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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

100. Freitagsbrief (13.06.2008).

Russland, Gebiet Moskau
Bezirk Tschechowskij
Boris Aleksandrowitsch Sasonow.

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Eberhard Radczuweit und Dmitri Stratievski,

Boris Aleksandrowitsch Sasonow war gerade noch die Zeit verblieben, Ihren Brief zu erhalten und gebührend zu würdigen. Mein Vater ist am 04.03.2008 verstorben.

Sie haben ihm die Möglichkeit gegeben, zu einem Zeitpunkt, da er es sehr schwer hatte, das Gefühl von Stolz zu empfinden. Achtung und Einfühlungsvermögen sind überaus wichtige Bestandteile im Umgang der Menschen miteinander – denn sie schließen Feindschaft und Krieg aus.

Mein Dank gilt den einfachen deutschen Menschen. Ich danke Ihnen allen für Ihre Arbeit! Wir Russen verstehen es, das Gute im Gedächtnis zu behalten. Nun aber zu Ihrer Bitte, von den Erlebnissen und Eindrücken eines Soldaten während des Krieges zu berichten. Mein Vater hat sehr wenig vom Krieg gesprochen, und auch dann nur bruchstückhaft, d.h. vor allem von den Momenten, die er besonders intensiv durchlitten hatte. Im Oktober 1941 war er 17 Jahre alt. Ein kennzeichnender Zug seines Charakters war die Gutherzigkeit, wie eine Begebenheit aus seinem Leben zeigt: Er war 16; im Haus befand sich das vortreffliche Jagdgewehr meines früh verstorbenen Großvaters. Um die anderen Jungen zu beeindrucken, hat er sich dieses Gewehr genommen und ist damit in den Wald. Im Wald sichtete er einen Hasen; es packte ihn der Jagdeifer und er ließ einen Pfiff los. Der Hase hob die Ohren an, stellte sich auf die Hinterpfoten und erstarrte … Der Junge war ein guter Schütze; nachdem er den Hasen aber geschossen hatte, empfand er keinerlei Freude, sondern bloß Erschütterung angesichts dessen, was er getan hatte. Vielleicht war es aus demselben Grund, dass er viele Jahre lang nicht das Gesicht seines ersten deutschen Soldaten vergessen konnte, den er einst als erster Schütze einer MG-Abteilung durch die Zielvorrichtung seines „Maksim“ gesehen hatte. Jener Soldat war sehr jung, gutaussehend und – er war zum Leben bestimmt! Und dann noch … kriegsgefangene Soldaten hinter Stacheldraht. Verwundet, ausgehungert, völlig abgequält. Es kommen Frauen und werfen heimlich Brot über den Drahtverhau. Der deutsche Wachposten wendet sich ab und tut so, als bemerkte er nichts. Seit ich das gehört habe, empfinde ich Achtung für die Deutschen. Mein Vater hat die Deutschen niemals angeklagt, – sogar ganz im Gegenteil: Durch ihn schätze ich die deutsche Genauigkeit und Sorgfalt, sowie deutsche Arbeit, worin sie auch immer bestehen mag; ob dies nun die Scheune in unserem Dorf ist, gebaut von deutschen Kriegsgefangenen – eine hervorragende Arbeit, oder die Gartengabel – nun schon viele Jahre lang mein bevorzugtes Werkzeug, oder auch die Lieblingsbluse und das Röckchen aus meiner Kindheit. Wenn ich heute die Wahl habe, nehme ich stets nur das deutsche Produkt. Und noch etwas vom Krieg … zwei Episoden: – Von den sechs Mann auf den Pritschen in der Baracke für Kriegsgefangene blieb er als einziger am Leben. Fünf starben an der Tuberkulose … – Als man die Gefangenen in die Banja brachte, konnte er beobachten, wie sich von den Knochen an den Füßen eines Soldaten die abgefrorenen Fersen zu ganzen Stücken ablösten, so dass nur die nackten Knochen übrig blieben … Vater selbst ist zusammen mit dem Feldlazarett in Gefangenschaft geraten. An einem seiner Füße hatte er keine Zehen mehr; an deren Stelle ragten Knochen hervor. Meine Großmutter bekam die Nachricht vom Tode zugestellt und man hat für ihn, wie es Sitte ist, in Abwesenheit die Totenmesse abgehalten. 1949 dann, er kehrte nach einer Überprüfung aus dem Lager zurück, diesmal einem sowjetischen, – und als man zu meiner Großmutter sagte, der Bor'ka käme die Straße herunter, da versagten ihr die Beine und sie kroch auf den Knien aus dem Keller, wo sie Kartoffeln sortiert hatte. Und dann hörte nach dem Krieg sein Fuß lange nicht auf, zu faulen, und man legte ihm eine Amputation nahe. Die Rettung des Fußes war nur meiner Großmutter und meiner Mutter zu verdanken, die Ärztin gewesen ist und eine Spezialistin für Knochentuberkulose. Dies waren die beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben, doch das ist bereits eine andere Geschichte …

Die vierzig Tage Trauerzeit, die unser orthodoxes Glaubensbekenntnis vorsieht, gehen am 12. April zu Ende. Bis dahin, so glaubt man, befindet sich die Seele des Verstorbenen noch im Haus …

In Dankbarkeit und mit Hochachtung,

Sasonowa O. B., Tochter von Boris Aleksandrowitsch Sasonow

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