verlegt. Das war in der Nähe der Stadt Eisenstein [Original deutsch, eventuell Stalag 318 Lamsdorf Oberschlesien]. Im Wald waren für die Gefangenen abgeholzte Flächen vorbereitet worden; alles war mit Stacheldraht umzäunt. Bewacht wurden wir von Soldaten mit Schäferhunden.Herbst, Regen, Kälte. Unter Baumstümpfen gruben wir Höhlen, um dort zu dritt Unterschlupf zu finden.Infolge Typhus, Krankheiten, Hunger starben Hunderte. Vor Hunger verloren Gefangene den Verstand. Täglich erwarteten wir den Tod. Man trieb uns täglich zur Arbeit in Steinbrüche, zum Straßenbau, zum Roden von Baumstümpfen, in die Gruben von Katowice.

Einmal kam es im Schacht zu einem Einsturz; wie durch ein Wunder überlebte ich, man konnte uns ausgraben. Äußerlich waren wir wandelnden Skeletten ähnlich. Aber die deutschen Soldaten verhielten sich uns gegenüber unterschiedlich. Die Älteren hassten uns. Die Jüngeren dagegen teilten sogar manchmal ihre Ration mit uns. Zweimal floh ich aus dem Schacht – allerdings nicht erfolgreich. Im Ergebnis kam ich 9 Tage zur Gestapo, wo ich schlimm geschlagen und von Hunden gehetzt worden bin. So verbrachte ich 4 lange Jahre in Unfreiheit. Wir waren in Polen, in der Tschechoslowakei, in Deutschland …

Am 1. April 1945 wurden wir befreit. Man redete uns ein, in Russland würden Kriegsgefangene erschossen. Einige von uns blieben im Ausland. Aber auf mich warteten zu Hause Frau und Kinder. Ich lebte nur für sie. So hat mich der Tod verschont. Alles, was ich erlebt habe, hätte für 10 Menschenleben gereicht. Zwei meiner Brüder sind im Krieg gefallen. Nach dem Krieg habe ich noch eineinhalb Jahre in der Armee gedient. Nach Hause kam ich am 8. November 1946. Bis 1976 arbeitete ich in der Tierproduktion eines Kolchos. Zweimal bin ich mit dem Orden „Veteran der Arbeit“ ausgezeichnet worden. Ich habe 4 Kinder, 7 Enkel und 4 Urenkel. Einen Schulabschluss habe ich nicht, aber ich lese hin und wieder – allerdings meist Kriegs- und Geschichtsbücher. Ich höre Radio, sehe Fernsehübertragungen an. Mein Gedächtnis ist gut. Für irgendetwas hat mir der Herrgott ein solch langes Leben geschenkt, vielleicht habe ich wenig Sünden auf mich geladen. Ich wünsche allen, dass unsere Kinder, Enkel und Urenkel nie und nimmer einen Krieg erleben müssen.“

Das Leben meines Vaters ist das Leben eines einfachen russischen Bauern bei schwerer Arbeit. Seine Generation hat Hunger, Krieg und Tod aushalten und überleben müssen. Wir – die Kinder und Enkel – sind angehalten, von ihnen Mut, Ausdauer, Menschenwürde zu lernen. Obwohl er alle Schrecken des Krieges erlebt hat, blieb Vater ungebrochen, ist nicht verbittert. Er ist gesellig, liebt die Menschen. Er hat niemals mit seinem Schicksal gehadert  – es immer so genommen, wie es sich ergab.

Mit Hochachtung – mein Vater Klimow Lasar´ Wladimirowitsch und ich – seine Tochter Skljarenko Antonina.

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