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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Die Überlebenden der verbrannten Dörfer in Belarus.

Im Juni 2012 übermittelte KONTAKTE-KOHTAKTbI erstmals Überlebenden der „verbrannten Dörfer“ in Belarus Geldspenden als Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts.

Während der deutschen Besatzungszeit 1941–1944 zerstörte die Wehrmacht in Belarus 9.200 Ortschaften. 5.295 Dörfer wurden niedergebrannt unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung. Das Gebiet Witebsk, Bezirk Werchnedvinskij, zählt zu den meist betroffenen Regionen des Landes. 243 Dörfer wurden verbrannt. Etwa 80 Prozent aller Kriegsofer im Gebiet kamen im Rahmen der „Operation Winterzauber“ ums Leben.

Unter der Leitung des SS-Obergruppenführers Friedrich Jeckeln sollten unbewohnte Zonen im Umkreis von 40 km der vermuteten Partisanenstützpunkten geschaffen werden. Wehrmachtseinheiten, acht lettische Polizeibataillone, eine ukrainische und eine litauische Kompanie führten die Mordaktion durch, unterstützt von Artillerie, Panzer und Flugzeuge. Alle gefangenen Männer im Alter von 16 bis 50 wurden als „verdächtige Partisanen“ erschossen. Frauen und Kinder wurden beim geringsten Widerstand massakriert. Frauen wurden vielfach zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Während ihrer Fußmärsche wurden zahlreiche Behinderte, Kinder und Alte getötet. Etwa 95 % aller „Winterzauber“-Opfer waren Zivilpersonen. Nachweislich wurden „nur“ 200 Partisanen getötet.

Die Historikerin Natalia Kirillowa übermittelte uns die Namen und Adressen von 250 Überlebenden der „Operation Winterzauber“. Alle waren in einem der verbrannten Dörfer geboren und hatten zum Zeitpunkt der Razzia dort gelebt. Bis zur Befreiung des Bezirks durch die Rote Armee hatten diese Menschen keine festen Unterkünfte und überlebten hauptsächlich versteckt in schwer zugänglichen Sumpfgebieten. Sie erhalten keine Entschädigungsleistungen aus Deutschland und der belarussische Staat verwehrt ihnen Privilegien, die Kriegsveteranen zustehen.

Die 250 Begünstigten erhielten zunächst je 300 Euro und Briefe, in denen unser Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer erklärt wurde. Es folgen Solidaritätsleistungen in weiteren belorussischen Regionen.

Brief aus Scharkowschtschina.

Wladimir Jakowlewitsch Milentej
Belarus
Scharkowschtschina
Gebiet Witebsk
15. Juni 2016.

Deutschland, Berlin, Organisation „KOHTAKTbI“

Sehr geehrte Aktivisten und Leiter der Organisation „KOHTAKTbI“ sowie die Bürger Deutschlands, die für uns gespendet haben, für die Bürger in Belarus, die schreckliche Leiden des Krieges erfuhren, was die Faschisten in der Sowjetunion und anderen Ländern Europas verursachten!

Als Erstes möchten wir Ihnen für die materielle Hilfe danken, die für viele leider zu spät kommt – sie weilen nicht mehr unter uns.

Zweitens – wohl nicht weniger wichtig – [danken wir dafür,] dass es in Deutschland Menschen gibt, die den Faschismus hassen und mit uns die Tragödie des Zweiten Weltkrieges empfinden. Doch der Faschismus erhebt wieder sein Haupt in vielen Ländern: Man zerstört Denkmäler für die sowjetischen Soldaten, die Europa vom Faschismus befreit haben […].

Drittens – das waren die Verbrechen der Besatzer und ihrer Kollaborateure in Belarus. So wandte der Feind in unserem Kreis Scharkowschtschina im Gebiet Witebsk höllische Mittel zur Vernichtung der zivilen Bevölkerung in den unmittelbar an die Wälder grenzenden Dörfer an (Shurawowschtschina, Kujalewschtschina, Swily, Kuschtali, Buda, Iody), die Zivilisten wurden für Kontakte zu den Partisanen erschossen, in Häusern und Scheunen verbrannt – es war das Krematorium von Belarus. Die Menschen retteten sich in die Wälder, aus Flugzeugen wurden ihre Verstecke beschossen und bombardiert.

Auf der Heimaterde gab es keine Rettung vor den Faschisten. Retten konnten sich nur Wenige, diejenigen, denen Sie jetzt Hilfe leisten, noch einmal vielen Dank dafür!

Doch unter den Deutschen waren auch Bürger, die der Faschismus in den Krieg „gejagt“ hatte. […] Im Dorf Kuschtali, das zusammen mit seinen Einwohnern niedergebrannt wurde, hatten die Deutschen in einem der Häuser eine Küche eingerichtet, und als die Leute aus ihren Häusern vertrieben wurden, versteckten sich Kinder unter dem Ofen. Die deutschen Köche entdeckten sie aber verrieten sie nicht, sondern ließen sie in ein anderes Dorf fliehen. Diese Fakten sprechen für sich.

Natalja Wiktorowna Kirillowa hat mich, Milentej W. Ja, damit beauftragt, Listen von den verbliebenen Einwohnern der im Krieg verbrannten Dörfer zu erstellen, ich danke ihr für ihre aktive Arbeit, und Wjatscheslaw Dmitrijewitsch Selemenew* für die Erstellung von Büchern über die Ereignisse dieses schrecklichen Krieges, damit zukünftige Generationen niemals die Leiden des belorussischen Volkes vergessen werden. Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien Gesundheit, Erfolg bei Ihrer Arbeit, und dass das deutsche und belorussische Volk nicht von anderen Ländern (NATO) in einen Krieg hineingezogen werden und es nur freundschaftliche Treffen geben möge.

Mit herzlichen Grüßen,

die Bewohner von ehemaligen verbrannten Dörfern:

Milentej Wladimir Jakowlewitsch
Wojtechowitsch Fomina Grigorjewna
Borissowskaja Anfissa Nikolajewna
Nowitschjonok Wetinija Michajlowna
Sacharowa Angelina Michajlowna
Titowitsch Wenedikt Dmitrijewitsch

Belarus, Gebiet Witebsk, Kreis Scharkowschtschina

Aus dem Russischen übersetzt von Jennie Seitz.

„Diese Deutschen sind nicht schrecklich“.

Kurzer Bericht über sechs Tage in Belarus.

25. März 2013.

Vom 17. bis 23. März 2013 war ich mit unserem Mitarbeiter Dmitri Stratievski auf Einladung des Belorussischen Friedensfonds und unserer Partnerorganisation „Verständigung“ in Minsk und Werchnedwinsk. Grund der Einladung waren die durch das Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer geleisteten Zahlungen an Überlebende von im Krieg verbrannten Dörfern und die Teilnahme an einer Konferenz zum 70. Jahrestag von Chatyn.

Es war bitterkalt und der Schnee lag meterhoch. Flughafen und Straßen waren gerade von der Armee geräumt worden, als wir in einem Kleinbus von Minsk aus ins 300 km entfernte Gebiet Werchnedwinsk nahe der lettischen Grenze reisten. Vorbei an Dörfern, deren bunte Holzhäuser an frühe Chagallbilder erinnerten, durch Waldgebiete, in denen noch Bären und Wölfe hausen, kamen wir in das vom deutschen Besatzungsterror am meisten belastete Gebiet des Landes. Die Hälfte der Einwohnerschaft wurde vernichtet. Man nennt es das „Land der Obelisken“, die an vielen Orten zum Gedenken an Ermordete und verbrannte Dörfer stehen. Unser Bus hielt in Osweja. Im Halbkreis umstand die Einwohnerschaft ein Rednerpult mit Mikrophon. Jemand redete, ich verstand nichts, aber das Thema war klar. Denn vor dem Obelisken im Hintergrund präsentierten Soldaten das Gewehr, man hatte für uns Blumen zum Niederlegen mitgebracht. Dann redete ich, Dmitri übersetzte. Meine Worte müssen gut gewirkt haben, man war freundlich und gerührt. Im selben Ort gab es für uns einen Runden Tisch mit Überlebenden der verbrannten Dörfer. Meine Dolmetscherin Lena, die der Friedensrat aus Witebsk mitgebracht hatte, konnte kaum Englisch und wenige deutsche Vokabeln. Von den Antworten auf meine von Dmitri übersetzte Rede verstand ich nur den Satz einer alten Frau, die mich anschaute. „Diese Deutschen sind nicht schrecklich, das sehe ich schon. Aber damals waren sie schrecklich.“

Begrüßung mit Brot und Salz im Eingang des Rathauses von Osweja.

Es war Partisanengebiet und die Wehrmacht im Verbund mit SS-Einsatzgruppen wollte den Widerstandskämpfern die Basis nehmen, indem sie den größten Teil aller Ortschaften niederbrannte, die Einwohner tötete oder zur Zwangsarbeit verschleppte. Wir übernachteten in der Stadt Werchnedwinsk, sprachen mit der Bürgermeisterin und anderen Honoratioren und wurden ins Gebietskomitee eingeladen zum „Dialog der Generationen“ zusammen mit Historikern, Zeitzeugen, Jugendorganisationen. Ich sprach vor etwa 100 Leuten. Das Stichwort lieferte mir das zufällig übersetzte Schlusswort des sympathischen Vorredners Anton Franzowitsch: „Der Faschismus schläft nicht!“ In einer Schule zeigte man uns die beiden Räume des Schulmuseums.

Im ersten Raum reichten die Exponate vom frühen Steinwerkzeug über eine rostige Ritterrüstung, hölzernem Bauerngerät bis zu Darstellungen historischer Persönlichkeiten. Disziplinierte Schülerinnen sagten dazu ihre gelernten Texte. Im zweiten Raum war der Horror ausgestellt: Aufgesammeltes Kriegszeug des Feindes, Fotografien einstiger Dörfer, von denen nur der Kamin übriggeblieben war, verstümmelte und verkohlte Leiber von Frauen und Kindern. Ein Zehnjähriger im schwarzen Anzug und Zeigestock erklärte, was mit ihnen geschehen war. Bei der Rückfahrt nach Minsk dachte ich darüber nach, wie das Trauma der Alten sich auf Folgegenerationen überträgt.

Gespräch mit der Überlebenden eines verbrannten Dorfes.

Chatyn ist die Metapher für Tausende verbrannte Dörfer in Belarus. Am 22. März 1943 wurden die Bewohner von Chatyn in eine Scheune getrieben und verbrannt. An der zweitägigen Konferenz zum 70. Jahrestag von Chatyn im Tagungsraum des IBB-Gebäudekomplexes in Minsk, das den Namen Johannes Rau trägt, beteiligten sich neben belorussischen Historikern ihre Kollegen aus Polen, Tschechien, Russland, einem Israeli und Dr. Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst. Hier gab es professionelle Simultandolmetscher, sodass alles zu verstehen war. In meinem Vortrag würdigte ich den Gestalter der Gedenkstätte Chatyn, den Architekten Leonid Lewin, und stellte unsere Aktivitäten für „vergessene“ NS-Opfer vor. Es war eine lebhafte Konferenz mit einem bemerkenswertem Defizit: Es fehlten deutsche Fachhistoriker. Nur einer der belorussischen Konferenzteilnehmer hat die Sprachkompetenz zur Forschung in deutschen Archiven. Deutsch-belorussische Historikerkontakte scheinen dringend geboten zu sein.

Am 70. Jahrestag dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit fuhren wir zur Gedenkveranstaltung auf dem Dörferfriedhof Chatyn, etwa 50 km von Minsk entfernt. Der deutsche Botschafter und sein Militärattaché waren präsent, heimische und ausländische Prominenz in großer Zahl. Zurück in Minsk begann die nächste Konferenz zu Maly Trostenez, der größten deutschen Vernichtungsstätte auf sowjetischem Besatzungsgebiet. Organisator war Peter Junge-Wentrup von der IBB-Dortmund, dem sowohl die Existenz des Hauses mit dem Namen des früheren Bundespräsidenten als auch die Minsker Geschichtswerkstatt zu verdanken ist. Es nahmen etwa 250 Leute aus Belarus und Deutschland teil, darunter viele Zeitzeugen. Im Mittelpunkt des Tages stand die Diskussion über die künftige Gedenkstättenlandschaft auf etwa 100 Hektar mit ihren drei Mordstätten. Eine davon heißt Blagoschtschina, wo auch Tausende Juden aus Berlin, Wien, Hamburg, Köln, Königsberg erschossen wurden. Alle Namen der aus dem „Altreich“ deportierten Menschen sind bekannt und sie sollen in der künftigen Gedenkstätte veröffentlicht werden, zu der Leonid Lewin seine Entwürfe vorstellte. Peter Junge-Wentrup will dafür Geld einwerben und bot Herrn Morré und mir die Zusammenarbeit an. Auf den ersten Blick ein verdienstvolles Vorhaben. Aber auf dem riesigen Gesamtgelände starben auch zigtausende Einheimische, deren Namen niemand kennt. Wie viele sowjetische Kriegsgefangene wurden dort ermordet? Mich erschüttert die Vorstellung der Würdigung deutscher Juden mit einer wunderbaren Gedenkstättengestaltung – und der Anonymität einheimischer NS-Opfer. Niemand scheint sich Gedanken zu machen über einen Informationsort, der Aufklärung bietet. Solche Aufklärungsstätte muss der belorussische Staat leisten, im besten Fall in Kooperation mit deutschen Historikern unter Einbeziehung des deutschen Bundesarchivs (Freiburger Militärarchiv).

Leider waren meine sich in den Konferenzpausen und gemeinsamen Fahrten bietenden Kontaktmöglichkeiten beschränkt durch geringe Sprachvermittlung. Aber mit dem Leiter der Geschichtswerkstatt Dr. Kuzma Kozak, der etwas Deutsch spricht, konnte ich nebenher eine Vereinbarung treffen: Im September komme ich nach Minsk, um zusammen mit dem ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Boris Popow die Schicksale dieser auch in der Minsker Geschichtswerkstatt bisher vergessenen NS-Opfer vorzustellen.

Eberhard Radczuweit.

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